Eine "Saga" nennt der Autor sein Buch, und das ist es tatsächlich: eine intim verwobene, am Ende tödlich verstrickte Familiengeschichte jener Gründergeneration bolschewistischer Berufsrevolutionäre, die mit dem Oktobercoup 1917 und anschließendem Bürgerkrieg an die Macht kamen. Der in der Sowjetunion geborene, in Kalifornien lehrende Ethnologe und Historiker Yuri Slezkine will den meteorhaften Aufstieg und das abrupte Verglühen des Weltkommunismus, jedenfalls in seiner ursprünglichen Gestalt des Bolschewismus, in eine weitverzweigte, historiografisch anspruchsvolle epische Erzählung bringen. Mit kunstvoller Lakonie entfaltet der Autor aus den zahlreichen Quellen ein Panorama begabter, getriebener und zerrissener Männer (und einiger weniger Frauen), die sich im revolutionären Kampf eine moralische Drachenhaut überziehen, in der sie am Ende ersticken oder verkümmern. Selbst Shakespeares Königsdramen wirken wie Kammerspiele im Verhältnis zu dem Geschehen, das im Großen Terror zwischen 1936 und 1939 wie in einem Mahlstrom rings um den Kreml zahllose jener "Altbolschewiki" verschlungen hat.

Diesem dunklen Kern der sowjetischen Historie nähert Slezkine sich durch einen zweifachen Kunstgriff. Der erste besteht darin, die Erzählung um einen zentralen Topos zu gruppieren: um jenes 1930/31 errichtete "Haus der Regierung" am Ufer der Moskwa, schräg gegenüber dem Kreml, in dem ein großer Teil der engeren sowjetischen Machtelite mit seinen Familien untergebracht wurde. Dieser Komplex kombinierte 550 unterschiedlich große, mit modernem Komfort ausgestattete Wohnungen mit diversen Gemeinschaftseinrichtungen (wie Kantine, Ambulanz, Post- und Telegrafenamt, Kinderhort, Friseursalon) sowie mit Bildungs- und Vergnügungsstätten, darunter eine Bibliothek, ein Theater und ein Kinosaal für 1500 Zuschauer. Es war eine nach außen abgeschlossene "Stadt in der Stadt", die eine "kommunistische" Lebensform mit einem individuellen Familienleben verbinden sollte – und dies beides nie wirklich zusammenbrachte.

Der Stoff ist nicht unbekannt. Das "Haus an der Moskwa" hat in der späten Sowjetzeit Titel und Hintergrund für einen Roman von Juri Trifonow geliefert, der selbst eines der vielen in diesem Haus aufgewachsenen Kinder war. Wissenschaftliche Literatur gibt es ebenfalls über diesen Wohnkomplex, seine Architektur und seine Bewohner.

Aber Slezkine hat dieses Material völlig neu arrangiert. Das "große Haus" dient ihm als ein Prisma, worin Dutzende Lebensläufe sich in all ihren Verschlingungen und Facetten beleuchten lassen, bis sich so etwas wie ein Charakterbild der bolschewistischen Machtkohorte herauskristallisiert. Er lässt seine Helden wie in einem Reigen auftreten, verschwinden und wiederkehren – bis der Mahlstrom sie verschluckt und ihre Angehörigen, oft mit qualvoller Verzögerung, auch. Für diese alle menschlichen Maßstäbe sprengenden Lebensdramen hat er auf einen großen Fundus veröffentlichter oder unveröffentlichter, zeitgenössischer oder posthumer Erinnerungen, Briefe, Tagebücher zurückgreifen können und zudem auf eine Fülle von Fotos der Hauptfiguren mitsamt ihren Frauen und Geliebten, Kindern und Angehörigen, die diese "Saga" zu einem Jahrzehnte umfassenden Familienalbum machen.

Gleichzeitig liefert sein Buch eine dichte Milieustudie der sowjetischen Nomenklatura, die dem stereotypen Bild des stalinistischen Apparatschiks kaum entspricht. Das "Haus der Regierung" wird nicht von großteils abwesenden, in ihrer Arbeit aufgehenden oder in ihren mit Büchern bestückten Arbeitszimmern sich verschanzenden Vätern bewohnt, sondern von ihren weitverzweigten Familien. Außer Frauen und Kindern (oft aus erster und zweiter Ehe) sind das Großeltern, verwitwete Tanten oder aus den Hungergebieten geflüchtete Angehörige. Viele sind bäuerlicher Herkunft, wie auch die Bediensteten und Kinderfrauen, die zum Haushalt gehören. So entspricht dem Leben in der politisierten Öffentlichkeit ein nach innen gewendetes Privatleben eher traditioneller Art, das sich außer um die hohen sowjetischen Festtage und prominenten kulturellen Ereignisse (mit reservierten Logen und Plätzen in Oper, Ballett oder Schauspiel) um die traditionellen Familienereignisse gruppiert wie Geburtstage, Hochzeiten, Weihnachts- und Silvesterfeiern.

