Wenn die Frankfurter Buchmesse in der kommenden Woche ihre Pforten öffnet, soll sich auf keinen Fall wiederholen, was im letzten Jahr geschah: Tumulte, Handgreiflichkeiten und Polizeieinsätze rund um Verlage der Neuen Rechten. Daher ist die Messeleitung unter Juergen Boos auf eine verwegene Idee verfallen. Der Verlag der Wochenzeitung Junge Freiheit soll, gemeinsam mit zwei anderen, in einer Art Schlauch verschwinden, einer Sackgasse am Rande der Halle 4.1, in der ansonsten Antiquariate untergebracht sind. Ein raumgewordener politischer Katzentisch.

Nichts für Flaneure also: Wer zu den Rechten will, muss schon wissen, wo sie sind, und dann auch in Kauf nehmen, dass man zwar hineinkommt, aber nicht wieder raus, wenn erst mal zwei, drei Leute den Eingang blockieren. Die Messeleitung mochte sich auf Nachfragen nicht zu ihrer Entscheidung äußern.

Dieter Stein, dem Chefredakteur der Jungen Freiheit (JF), seit über einem Vierteljahrhundert Messegast, wurde mitgeteilt, dass man sich zu dem Schritt gezwungen sah, nachdem es im vergangenen Oktober während eines Vortrags am Stand der JF zu Handgreiflichkeiten gekommen war. Stein ist sicher: Die Junge Freiheit soll rausgemobbt werden. Der Verleger Götz Kubitschek hat bereits Konsequenzen gezogen und bleibt der Messe in diesem Jahr mit seinem Verlag Antaios fern.

Natürlich muss die Messeleitung für Sicherheit sorgen. Wenn es zu körperlichen Übergriffen kommt, ist Alarm angesagt. Aber hier geht es nicht nur um Sicherheit. Man will "Haltung zeigen", so wie im letzten Jahr, als Mitglieder des gastgebenden Börsenvereins Schilder "Gegen Rassismus" und für "Freiheit und Vielfalt" durch die Hallen trugen. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) ließ seinen Mund fotografieren, von wegen "Zähne zeigen" als Statement gegen rechts.

Diese Form der Diskurshygiene von oben irritiert insbesondere mit Blick auf die Junge Freiheit. Es gibt dort zweifellos aggressive Plädoyers gegen Multikulturalismus, das Erbe von 1968, Merkels Flüchtlingspolitik und die Bildungspolitik der Gegenwart. Diese Zeitung ist äußerst rechts und nationalkonservativ. Sie kommt auch nicht ohne eine illiberale Feind-Erklärung aus. Sie druckt aber ebenso scharfe Auseinandersetzungen mit dem Antisemitismus und Rassismus in den eigenen Reihen. Ein langer Aufsatz des AfD-Bundestagsabgeordneten Marc Jongen, eines Sloterdijk-Schülers, setzt sich kritisch mit den judenfeindlichen Schriften seines Parteifreunds Wolfgang Gedeon auseinander. Chefredakteur Dieter Stein selbst kritisierte AfD-Reden gegen "Kümmelhändler und Kameltreiber", "Vogelschiss" und "Entsorgen". Gewiss, meist geschieht das mit strategischen Begründungen: kostet zu viele Stimmen, verschreckt bürgerliche Wähler. Aber es geschieht, und zwar konstant.

Der 51-jährige Dieter Stein markiert die Schwierigkeiten eines Milieus, das konservativ sein, aber nicht hassen oder gar vernichten will. Sohn eines Militärhistorikers und Berufssoldaten, trat er 1982 vor allem wegen der Wiedervereinigung in die CDU ein – um dann im Laufe der Achtzigerjahre enttäuscht festzustellen, dass die das Thema aus pragmatischen Gründen mehr oder weniger von der Agenda nahm. Die Junge Freiheit entstand im Milieu von Freiburger Burschenschaftern. Stein hantierte über die Jahre mit Begriffen wie der "Konservativen Revolution" und der "Selbstbewussten Nation" – trennte sich aber von Autoren, die damit blutigen Ernst machen wollten. Die Junge Freiheit ist das Hausblatt all derjenigen in der AfD, die sich als "gemäßigt" betrachten. Warum es in einer Sackgasse verschwinden soll, ist nicht einzusehen.