Im Rennen um die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft liegt Amerika weltweit vorn, richtig? Jedenfalls teilt es sich die Spitzenposition mit der Schweiz, wie der jüngste Global Competitiveness Report des Davoser Weltwirtschaftsforums (WEF) meldet. Und die EU? Unter den großen Ländern liegt Deutschland immerhin auf Platz 5 und England auf Platz 8. Doch Frankreich hinkt als Nummer 22 hinterher, und Italien gar als Nummer 43.

Also sind die USA toll aufgestellt, die EU ist durchwachsen, was intuitiv plausibel zu sein scheint. Jetzt zur Überraschung: Eine neue Studie des US-Forschungsinstituts National Bureau of Economic Research (NBER) wirbelt diese Rangordnung durcheinander – wie in dem Kinderspiel Bäumchen, wechsle dich. Der Titel des Forschungsberichts ist schon die Botschaft: "Wie EU-Märkte wettbewerbsfähiger geworden sind als amerikanische".

Wieso kommen zwei Untersuchungen zu entgegengesetzten Schlüssen?

Antwort: Die beiden Studien beschäftigen sich mit zwei verschiedenen Bedeutungen des Begriffs "Wettbewerbsfähigkeit". Das WEF betrachtet Länder, das NBER Märkte. Dahinter lauert ein Denkfehler der Davoser. Länder als solche sind im ökonomischen Sinne nicht mehr oder weniger konkurrenzfähig; das können nur Märkte und Firmen sein. Nicht Deutschland hat die Fußball-WM verloren, sondern Jogi Löws Mannschaft. Nicht Deutschland ist der Exportweltmeister, sondern seine Exportindustrie mit Tausenden von Unternehmen.

Statt sich wie der WEF in 25 Indikatoren zu verstricken, die von Innovation bis Nachhaltigkeit, von Gesundheit bis Grundschulbildung reichen, haben sich die Autoren des NBER auf das Wesentliche beschränkt: Wie sind in den USA und in der EU die Märkte strukturiert? Fördern oder hemmen sie die Konkurrenz? Stellt der Staat privilegierte Räume her, etwa durch ein Postmonopol, die Neuankömmlinge fernhalten? Das kontraintuitive Fazit der beiden NBER-Autoren: "Bis in die Neunziger waren US-Märkte wettbewerbsfreundlicher als europäische", war Amerika der Musterknabe der Marktwirtschaft, heute aber ist es Europa. "Die europäischen Märkte zeigen geringere Konzentration (also mehr Konkurrenten), bescheidenere Gewinne und niedrigere Eintrittsbarrieren."

Was ist passiert? Um 1900 herum waren es schließlich die USA, die eine rigorose Anti-Trust-Politik entwickelten. Die Rockefellers, Morgans und Carnegies hatten es zu weit getrieben. Derweil in Europa Monopole, Oligopole und Kartelle florierten, ging es den Marktmanipulatoren in den USA an den Kragen. Der berühmteste Fall ist die Zerschlagung der Standard Oil anno 1911, die Konkurrenten gnadenlos niedergewalzt hatte. Aus dem weltumspannenden Moloch wurden 34 Treibstoffanbieter. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich das US-Modell schrittweise in Westeuropa durch, und nun zeigt sich, dass die gelehrigen Schüler den Mentor überflügelt haben.

Die EU hat reihenweise staatlich eingekastelte Märkte geknackt: Luftverkehr, Telekommunikation, Post, Energie, Transport, Wasser. Der deutsche Konsument ist kein Gefangener der Bundespost mehr; er kann beim Telefon unter mehreren Anbietern wählen. Die Altvorderen erinnern sich noch an 20 Pfennig pro Ortsgespräch, etwa 50 Cent heute. Doch inzwischen tendieren die Kommunikationskosten in Deutschland gen null.

Woran erkennt man kompetitive Märkte? Vorweg an der Konzentration und den Profitraten. Je höher die Konzentration (durch weniger Firmen), desto exzessiver die Gewinne (aufgrund mangelnden Wettbewerbs). EU und USA gehen hier seit den späten Neunzigern entgegengesetzte Wege. In der EU fielen die Profitraten im Tandem mit dem erleichterten Zugang neuer Marktteilnehmer, derweil sie in Amerika hochgingen. Mithin herrscht in Good Old Europe der härtere Wettbewerb. "Glauben die Europäer etwa mehr an Milton Friedman als die Amerikaner?", fragen die Autoren der NBER-Studie. "Sind sie die wahren Fans freier Märkte?"

"Wahrscheinlich nicht", antwortet das Duo. Wie lässt sich dann die Kluft erklären?