Unbedacht, voreilig, unklug, schlägt das Wörterbuch für "ill considered" vor. Im Fall des jungen britischen Jazz-Quartetts, das sich diesen Namen gegeben hat, liegt eine freiere Übersetzung näher: nicht lange überlegen, einfach machen.

Seit 2017 elektrisieren die vier Londons Jazz-Szene. Drei Platten sind bisher erschienen, schlicht betitelt Ill Considered, Live at the Crypt und zuletzt 3, alle auf dem eigenen Label, das so heißt wie die Band. Einfach machen: ins Studio gehen oder auf die Bühne mit ein paar kurzen Melodien im Kopf. Der Rest ergibt sich schon. Entsprechend sind die drei Alben keine in sich geschlossenen Werke, sondern Momentaufnahmen. Alles ist im Fluss.

Dieser Fluss speist sich aus dem Erbe britischer Bass-Musik wie aus dem zurzeit nicht nur in London wiederentdeckten Free und Spiritual Jazz der Nach-Coltrane-Ära. Handgespielter Drum ’n’ Bass trifft auf Archie Shepp und Pharoah Sanders. Afrikanisches und Orientalisches swingt selbstverständlich mit. Die Namen der Musiker deuten es an: Idris Rahman am Saxofon, Leon Brichard am Bass, Emre Ramazanoglu, der auch Produzent ist, am Schlagzeug, Yahael Camara-Onono an der Percussion.

Ihr Zusammenspiel ist eng und frei zugleich. In immer neuen Varianten gibt die dreiköpfige Rhythmusgruppe Idris Rahman Raum, sich in alle Richtungen zu strecken. Sein Saxofon jauchzt und kreiselt, kreischt und wispert, singt und stottert so unberechenbar und intensiv, dass es den Hörer körperlich unter Spannung setzt.

Man darf sich dabei in einen düsteren Kellerclub entführt sehen. Oder auch in einen Aschram. Zwar bietet 3 wie seine Vorläufer viel tieffrequente Basslinien und virtuose Snaredrum-Gewitter. Mehr denn je aber übt sich das Quartett in der Kunst der Verlangsamung und in meditativer Psychedelik. Djinn, Incantation, Nada Brahma, Retreat heißen die Stücke der A-Seite – Nada Brahma: Ursprung des Klangs.

Bei Ill Considered liegt dieser Ursprung irgendwo in der Magengrube. Der hypnotische Sound des Quartetts steigt aus der Tiefe empor und reißt den Himmel auf. Leon Brichard erzeugt mit seinem muskulösen E-Bass-Spiel die nötige Erdgebundenheit. Ein wenig wie Ron Carter und Cecil McBee auf Alice Coltranes spirituellen Alben der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre, nur roher, wuchtiger und dunkler. Jazz zum Einatmen – und Ausrasten.

Ill Considered: 3 (Ill Considered)