Das Schöne an diesem Abend ist, dass man für einen Moment glaubt, alles wäre ganz einfach. Es müssten einfach nur alle dieses Stück sehen, die ganze Stadt, das ganze Land, die ganze Welt, und dann wäre sicher noch nicht alles gut, aber vieles besser.

Denn Hexenjagd von Arthur Miller zeichnet fein säuberlich auf, wie eine Gesellschaft komplett durchdreht; man kann vom Parkett aus sehr bequem dabei zuschauen, wie sich, ausgehend von einem lächerlich nichtigen Anlass, die Dinge hochschaukeln. Der Abend ist alles andere als dogmatisch und platt, und dennoch scheint es schwer möglich, hier irgendwas misszuverstehen: Alle haben Angst vor der Angst, einer denunziert den anderen, um sich selbst zu retten, und dass du paranoid bist, heißt ja nicht, dass nicht doch jemand hinter dir her ist. Am Ende sind die Klugen tot, die Dummen verloren, und, das glaubt man dann felsenfest, die Lösung ist einfach, alles nur irgendwie anders zu machen als die Herrschaften auf der Bühne.

So einfach ist es dann natürlich doch nicht. Nur kann man das weder Arthur Miller noch Regisseur Stefan Pucher zum Vorwurf machen – und schon gar nicht dem Ensemble, an dem es zuvorderst liegt, dass dieser knapp drei Stunden dauernde Abend im Thalia wirklich nur in sehr wenigen Momenten eine mühsame Angelegenheit ist und meistens das Gegenteil davon.

Zwei dicke Balken über der Bühne trennen den Himmel von der Erde, sind ein Pfeil nach oben und nach unten ein Dach. Im Himmel tut sich die ganze Zeit über nichts, unten ist, um des Himmels willen, der Teufel los. Auf die Drehbühne hat Bühnenbildnerin Barbara Ehnes aus Wellblech und grobem Holz einen Verschlag gezimmert, den zu erklimmen eine große Mühsal ist, wer oben steht, wirkt wie eine Erscheinung, auch wenn er eine ganz andere Agenda verfolgt.

Stefan Pucher wirft den Abend beinahe ganz auf das zurück, was Arthur Miller geschrieben hat: ein Historiendrama im Look einer teuer produzierten Netflix-Serie, erzählt aus aktuellem Anlass. Der war zu Millers Zeiten die Jagd auf Kommunisten in der McCarthy-Ära, heute weiß man gar nicht, wo man anfangen soll beim Aufzählen der Anknüpfungspunkte zur Wirklichkeit.

Es gibt keine einzige Anspielung auf heutige Ereignisse, Personen, Tendenzen, Dummheiten – und gerade das macht den Abend, das Stück, nein, die Inszenierung so stark: dass sie es nicht für nötig hält, auf ihre eigene Aussagekraft noch extra hinzuweisen. Sondern sich einfach selbst in den Raum hineinstellt. Und sich wirken lässt.

Man könnte szenisch auch auf Distanz gehen zu dem, was hier erzählt wird, den Text als Text kenntlich machen und die Behauptungen hinterfragen, die hier zwischen den Zeilen aufgestellt werden. Das macht Pucher nicht, er lässt lieber erzählen: die große Geschichte um Schmerz, Angst und die Hoffnung auf Glück und Geborgenheit.

Einen feinen Riss bekommt die sauber abschnurrende Handlung durch die Figur der Tituba (Sylvana Seddig), bei Miller eine Sklavin aus Barbados, die mit als Erste der Hexerei verdächtigt wird: Sie bricht das Historiengemälde, weil sie, in einem rosa Plüschmonsterkostüm steckend, immer mal wieder durch die Handlung turnt; mit der stimmt was nicht, denkt man da schnell, und dies nur, weil sie irgendwie komisch aussieht, anders als die anderen, und tja, erwischt: Das ist dann wohl eine – ziemlich geniale – Lektion in angewandter Xenophobie.

Ein paar unnötige Sperenzchen erlaubt sich Pucher dann doch noch, etwa Industrial-Bombast-Choräle, intoniert aus vollem Rohr, ein gesungenes Finale. Bewusst gesetzte Momente, mal zum Aufstacheln der Stimmung, dann wieder, um die Wucht der Worte zu brechen, allerdings: mit noch mehr Pathos, und das führt dazu, dass man sie schon kurz vor den Saaltüren wieder vergisst.

Man darf solche Abende nicht als Lösung für irgendwas missverstehen, nicht nur deshalb, weil die Zuschauer, die das Zuschauen am nötigsten hätten, leider ganz sicher nicht hierherkommen. Aber dass die Welt eine bessere wäre, wenn wir alle mehr ins Theater gingen – dieser Schluss ist ganz sicher nicht der schlechteste.

Weitere Aufführungen: 9. 10., 12. 10., 19.30 Uhr