Ein gutes Pausenbrot kann einen weit bringen. In der Schule waren alle immer neidisch auf mein Sandwich: dunkel getoastetes Brot, Kochschinken, Käse, Salat und Mayo, diagonal geschnitten. Manchmal war sogar ein Gürkchen drauf. Alle wollten es haben, ein paar ältere Mädchen boten mir Zigaretten dafür an. Als meine Englischlehrerin das mitbekam, kaufte sie morgens immer eine Rosinenschnecke beim Bäcker, um sie gegen mein Pausenbrot einzutauschen. Kurz gesagt, ich war ein König. Und nur, weil meine Mutter sich morgens fünf Minuten Zeit nahm, mir eine Stulle zu schmieren.

Mit der Schule war auch die Zeit des Pausenbrots vorbei (und damit meiner Regentschaft). Dachte ich zumindest. Dann fragte ich mich eines Tages, warum es Leute gibt, die auf Instagram (dem Pausenhof für Mittdreißiger) Fotos von Essen in Tupperdosen teilen. Und ich verstand: Es gibt das Pausenbrot für Erwachsene. Es heißt Mealprep.

Mealprepper sind Leute, die ihre Mahlzeiten planen und vorkochen. Im extremsten Fall für eine ganze Woche. Sie tun das aus drei Gründen. Um Geld zu sparen. Um Kontrolle darüber zu haben, was sie essen. Um mit Fotos von ihrem Essen ihren sozialen Status im Netz via Likes zu erhöhen. Unter dem Hashtag #Mealprep findet man dort Bilder von Reispfannen, Quinoa-Salaten, Broccoli-Süßkartoffel-Kichererbsen-Kompositionen mit unendlich viel Lachs oder Hühnchenbrüsten, alles farbenfroh und symmetrisch angerichtet in kleinen Ess-Containern.

Mealprepping ist also vor allem auch eine ästhetische Herausforderung. Sie beginnt mit der Wahl der Aufbewahrungsbox. Ich kaufte das Dreier-Set spülmaschinentauglicher Premium-Mealprep-Container mit verschließbarem Deckel (22,99 Euro auf Amazon für Prime-Mitglieder). Natürlich aus Glas, Plastik ist das pure Gift. Dann musste ich die richtigen Rezepte finden. Es gibt sehr, sehr viele im Internet. Weil ich es nicht mag, mich entscheiden zu müssen, habe ich meine Boxen immer nach jenem Prinzip aufgefüllt, nach dem in diesen neuen hawaiianischen Restaurants die sogenannten Bowls zusammengestellt werden: Korn als Basis (zum Beispiel Quinoa), Gemüse (Zucchini, Aubergine), Proteine (Fisch, Tofu). Es war zwar eher Nährstoffmanagement als Kochen. Sah aber super aus auf Fotos.

Fairerweise muss ich sagen: Ich bereitete nur meine Mittagessen vor, jeweils für drei Tage, der Aufwand für eine komplette Wochenplanung war mir zu groß. Und außerdem ging es mir ja darum, den Kollegen zu zeigen, dass ich besser bin als sie. Und dafür sollte eine Mahlzeit am Tag reichen.

Ernährungstechnisch ist die Sache sehr zu empfehlen. Gesundes Essen, kleinere Portionen. Das tägliche kantineninduzierte Fress-Koma blieb aus. Der entscheidende Unterschied zum Pausenbrot aber ist: Etwas gemacht zu bekommen ist viel befriedigender, als etwas selbst zu machen. Statt mütterlicher Liebe zwischen zwei Scheiben Brot trägt man einen kalten Glascontainer mit Kichererbsensalat Richtung Kantine. Statt Neid erntet man belustigte bis verwirrte Blicke. Plötzlich ist man nicht mehr der König, sondern das komische Kind mit der Lebensmittelunverträglichkeit.

Ein Kollege weigerte sich sogar, mit mir und meinem Mealprep-Napf essen zu gehen. Und ich kann es nachvollziehen: Das verbindende Element an einem Arbeitsplatz mit Kantine ist ja gerade, dass alle das Gleiche essen müssen. Man kann noch so unterschiedlicher Meinung sein, wenn alle vor einer backsteinförmigen Gemüse-Frittata mit Quark sitzen, eint das. Seine eigenen Mahlzeiten aufzutischen ist da fast ein Akt der Aggression.

Ich habe wieder aufgehört mit dem Mealprepping, weil es mir einfach zu dumm wurde, meine Sonntage in der Küche zu verbringen und mir zu überlegen, was ich in drei Tagen essen will. Außerdem musste ich immer viel wegschmeißen, weil einiges übrig blieb. Es ist einfach unmöglich, Couscous-Salat mit Paprika für genau eine Person für genau ein Mittagessen zuzubereiten.

Ich verstehe aber, warum die Leute es machen. Das hat mit dem Alter zu tun. Ich bin jetzt 31. Und wie die amerikanische Stand-up-Comedian Ali Wong sagt: "Darum geht es in den 30ern. Wie kriege ich noch mal die Kurve." Als Kind macht man sich keine Gedanken und isst, was die Eltern einem geben. Dann wird man älter, will unterwegs sein, feiern, Leute treffen. Und nimmt, was man findet, Zigaretten, Alkohol und noch mehr. Einmal, in Frankreich, habe ich Chlorbleiche geschnüffelt, um high zu werden. Und plötzlich ist man 30 und fragt sich, was man sich nur dabei gedacht hat. Also fängt man an, streng alles zu kontrollieren, was in den Körper kommt, als wäre man ein bayerischer Grenzbeamter.