Wenige Wochen nachdem ich am humanistischen Gymnasium meiner Heimatstadt Worms das Abitur abgelegt hatte, trat ich am 9. August 1996 in das Priesterseminar des Bistums Mainz ein. Mit zwei Koffern, mehr nicht. So überschritt ich die Schwelle der schweren Pforte des alten Klostergebäudes auf der Augustinergasse, die knarrend hinter mir wieder ins Schloss fiel. "Der Kasten" wurde das Seminar weithin genannt; ein Name, der der grazilen Rokoko-Anlage mit ihrer verspielten Kirche und der Orgel, an der schon Wolfgang Amadeus Mozart beim Besuch gespielt haben soll, überhaupt nicht gerecht wird.

In meinem Heimatdorf Wiesoppenheim wurden nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil all diese zierlichen Spielereien aus der Kirche entfernt. Mein Onkel Heinz, Küster in jener Zeit, verbrannte mit dem damaligen Pfarrer Ludwig den Hochaltar nachts auf dem Feld. Wurmstichig sei er gewesen, hieß es. Überlebt hat nur die Figur des heiligen Martin, des Patrons unserer Kirche und des Bistums Mainz. Diese Skulptur hatte bis dahin bereits alle Bilderstürmer überlebt und gilt als die älteste spätgotische Darstellung des Heiligen im Bistum.

Das Konzil hat auch in Wiesoppenheim frische Luft in die Kirche gebracht, im wahrsten Sinne des Wortes: Als Ausgleich für den abgetragenen Hochaltar wurden die zugemauerten Chorfenster geöffnet und mit wunderbaren Glasfenstern, die allerlei biblische Szenen zeigen, versehen. Das Konzil konnte der Volkskirchlichkeit in unserem abgelegenen Dorf keinen Abbruch tun. Auch wenn meine Tanten sagten, dass "heute niemand mehr zur Kirche" gehe, praktizierten bis weit in die Neunzigerjahre hinein noch rund ein Drittel der Wiesoppenheimer Katholiken ihren Glauben. Als Ministrant hatte ich bei der Fronleichnamsprozession mit meinem Freund Jonas "Schellen gedient", also den Dorfbewohnern das Herannahen des Allerheiligsten weithin hörbar angekündigt. Am Allerheiligentag schritt ich mit unserem Pfarrer Gottfried Bell mit dem Weihwasser über den Gottesacker, mit dem er die Gräber der Verstorbenen segnete. Unsere Küsterin hatte mir eingebläut, den Kübel stets zu bewegen, damit das Wasser bei der Kälte nicht überfrieren könne.

Überhaupt Beerdigungen: Wenn es vom Turm her zu einem Begräbnis läutete, dann entließ der Grundschulleiter Hans Rix einige von uns Viertklässlern, um zu dienen. Das ganze Leben rotierte um Aspekte des Kirchlichen. Für einen Jungen, der eine Empfehlung aufs Gymnasium erhalten hatte, kamen am Ende dieses letzten Schuljahres vor allem die akademischen Berufe infrage, denen ich in meiner Kindheit begegnete: Arzt, Lehrer – und eben Pfarrer. Der erste Wiesoppenheimer, der je Abitur gemacht hatte, war eine Generation zuvor Jakob Schmitz. Auch er wurde Priester. Mich faszinierten der Glaube und das Beispiel, das Gottfried Bell mit seinem priesterlichen Dienst gegeben hat, was meine Entscheidung ebenfalls in Richtung Priesteramt beförderte.

Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, dann im Guten. Ich habe das Seminar nach zwei Jahren in Mainz und einem Freijahr in Rom wieder verlassen. Das priesterliche Zeugnis, das ich als Kind und junger Mann erleben durfte, war stimmig und passte in die Welt, in der ich groß wurde. Hätte ich aber Priester werden wollen, dann hätte ich einen eigenen, neuen Weg für mich finden müssen. Diesen Weg sah ich nicht: Von den Fenstern, die aus dem Mainzer Priesterseminar in den Garten zeigten, konnte man den Blick über den Brunnen und den Kräutergarten hinweg, die Mauer hinauf ins nebenan gelegene Bruder-Konrad-Stift schweifen lassen. In diesem Altenheim werden die Priester des Bistums versorgt, die sich auf der letzten Etappe ihrer irdischen Pilgerschaft befinden. Mit 20 Jahren konnte ich also bereits sehen, was mit 80 aus mir werden würde.