Die wenigsten führen ein offenes Haus, außer für enge Freunde und Nachbarn. Die vielen Gemeinschaftseinrichtungen werden selten in Anspruch genommen, eher schon die Ferienheime und Wochenendresorts vor der Stadt; aber auch hier geht der Trend zur "privaten" Familiendatscha. Die Frauen lassen sich ihre zunehmend eleganten Kleider lieber außerhalb schneidern und machen ihre Einkäufe woanders (am liebsten bei Dienstreisen im Ausland). Und die Kinder spielen in den Höfen, bilden Cliquen, die nach der Schule in der gefährlichen Umgebung herumstreifen.

Die Kinder vor allem liefern einige der eindrücklichsten Skizzen dieser bolschewistischen Saga. Als Kleinkinder von ihren in religiösen, archaischen Bilderwelten lebenden Großmüttern und Kinderfrauen erzogen, treten sie später in die Welt ihrer Väter, aber auch ihrer Lehrer und jener offiziellen Kultur der Stalin-Zeit ein. Dabei mischt sich der Kanon eines bolschewistischen Denkens in apokalyptischen Endkampfkategorien auf die paradoxeste Weise mit einem gegenläufigen, klassisch humanistischen Bildungskanon. Das Jahr des Großen Terrors ist auch das Puschkin-Jahr, und Puschkins Eugen Onegin, Tolstois Krieg und Frieden, Goethes Faust oder Balzacs Menschliche Komödie liefern die Leseerlebnisse dieser unendlich bildungshungrigen Generation, viel mehr als die sowjetischen Großautoren mit ihren "negativen" oder "positiven Helden".

Hier, bei den Kindern, aber auch den Frauen, findet Slezkine den Grund, warum das "sowjetische Zeitalter (...) nicht länger als ein Menschenleben" währte, im Wesentlichen die Geschichte dieser Gründergeneration blieb, die sich im Großen Terror weitgehend selbst vernichtet und in den "glücklichen Kindheiten" der Stalin-Ära nur scheinbar fortgezeugt hat.

Das führt aber zur Achillesferse des zentralen Arguments, um das herum Slezkine diese Saga aufbaut: einer geschichtsphilosophischen oder religionsgeschichtlichen These, die den Bolschewismus in eine Kontinuität apokalyptischer, messianischer, endzeitlicher Bewegungen einordnet, welche – vor allem in jüdisch-christlicher Tradition – einem Jüngsten Gericht über die alte, korrupte Welt und dem Anbruch eines tausendjährigen Reiches voll ewiger Harmonie entgegenfieberten.

Slezkine, gelernter Ethnologe, entfaltet sein Argument theoretisch anspruchsvoll. Wenn auch nicht durchweg überzeugend, ist es ein intellektuelles Vergnügen, sich auf diesen in blitzende Aperçus gefassten Ritt durch die Ideengeschichte einzulassen: von Moses und den Propheten bis Jesus als dem Begründer der vielleicht "totalitärsten" Sekte, die es erfolgreich verstand, sich in eine Reichskirche zu transformieren und in den Gewissen ihrer Subjekte festzusetzen; über Mohammed, der vom Propheten zum Reichsgründer wurde; bis hin zu den Reformatoren und den Sekten, die Amerika mitbegründet und den Gärstoff in Russland geliefert haben; schließlich bis Marx als Propheten eines kommunistischen Endreichs, der in der russischen Intelligenzija seine fanatischsten Schüler gefunden habe: Lenins Bolschewiki. Die real existierende moderne Welt entgeht allerdings diesem intensiven Blick auf die emotionale, geistige, politische Formierung jener bolschewistischen Generation und auf die ungeheuerliche Schicksale, die die Genossen einander bereiteten.

Gescheitert sei diese Generation, so die paradoxe Wendung am Ende, weil sie als eine multinationale Sekte trotz exzessiver terroristischer Gewalt und Ideologie nicht fähig gewesen sei, Geist und Gebote ihren von der russischen Orthodoxie geprägten Subjekten tiefer einzupflanzen. "Das Problem des Bolschewismus bestand darin, dass er nicht totalitär genug war" – indem er die eigenen Kinder Tolstoi oder Dumas statt Marx, Lenin und Stalin lesen ließ; indem er es nach 1945 nicht verstand, anders als die Kommunisten Chinas, Vietnams oder Koreas, national zu werden. So irritierend das klingt – es ändert nichts an der epischen Spannung und dem weiten Atem dieses bewegenden Werks.

Yuri Slezkine: Das Haus der Regierung. Eine Saga der russischen Revolution; a. d. Engl. v. Helmut Dierlamm, Norbert Juraschitz u. Karin Schuler; Carl Hanser Verlag, München 2018; 1344 S., 49 €