Die Fotografie "The Triumph of Pan (after Poussin)" aus dem Jahr 2004 von Eleanor Antin © Eleanor Antin/Ronald Feldman Gallery New York

Jede Gesellschaft schafft Räume der Ekstase, des Ausbruchs aus der alltäglichen Rationalität. Die Ekstase verheißt Grenzen Sprengendes. Und doch ist kaum etwas besser organisiert als sie. Die Masse kann sich für 90 Minuten noch so sehr in das Fußballspiel hineinsteigern, sie wird dabei von Polizeieinheiten bewacht. Die erlaubten Rauschmittel sind, wenn nicht verboten, üppig besteuert und alterskontrolliert. Vor dem Club sortieren die Türsteher die besonders üblen Gestalten aus. Die bewusstseinserweiternden Kulte (Dionysos, Karneval, Love Parade) unterlagen und unterliegen einer kalendarisch fest umrissenen Dauer.

Die Ordnungsmanie erwacht, sobald es ekstatisch zu werden droht, und das mag seit je auch wirtschaftliche Gründe haben: Wer sich in religiöser Entrückung vereint mit dem Schöpfergott wähnt, seinen Körper einer Orgie preisgibt, die Fantasie mit Pilzen befeuert, ist beglückt, aber flachgelegt und arbeitsunfähig. Und dann erst der Kater. Die Ekstase muss man sich zeitökonomisch eben leisten können (weshalb auch, dies nur nebenbei, der ausbeutungsfaule Sozialismus so alkoholselig und weltflüchtig war).

Das griechische Wort ékstasis bezeichnet das Aus-sich-Heraustreten. Und es ist natürlich ein Wagnis, diesem so unscharfen Begriff eine große Kunstausstellung zu widmen, die von der Antike bis zur Gegenwart reicht. Dass dies im Kunstmuseum Stuttgart so meisterhaft glückt, liegt nicht nur an dem einen oder anderen spektakulären Werk, das man besorgt hat (und das für sich jeweils sehenswert ist), sondern an klugen, immer wieder überraschenden Arrangements. Bereits im ersten Ausstellungsraum, der Dionysos gewidmet ist, möchte man endlos lange verweilen. Stehen die Mänaden, die Begleiterinnen der dionysischen Züge, auf antiken Vasen noch in ritueller Ordnung nebeneinander, verfällt der Brauch zusehends zum burlesken Alkoholgelage in Gemälden des 17. Jahrhunderts, etwa bei Jürgen Ovens oder Gérard de Lairesse.

Vollends hinüber sind die vom Fest heimkehrenden Bacchanten bei Lovis Corinth, wo die schwelgende Wollust desorientierter Versoffenheit gewichen ist. Vielleicht auf etwas allzu botschaftsversessene Weise ergänzt eine feministische Fotografie von Eleanor Antin die dargebotene Sinnenlust: In der nachgestellten Szenerie von Poussins berühmtem Bild Triumph des Pan fehlt die zentrale Figur des steinernen Priapos, der einst den männlich-erotischen Fluchtpunkt der liebesentflammten Frauen markierte.

Dass man kurz darauf einen Raum betritt, der religiöse Entrückungen zum Thema macht, ist auf wunderbare Weise ketzerisch. Eine Kopfstudie für die heilige Theresa von Bernini, die verzückt in den Himmel blickende Schöne auf dem Gemälde L’Extase von Jean Benner, ja selbst der große, schaudernde Franziskus im Bild von Francisco de Zurbarán zeigen eine Ergriffenheit, die ans Vulgäre grenzt. Man wird sich in dieser Ausstellung überhaupt auf fast melancholische Weise bewusst, wie wenig einzigartig die grundlegenden Affekte des Menschen sind. Die Gesichter entgrenzter Raver und Heroinsüchtiger der Gegenwartskunst sind barock-bacchantisch, die religiös Beseelten vor Jahrhunderten schon wie vom Opium entstellt. Dass man zu allen Zeiten und in allen Kulturkreisen aus der Haut fahren mochte, zeigen afrobrasilianische Kunst und Schamanen-Darstellungen.

Die klassische Moderne bringt das drogenkonsumfreudige Nachtleben ins Bild und damit auch die Kehrseite des Rauschs. Die Boheme altert so furchtbar rasant. In dem berühmten Gemälde von Otto Dix kämpft die Tänzerin und Schauspielerin Anita Berber mit viel Schminke und lasziver Pose gegen ihren Verfall an. Der Kräuterschnaps Absinth weckt bei dem Schriftsteller auf Albert Maignans Gemälde Die grüne Fee eine eher zweifelhafte Bewusstseinserweiterung. Auf den Fotografien von Larry Clark schießen sich die Sechzigerjahre-Junkies schon mal aus Versehen mit einer Knarre ins Bein.

Der Popkultur ist die Tristesse von Anbeginn eingeschrieben, das chemisch erzeugte Glück ist ein Fall für die Notaufnahme. Es überlebt, wer sich schließlich den so verhassten bürgerlichen Institutionen, den Ärzten, Krankenschwestern und Sozialarbeitern anvertraut, die den Außer-sich-Geratenen wieder aufpäppeln.

Interessanterweise wirkt die Kunst, die eine verzweifelte Jugendkultur zum Thema macht, heute biederer als die Renaissance-Bilder religiöser Entzückung. Wurde der körperliche Orgasmus einst, häufig in häretischer Absicht, noch camoufliert, wird er in der Moderne geheimnislos ausgestellt. Andy Warhols Film Blow Job zeigt 41 Minuten lang das Gesicht eines Mannes, der sich zum Höhepunkt bringen lässt. Ein Sujet, das Aura Rosenberg fortsetzt, unzählige Fotos zeigen ebenfalls lustschmerzhaft verzerrte Männergesichter. Mit der sexuellen Serialität rückt die Kunst in die Nähe des Pornos, dieser fleischgewordenen Redundanz. Die Skandale sind jedenfalls abgenutzt, man blickt heute mit eher historischem Interesse auf die so zahlreichen antibürgerlichen Tabubrüche in der Kunst.

Die Ausstellungmacher nutzen die variable Bespielbarkeit ihres modern-eleganten Museumsbaus aus. Man kommt aus verwinkelten Arrangements in weite Räume und umgekehrt. Und natürlich darf in einer zeitgenössischen Ausstellung das unmittelbare Erleben nicht zu kurz kommen. Licht- und Klangeffekte sorgen im Dream House von La Monte Young und Marian Zazeela dafür, dass man Stuttgart berauscht und verdammt guter Laune verlässt.

Die Ausstellung "Ekstase" ist bis zum 24. Februar 2019 im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio