Yamen, sagt sein Anwalt immer. Einfach Yamen, ohne Nachnamen. Als sei sein Mandant ein Kind. Rechtsanwalt Wolfgang Ferner sitzt neben dem 20-jährigen Syrer auf der Anklagebank, der eine weißhaarig, der andere mit dunklem Bart, und sagt: "Wie viele Jugendliche in seinem Alter lebte Yamen in seiner eigenen Welt. Er hatte keine konkreten Ziele." Es klingt väterlich.

Tatsächlich war Yamen A. ein unauffälliger Jugendlicher. Er traf Freunde, machte Sport, chattete und wartete darauf, dass endlich seine Zukunft beginnt. Seit 2015 war der heute 20-Jährige in Schwerin, anerkannt als Kriegsflüchtling aus Syrien. Er wollte in Deutschland studieren und arbeiten, gleichzeitig erzählte er Freunden, er wolle nach Syrien zurück. Er hatte Träume, schmiedete Pläne und verwarf sie wieder. Ein ganz normaler Jugendlicher.

Das ist allerdings nur eines der Bilder, die von dem Mann gezeichnet werden, der nun in grauer Jogginghose und Turnschuhen vor seinen Richtern in Saal 237 des Hamburger Landgerichtes sitzt. Das andere ist weniger zärtlich. Es ist das eines Terroristen, der dabei war, eine Tragödie herbeizuführen.

Schräg rechts vor dem jungen Syrer sitzen zwei Vertreterinnen der Bundesanwaltschaft in ihren dunkelroten Roben, und die beschreiben Yamen A. in ihrer Anklage mit ganz anderen Worten. In ihrer Version ist der 20-Jährige ein gefährlicher IS-Sympathisant. Ein radikaler Islamist, der mit einem Sprengstoffanschlag unzählige Menschen töten wollte und gerade noch rechtzeitig aus dem Verkehr gezogen werden konnte. In seiner Schweriner Wohnung fanden die Ermittler alles, was man zur Herstellung einer Bombe braucht.

Was also ist Yamen A.: ein gefährlicher Attentäter – oder vielleicht doch ein harmloser Jugendlicher auf der Suche nach seinem Weg? Vor einer solchen Frage stehen die Gerichte immer häufiger. Die Zahl der Prozesse um mutmaßlich radikale Islamisten nimmt stetig zu.

Es ist erklärtes Ziel, möglichst frühzeitig gegen sogenannte Gefährder vorzugehen, wie es in der Sprache der Innenpolitiker heißt, und nicht erst, wenn es Opfer gibt. Die Polizei greift deshalb so früh wie möglich zu. Das aber stellt die Justiz vor eine Aufgabe, die mit ihren Mitteln kaum lösbar scheint. Eines nämlich ist den Gefährdern gemeinsam: Sie haben noch gar nichts getan.

Die Reisenden

Can B. beharrt bis zum Schluss darauf, er sei sich keiner Schuld bewusst. Der heute 17-Jährige trägt Kapuzenpulli und Sneaker wie andere westliche Teenager seines Alters. Er wirkt unauffällig, als er Ende April vor einer Jugendkammer des Landgerichtes sitzt. Für die Staatsanwaltschaft aber ist er ein gefährlicher Jugendlicher. Sie hat ihn und drei Freunde als potenzielle Attentäter angeklagt. Die Polizei hatte die vier Männer im Frühjahr 2017 aus einem Zug geholt, bis kurz vor die türkische Grenze waren sie gekommen. Wie junge Weltenbummler saßen sie in ihrem Abteil, einfach auf einer Reise, wie es schien. Die Staatsanwaltschaft aber ist davon überzeugt, dass sie nach Syrien wollten, um sich dort der Terrormiliz IS anzuschließen.

Angekommen sind sie in Syrien nie. Dennoch verurteilt das Landgericht sie Ende April. Drei Angeklagte bekommen Freiheitsstrafen zwischen ein und zwei Jahren und werden nach einem Jahr Untersuchungshaft in die Freiheit entlassen. Can B., der Jüngste, muss noch ein weiteres Jahr und zehn Monate im Gefängnis bleiben.