Die Grenzen einer Diözese, in denen sich das gesamte berufliche Leben abspielen sollte, waren mir zu eng. Ich wurde Journalist. Ob ich mit dieser Berufswahl der Menschheit einen Dienst erweisen kann, wie ich es als Priester vielleicht getan hätte, muss am Ende ein anderer entscheiden. Meine Zeit im Seminar, die Gemeinschaft, mit allen Höhen und Tiefen, habe ich in guter Erinnerung, und ich habe immer noch Kontakt zu einigen meiner damaligen "Mitbrüder", wie wir uns nannten.

Der Zölibat war sicher ein Thema, das am Ende noch in der Waagschale gelandet ist. Es war frustrierend, sich mit diesem Verzicht zu beschäftigen, während meine Altersgenossen ihre Jugendlichkeit ausleben konnten. Damit meine ich nicht direkt oder ausschließlich sexuelle Betätigung, sondern den Tatendrang und die positive Energie, mit denen das Testosteron einen in jungen Jahren ausstattet. Mein Eindruck war, dass die meisten meiner Mitbrüder nicht zwingend heiß waren auf ein Leben in Enthaltsamkeit. Es wurde als Bedingung betrachtet, um Priester werden zu können. Sexualität, so sagte es auch einer unserer geistlichen Leiter, lässt sich nicht ausschalten, sondern nur verdrängen um eines größeren Ziels willen.

Die späten Neunzigerjahre waren nicht sorgenfrei für die Kirche. In der katholischen Stadt am Rhein jedoch schienen die Uhren stehen geblieben zu sein: Auch hier wurde für die Fronleichnamsprozession die ganze Altstadt geschmückt und die Musik der Orgel und die Gesänge des Chors über Lautsprecher nach draußen übertragen. Den Mainzer Domchor hatte Anfang der Achtzigerjahre ein heftiger Missbrauchsskandal erschüttert. Der Kapellmeister, ein Geistlicher, wurde des Missbrauchs von jungen Sängern beschuldigt. Dieses dunkle Kapitel hatte man in den Neunzigerjahren weitgehend vergessen.

Die gelebte Doppelmoral

Dann kam der Missbrauchsskandal in Boston: Ich war damals aus der Nachrichtenredaktion des ZDF, wo ich nach meinem Ausscheiden aus dem Seminar zu arbeiten begann, für zwei Monate als Hospitant in das Studio New York geschickt worden. Udo van Kampen, der Korrespondent mit dem Klang meiner rheinhessischen Heimat in der Stimme, schickte mich nach Boston, um Interviews zu führen. Ich traf dort ein Missbrauchsopfer und den Opferanwalt Mitchell Garabedian. In Big Apple folgten weitere Gespräche unter anderem mit einem Aktivisten der Gruppe SNAP. Diese Selbsthilfegruppe tritt für die Missbrauchten, die sich selbst "Überlebende" nennen, ein. Boston erschien damals wie ein Einzelfall. Und Father John Geoghan, ein Priester der Erzdiözese Boston, der 130 Jungen missbraucht haben soll, kam am Ende ins Gefängnis. Das ganze Ausmaß des Missbrauchs in der katholischen Weltkirche war da noch nicht zu erahnen.

Heute gibt es kein Land in der christlichen Welt, in dem nicht Fälle von Missbrauch bekannt geworden wären. Das Verbrechen hat Methode: Verschleierung, Versetzung, Vertuschung. Joseph Ratzinger hat, als Kardinal und später als Papst, versucht, mit Härte gegen dieses System in der Kirche vorzugehen. Unter seinem Vorgänger, dem heilig gesprochenen Johannes Paul II., ging noch der Gründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel, im Vatikan ein und aus. Der Fromme wurde hernach entlarvt: Er hatte unzählige Buben und junge Männer missbraucht. Der aktuelle Statthalter Christi, Papst Franziskus, soll im Jahr 2013 erzwungen haben, innerkirchliche Ermittlungen gegen den britischen Bischof und seinen engen Freund, Cormac Murphy-O’Connor, abzubrechen, der angeblich heftig für Franziskus im Konklave getrommelt haben soll.

