Es ist klein, rosa und – darauf können sich in diesem gespaltenen Land dann doch die meisten einigen – extrem niedlich. Jetzt steht es im Zentrum der großen Politik. Wie ist das Ferkel da bloß hineingeraten?

Das liegt zunächst am Ferkel selbst. Man kann sein Fleisch braten und zu Wurst verarbeiten, aber aus einer Laune der Natur heraus ist es oft nur unter der Bedingung genießbar, dass das Tier frühzeitig kastriert wurde. Mancher Eber stinkt nämlich so sehr, dass ihn niemand essen will.

Der andere Grund, warum dem Ferkel Bedeutung zukommt, ist die Politik, genauer der Koalitionsausschuss von CDU, CSU und SPD, der am Montag dieser Woche entschied, das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration zu verschieben.

Es war eine politische Entscheidung, beim Fleisch auf Kostenführerschaft zu setzen

Man muss kein Ferkelexperte sein, um zu begreifen, dass so eine Kastration schmerzhaft ist. Das stellt auch niemand infrage. Die große Koalition selbst hatte ja schon vor fünf Jahren beschlossen, es müsse mit der martialischen Praxis ein Ende haben: Der Bauer greift sich das Schweinchen und schneidet ihm kurzerhand selbst die Hoden ab, statt für wenige Euro den Tierarzt zu rufen, der das Tier betäuben könnte. Eine Übergangsfrist gab den Ferkelhaltern Zeit, ihre Betriebe umzustellen. Die Frist sollte Anfang 2019 auslaufen – nun soll sie nach dem Willen der Regierung um zwei Jahre verlängert werden. Ob es so kommt, darüber muss noch der Bundestag entscheiden.

Sachgründe für eine Verlängerung gibt es nicht. Schonende Methoden sind verfügbar, doch bedeuten sie für die Ferkelhalter einen finanziellen Mehraufwand. Entsprechend groß ist der Widerstand des Bauernverbandes.

Gegen die Lobby hat die Koalition sich nicht durchgesetzt. So ist die fürs Wohl der Nutztiere zuständige Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) seit Montag recht schweigsam. Sie hatte sich vorgenommen, die Probleme der Landwirtschaft hinter dem ihr eigenen Allzweckcharme zum Verschwinden zu bringen. Und tatsächlich stört es niemanden, dass Klöckner beim Tierschutz so wenig erreicht wie ihre Vorgänger.

Alexander Dobrindt (CSU) dagegen machte aus dem Versagen der Politik einen Sieg: Nun sei Ferkelzucht auch in Zukunft in Deutschland möglich, verkündete er. Fast klingt es, als schuldeten die Ferkel ihm Dank.

Es ist natürlich deprimierend, wenn die Politik behauptet, gegen die Gesetze des Marktes nichts ausrichten zu können. Im Fall der Ferkel ist es zudem falsch.

Es war eine politische Entscheidung, bei der Fleischproduktion auf Kostenführerschaft zu setzen, also so billig wie möglich zu produzieren. Die Kaufpreise für Fleisch sind für den Verbraucher drastisch gesunken – misst man sie an der notwendigen Arbeitszeit, um das Fleisch bezahlen zu können. Man könnte das in Dobrindt-Manier als Demokratisierung des Fleischessens bezeichnen, hätte das Fleisch nicht deutlich an Qualität eingebüßt. Ohne Panade und Soße schmeckt ein Schnitzel nach wenig. Ersetzte man die Kaumasse durch Tofu, die Leute würden es nicht merken, denn die Rassen wurden auf Ertrag gezüchtet – wenig intramuskuläres Fett und viel Fleisch.

Bei der Fleischproduktion allein auf den Preis zu setzen hat die scheinbar unlösbaren Probleme mit sich gebracht, vor denen die Nutztierhaltung heute steht; eben den Umstand, dass schon die kleine freundliche Geste, den Tieren nicht bei vollem Bewusstsein die Hoden herauszureißen, die betriebswirtschaftliche Kalkulation sprengt.

Die Verzehrmengen lassen sich trotz Niedrigpreisen nicht steigern, im Gegenteil, die Deutschen essen weniger Schweinefleisch. Und was den Export betrifft, können die hiesigen Nutztierhalter sich im globalen Wettbewerb schon jetzt nicht mehr behaupten. Es gibt Länder, die nicht nur beim Tierschutz die Standards senken können, sondern auch bei Mindestlohn und Arbeitssicherheit der Tierhalter und Schlachthofmitarbeiter, was in Deutschland zwar versucht wird, aber nur bedingt möglich ist.

Die Frage ist, wie man da wieder rauskommt.

Man könnte sich mit dem Gedanken anfreunden, dass der Verbraucher so erwachsen ist, die unschöne Seite der Landwirtschaft zu ertragen. Müssten die Hersteller Angaben zu Fütterung und Tiergesundheit machen, könnte der Supermarktkunde selbst zwischen seinen widersprüchlichen Wünschen entscheiden: Bulette oder Tierschutz. Ganz ohne die Hilfe von Julia Klöckner, die ja einen sehr eigenen Begriff von Tierschutz hat, wenn sie nicht mal versucht, die Qualverlängerung aufzuhalten.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio