Dann kam der Missbrauchsskandal in Boston: Ich war damals aus der Nachrichtenredaktion des ZDF, wo ich nach meinem Ausscheiden aus dem Seminar zu arbeiten begann, für zwei Monate als Hospitant in das Studio New York geschickt worden. Udo van Kampen, der Korrespondent mit dem Klang meiner rheinhessischen Heimat in der Stimme, schickte mich nach Boston, um Interviews zu führen. Ich traf dort ein Missbrauchsopfer und den Opferanwalt Mitchell Garabedian. In Big Apple folgten weitere Gespräche unter anderem mit einem Aktivisten der Gruppe SNAP. Diese Selbsthilfegruppe tritt für die Missbrauchten, die sich selbst "Überlebende" nennen, ein. Boston erschien damals wie ein Einzelfall. Und Father John Geoghan, ein Priester der Erzdiözese Boston, der 130 Jungen missbraucht haben soll, kam am Ende ins Gefängnis. Das ganze Ausmaß des Missbrauchs in der katholischen Weltkirche war da noch nicht zu erahnen.

Heute gibt es kein Land in der christlichen Welt, in dem nicht Fälle von Missbrauch bekannt geworden wären. Das Verbrechen hat Methode: Verschleierung, Versetzung, Vertuschung. Joseph Ratzinger hat, als Kardinal und später als Papst, versucht, mit Härte gegen dieses System in der Kirche vorzugehen. Unter seinem Vorgänger, dem heilig gesprochenen Johannes Paul II., ging noch der Gründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel, im Vatikan ein und aus. Der Fromme wurde hernach entlarvt: Er hatte unzählige Buben und junge Männer missbraucht. Der aktuelle Statthalter Christi, Papst Franziskus, soll im Jahr 2013 erzwungen haben, innerkirchliche Ermittlungen gegen den britischen Bischof und seinen engen Freund, Cormac Murphy-O’Connor, abzubrechen, der angeblich heftig für Franziskus im Konklave getrommelt haben soll.

Von diesen drei Päpsten war der erste nicht interessiert und der zweite zu alt, um dem Treiben ein Ende zu setzen. Noch heute hält sich in der Ewigen Stadt, die wahrlich keine heilige unter den Städten des Erdkreises ist, das Gerücht, Benedikt XVI. habe abgedankt, weil ein homosexuelles Netzwerk im Vatikan selbst einem Papst die Hände binde. Und der dritte, gegenwärtige Pontifex scheint selbst korrumpiert zu sein. Zumindest wenn man den Aussagen und Anschuldigungen seiner geweihten Rivalen vertraut.

Die aktuelle Studie zum Thema Missbrauch, die die Deutsche Bischofskonferenz bei ihrer Herbstvollversammlung in Fulda präsentiert hat, legt nahe: Die Kirche sollte ihre Haltung zum Zölibat und ihre Kompromisslosigkeit beim Thema Homosexualität überdenken. Das ist notwendig, wenn man an die Stelle der gelebten Doppelmoral im Katholizismus eine neue Ehrlichkeit setzen will. Die Doppelmoral ist mir vor allem in Rom des Öfteren begegnet. Als ich an der Päpstlichen Universität Gregoriana studierte, gab es etwa auf dem Männer-WC im Erdgeschoss neben dem Café ein Loch in der Holzwand zur Nachbartoilette, auf idealer Höhe, um auf der einen Seite ein Glied einzuführen, welches dann auf der anderen Seite verwöhnt werden konnte.

In meiner Zeit im Seminar gab es meiner Einschätzung nach ein Drittel Hetero-, ein Drittel Homo- und ein Drittel Asexuelle. Es gab solche, die sich dem Zölibat verschreiben wollten, und solche, denen die vorgeschriebene Keuschheit recht egal war. Was möglich ist, kommt vor, lautete die Haltung vieler. Aber das, was vorkommt, wird allzuoft nicht an- und ausgesprochen, weil es ja eigentlich noch nicht einmal gedacht werden darf.

Heute steckt die katholische Kirche in der schwersten Krise seit der Reformation: Auch in einst frommen Winkeln wie in Wiesoppenheim bleiben die Katholiken der Messe fern. Es gibt nur noch alle paar Jahre eine Fronleichnamsprozession im Dorf, da wir jetzt in einem Pfarrverband sind, der sich den Priester teilt. Die Kinder bekommen auch nicht mehr schulfrei, um bei Beerdigungen zu dienen, angeblich wegen fehlenden Versicherungsschutzes. Und die wertvolle Figur des heiligen Martin wurde den Wiesoppenheimern abgeluchst und fristet nun ihr Dasein im Diözesanmuseum. Es ist fast so, als wolle man zusammenraffen, was noch geht. In unserer Kirche steht jetzt eine Attrappe. Die Volkskirche hat aufgehört zu existieren. In ihr war der Missbrauch mächtig, weil die Kirche mächtig war. Angesichts der unfassbaren Gräuel, die durch die von der Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie ans Tageslicht kamen, erscheint es fast wie eine gute Nachricht, dass das Priesterseminar in Mainz mittlerweile nahezu verwaist ist. Der Klerikerstand in der Kirche hört auf zu existieren.

"Zermalmt die Infamie!", möchte man mit dem französischen Aufklärer Voltaire angesichts des Missbrauchsskandals rufen. Der Furor ist berechtigt. Jedoch fällt mir dann wieder unser Pfarrer Gottfried Bell ein, der mit seinem priesterlichen Dienst vielen Wiesoppenheimern ein Seelsorger war. Gilt nicht um dieser guten Geistlichen willen das Wort des Herrn, dass das Unkraut ausgerissen werden muss, damit es nicht den guten Weizen befallen kann? Die Kirche hat bislang leider nicht erkennen lassen, dass sie das Problem an der Wurzel anpacken will.

Überschrift und Teaser dieses Beitrags wurden geändert. Sie waren in der ersten Fassung missverständlich und vermittelten den Eindruck, der Autor habe schon Mitte der 90er Jahre gewusst, der Missbrauch habe Methode. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.