Es ist bezeichnend, dass Hanns Eisler sein Hollywooder Liederbuch als Ganzes selbst niemals im Konzert hören konnte. Noch viele Jahre nach seinem Tod fand sich kein Sänger-Pianisten-Duo und kein Ort, keine Gelegenheit, alle 1942/43 im amerikanischen Exil entstandenen 47 Lieder aufzuführen. Als Erste sang schließlich die Mezzosopranistin Roswitha Trexler die Liedercollage vor Publikum, im Jahr 1982.

Im Grunde hatte Eisler so etwas bereits geahnt. Auf eines seiner Autographe notierte er: "In einer Gesellschaft, die ein solches Liederbuch versteht und liebt, wird es sich gut und gefahrlos leben lassen. Im Vertrauen auf eine solche sind diese Stücke geschrieben."

Der Bariton Holger Falk gibt den Liedern auf der dritten CD seiner vierteiligen Eisler-Reihe nun vor allem eine zeitgenössische Lesart: "Vor nicht allzu langer Zeit waren die engagiertesten und begabtesten deutschen Künstler Flüchtlinge", sagt er. "Im Angesicht der sogenannten Flüchtlingskrise von heute haben diese Lieder eine ungeheure Aktualität."

Eislers Vertonungen, hauptsächlich von Texten Bertolt Brechts, sind Abrechnungen mit dem Nationalsozialismus, mit dem stummen Opportunismus der Mehrheit. Der Exilant, den stets Heimweh umtrieb, beklagt darin auch das kapitalistische Kunstvermarktungssystem Hollywoods.

Auf Holger Falks und Steffen Schleiermachers Aufnahme kommen noch sechs weitere Stücke aus der Zeit hinzu. Markig und zugleich sensibel nähern sie sich dieser hochpolitischen Musik, und vermeiden dabei doch agitatorischen Gestus. Falk singt mit einer enormen klanglichen Bandbreite, die keine musikvergessene Entspannung zulässt: Es ist, als bissen sich die Texte mit jeder Silbe, jedem Ton tiefer ins Ohr hinein.

Manches ist in solch nackter Interpretation starker Tobak: die Anakreontischen Fragmente mit ihrem bitteren Hohn, ihrer sengenden, hässlichen Verzweiflung oder das bestürzend lyrische, zerbrechliche Lied der deutschen Mutter. Falks Gestaltungsvermögen ist sensationell, und mit Steffen Schleiermacher (dem Pianisten) hat er einen ebenbürtigen Partner gefunden. Eisler nämlich schreibt, wie Schubert, dem Klavier einen eigenständigen, oft sehr eigensinnigen Part zu. Schleiermacher weiß mit dieser Stimme regelrecht zu agieren: Mal schmeichelt er dem Gesang, mal grätscht er barsch dazwischen. Das ist scharfsichtig – und in dieser Kombination wirklich unglaublich gut.

Holger Falk/Steffen Schleiermacher: Hanns Eisler – Songs in American Exile 1938–1948 (MDG)