In der Wärme eines Herbsttages, der sich noch wie Sommer anfühlt, sitzen die Doktoranden und warten auf einen ungewöhnlichen Gast. Professoren von fremden Universitäten sind zwar hier am PIK, dem Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, nichts Besonderes. Eine Professorin aber, die in Publikumszeitschriften auftaucht, die als Gesicht einer neuen Forschungsrichtung gilt und international Schlagzeilen macht, schon eher. Wie sie wohl ist?

Friederike Otto kommt barfuß in den Seminarraum und legt ohne Vorrede los. Denn diese Frau hat viel zu sagen. Fachlich – dafür hat sie Grafiken und Zahlen dabei. Engagiert – das zeigt ihre Körpersprache. Solange sie vorträgt, ist sie in Bewegung. Am linken Handgelenk klackern zwei Ketten gegen eine zu weite Armbanduhr, als sie an den Fingern abzählt, was sie mit Worten aufzählt.

Otto spricht über eine Frage, die sich bei jeder Wetterkapriole stellt: Hängt das jetzt mit dem Klimawandel zusammen? "Wenn wir Forscher darauf nicht antworten", sagt Otto mit markanter, erstaunlich tiefer Stimme, "dann werden es andere Menschen tun. Und die ... nun, die werden ihre eigene Agenda haben."

Lange galt die Regel, dass sich die Frage für einzelne Regenfluten oder Hitzewellen nicht beantworten lasse. Otto gehört zu den paar Fachleuten, die diese Regel ausgehöhlt haben. Damit ist sie sozusagen die Frau dieses Sommers.

Denn die Klimaforscherin von der Universität Oxford hat ausgerechnet, wie groß der Beitrag der globalen Erwärmung zu den Hitzespitzen dieses Jahres war. Nicht im Allgemeinen, sondern ganz konkret: Demzufolge hat der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit für eine Hitzewelle im irischen Dublin verdoppelt, im niederländischen Utrecht verdreifacht und im dänischen Kopenhagen sogar verfünffacht.

Diese Zahlen sorgten Ende Juli, als die Hitze sich dem Höchststand näherte, international für Schlagzeilen. In Ottos Team haben sie ausgewertet, wie oft Zeitungen und Nachrichtenwebsites weltweit über ihre Studie zur Sommerhitze berichtet haben: "zweitausendfünfhundertmal".

Es ist der vorläufige Aufmerksamkeitsgipfel einer ungewöhnlichen Karriere. Vergangenes Jahr wurde Otto zur Vizedirektorin des Environmental Change Institute der Universität Oxford ernannt und damit zur Chefin von 70 Mitarbeitern. Heute publiziert sie in den renommiertesten Journals ihres Fachgebiets und ist als Autorin für den nächsten Bericht des Weltklimarats IPCC berufen. Und seit dem Hitzesommer ist sie nun auch in Deutschland richtig bekannt.

"Meine Mutter aus Kiel rief an und erzählte mir, eine ihrer Freundinnen habe mich in der Brigitte gesehen", erzählt Otto heiter. So ist die Forscherin, die von sich sagt, dass sie sich nicht vorstellen könne, nach Deutschland zurückzukehren, plötzlich in der alten Heimat eine gefragte Person. "Die englischen und amerikanischen Medien interessieren sich für unsere Wissenschaft, die deutschen für mich."