Im vergangenen Sommer gingen die heimischen Apfelreserven zur Neige. In den Geschäften wurden nur noch Früchte von weit her angeboten. Selbst der kleine Bioladen um die Ecke erlaubte sich nicht, den Platz im Regal anderweitig zu besetzen oder einfach leer zu lassen und damit die Kontinuitätserwartung der Konsumenten zu enttäuschen. "Pink Lady" war in aller Munde. Geschmacklich passt der Markenname sehr gut: Diese "Clubsorte" schmeckt so unverschämt gezüchtet, dass sie als Inbegriff einer zweiten, menschengemachten Natur taugt, unabhängig von wechselnden Jahreszeiten und Witterungsverhältnissen. Auf so eine Natur darf sich die Zivilisation jederzeit verlassen. Störungen im Warenfluss wären demgegenüber Anzeichen einer potenziellen Krise. In ebendiese Lage gerät Bergheim, der Protagonist von Eckhart Nickels Hysteria: Ihm gehen als einem Lord Chandos der Gegenwart die gewohnten Zusammenhänge ebenso verloren wie das grundlegende Vertrauen in seine Lebensumstände.

Der Roman rechnet die Indizien für eine totale Verkünstlichung der Natur literarisch hoch: Bergheim beobachtet beim Einkauf von Bio-Himbeeren einen "zutiefst beunruhigenden Farbwechsel", als handle es sich bei den Früchten um ein verblutendes Tier. Danach ist alles anders. Unendliches Unwohlsein nistet sich in Bergheims Bewusstsein ein. Schwindlig, seiner eigenen Erfahrung ungewiss und getrieben von Angst und Grauen, kommt er einer gigantischen Verschwörung auf die Schliche. Um es kurz zu machen: Hysteria entwirft eine Welt, in der Natur nur noch eine Illusion aus dem Labor ist. Eckhart Nickel, Teil des legendären Tristesse Royale- Quintetts und literarischer Kooperationspartner von Christian Kracht, treibt diese Thrillerhandlung mit der schwarzromantischen Lust am Unheimlichen bis zur schaurigen Schlusspointe und verteilt dabei Seitenhiebe gegen ökologischen Gesinnungs- und Gesundheitsterror: Von der Abfalltrennung führt hier ein ziemlich strikter Weg über die Ächtung des Fleischkonsums zum Verbot von Genussmitteln wie Tabak, Kaffee oder Alkohol.

Entscheidend ist jedoch, wie Nickel mit dem Begehren nach Verschwörung und Rätsellösung spielt. Er staut den Spannungsbogen durch permanente Rückblenden und ein dicht verflochtenes Motivgewebe. Beides provoziert und strapaziert das Erinnerungsvermögen des Lesers. Vor allem aber lässt Nickel seiner überbordenden Einbildungskraft freien Lauf und luxuriert in gut popliterarischer Tradition in den Ding- und Konsumwelten. Die "Aromabar" bietet als "Salz des Tages" Handmined Crushed Tibetan Pink Sundried High Mineral Single Rock an. Die Grundlage der Virgin Mary ist der Saft der mexikanischen Honigtomate, gewürzt mit Malabar-Pfeffer und einigen Spritzern der südchinesischen Zitrone Buddhas Hand; dekoriert wird das Ganze mit Stangensellerie aus der Uckermark.

Während sich die Dandys der Jahrtausendwende jedoch konsequent mit dem Eigenwert der Oberfläche begnügt haben, spielt Nickel nun mit dem Grauen einer doppelbödigen Welt, in der möglicherweise nichts so ist, wie es scheint. "Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht" – von diesem genialen ersten Satz aus entwickelt sich eine paranoide Sogwirkung, die der Autor mit großer literarischer Finesse von Anfang bis Ende kontrolliert.

Als Eckhart Nickel 2017 seinen Text beim Bachmann-Wettbewerb vorstellte, beschrieb ein Juror sehr treffend die Haltung des Romans: Mit der Welt ist etwas nicht in Ordnung, und zwar fundamental, im Ganzen. Ästhetisch stellt sich Nickel mit dieser Grundunsicherheit in eine Linie, die von Ernst Jünger über Huysmans und Poe zu E.T.A. Hoffmann führt. Karl Heinz Bohrer hatte diese literarische Landschaft einmal zur Kernzone einer "Ästhetik des Schreckens" erklärt. Bereits die erste Episode "Auf dem Markt", die den Protagonisten nachhaltig verstört, rekurriert auf eine romantische Urszene am Anfang von Hoffmanns Blauem Topf. Auf den Sandmann wird ebenso immer wieder direkt angespielt wie auf Sigmund Freuds Überlegungen zum Unheimlichen. Freud löst zwar Hoffmanns Erzählung sehr platt mit seinen haltlosen Überlegungen zur Kastrationsangst auf, bietet aber mit der These von der Wiederkehr des Verdrängten als Quelle des Unheimlichen einen Generalschlüssel für die "namenlose Angst", die in Hysteria herrscht.

In gewisser Weise hat Hysteria also selbst etwas Pink-Lady-Haftes an sich, denn wie die Frankenstein-Wissenschaftler im Roman ihre zweite Natur, so züchtet auch Nickel seinen Text aus bewährten Sorten, nur eben literarischer Art. Eine zentrale Rolle spielt dabei Ernst Jünger. Nickels mikroskopisch genaue Beschreibung der unheimlichen Himbeeren hätte das "abenteuerliche Herz" des Freud-Lesers Jünger gewiss höherschlagen lassen. Nicht umsonst borgt sich Nickel sein Motto aus Jüngers Afrikanischen Spielen. Diese Coming-of-Age-Geschichte handelt von der enttäuschten Sehnsucht nach einem Ort jenseits der Zivilisation, den es in Jüngers planetarischem Denken faktisch nicht mehr gibt – oder eben bloß noch in der Fantasie und damit auf dem Gebiet der Literatur. Gegen die Zumutungen der globalisierten Künstlichkeit hilft nur die Kunst. Vor ihr verbeugt sich Nickel formvollendet.

Eckhart Nickel: Hysteria. Roman; Piper Verlag, München 2018; 240 S., 22,– €, als E-Book 19,99 €