Von diesen drei Päpsten war der erste nicht interessiert und der zweite zu alt, um dem Treiben ein Ende zu setzen. Noch heute hält sich in der Ewigen Stadt, die wahrlich keine heilige unter den Städten des Erdkreises ist, das Gerücht, Benedikt XVI. habe abgedankt, weil ein homosexuelles Netzwerk im Vatikan selbst einem Papst die Hände binde. Und der dritte, gegenwärtige Pontifex scheint selbst korrumpiert zu sein. Zumindest wenn man den Aussagen und Anschuldigungen seiner geweihten Rivalen vertraut.

Die aktuelle Studie zum Thema Missbrauch, die die Deutsche Bischofskonferenz bei ihrer Herbstvollversammlung in Fulda präsentiert hat, legt nahe: Die Kirche sollte ihre Haltung zum Zölibat und ihre Kompromisslosigkeit beim Thema Homosexualität überdenken. Das ist notwendig, wenn man an die Stelle der gelebten Doppelmoral im Katholizismus eine neue Ehrlichkeit setzen will. Die Doppelmoral ist mir vor allem in Rom des Öfteren begegnet. Als ich an der Päpstlichen Universität Gregoriana studierte, gab es etwa auf dem Männer-WC im Erdgeschoss neben dem Café ein Loch in der Holzwand zur Nachbartoilette, auf idealer Höhe, um auf der einen Seite ein Glied einzuführen, welches dann auf der anderen Seite verwöhnt werden konnte.

In meiner Zeit im Seminar gab es meiner Einschätzung nach ein Drittel Hetero-, ein Drittel Homo- und ein Drittel Asexuelle. Es gab solche, die sich dem Zölibat verschreiben wollten, und solche, denen die vorgeschriebene Keuschheit recht egal war. Was möglich ist, kommt vor, lautete die Haltung vieler. Aber das, was vorkommt, wird allzuoft nicht an- und ausgesprochen, weil es ja eigentlich noch nicht einmal gedacht werden darf.

Heute steckt die katholische Kirche in der schwersten Krise seit der Reformation: Auch in einst frommen Winkeln wie in Wiesoppenheim bleiben die Katholiken der Messe fern. Es gibt nur noch alle paar Jahre eine Fronleichnamsprozession im Dorf, da wir jetzt in einem Pfarrverband sind, der sich den Priester teilt. Die Kinder bekommen auch nicht mehr schulfrei, um bei Beerdigungen zu dienen, angeblich wegen fehlenden Versicherungsschutzes. Und die wertvolle Figur des heiligen Martin wurde den Wiesoppenheimern abgeluchst und fristet nun ihr Dasein im Diözesanmuseum. Es ist fast so, als wolle man zusammenraffen, was noch geht. In unserer Kirche steht jetzt eine Attrappe. Die Volkskirche hat aufgehört zu existieren. In ihr war der Missbrauch mächtig, weil die Kirche mächtig war. Angesichts der unfassbaren Gräuel, die durch die von der Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie ans Tageslicht kamen, erscheint es fast wie eine gute Nachricht, dass das Priesterseminar in Mainz mittlerweile nahezu verwaist ist. Der Klerikerstand in der Kirche hört auf zu existieren.

"Zermalmt die Infamie!", möchte man mit dem französischen Aufklärer Voltaire angesichts des Missbrauchsskandals rufen. Der Furor ist berechtigt. Jedoch fällt mir dann wieder unser Pfarrer Gottfried Bell ein, der mit seinem priesterlichen Dienst vielen Wiesoppenheimern ein Seelsorger war. Gilt nicht um dieser guten Geistlichen willen das Wort des Herrn, dass das Unkraut ausgerissen werden muss, damit es nicht den guten Weizen befallen kann? Die Kirche hat bislang leider nicht erkennen lassen, dass sie das Problem an der Wurzel anpacken will.

Überschrift und Teaser dieses Beitrags wurden geändert. Sie waren in der ersten Fassung missverständlich und vermittelten den Eindruck, der Autor habe schon Mitte der 90er Jahre gewusst, der Missbrauch habe Methode. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.