Auch in Deutschland ereignete sich um 1800 eine Revolution, wenn auch ohne Guillotine und Enthauptung des Königs. Innerhalb weniger Jahrzehnte war das hoffnungslos rückständige deutsche Gebilde zum nervösen Ort der Literatur und der Philosophie geworden – ganz ohne pulsierende Großstadt, ohne ein intellektuelles Zentrum, das mit Paris auch nur im Ansatz vergleichbar gewesen wäre. Die Kutschen versanken im Morast, zwanzig Kilometer zurückzulegen glich einer Weltreise, aber man laborierte mit feurigem Ernst am Weltgeist. Wo die französische Revolution in politisches Chaos, Bestialität, schließlich in eine neue Despotie mündete und als Vorbild für die meisten in Deutschland kaum noch taugte, war die Sehnsucht nach der Freiheit des Denkens und der Kunst ungebrochen.

In der Universitätsstadt Jena, knapp 5000 Einwohner, verdichtet sich für einen Augenblick der intellektuelle Aufbruch. August Wilhelm Schlegel und seine gesellschaftlich geächtete Frau Caroline ziehen mit Wilhelms Bruder Friedrich und seiner Freundin Dorothea Veit in die Leutragasse 5. Novalis, Ludwig Tieck und Schelling finden sich ebenfalls für eine Weile ein. Hier liest Novalis seinen Europa-Essay, mit dem die in Trümmern liegende Geschichte in ein "ächtkatholisches" Zeitalter überführt werden soll. Er fällt in der Runde ziemlich durch. Caroline und Wilhelm übersetzen Shakespeare. Sein Bruder Friedrich sitzt an der Fortsetzung seines liebesphilosophischen Romans Lucinde (er galt als schlimmer Skandal, als schlüpfrig und abgeschmackt). Dorothea beginnt einen Roman. Über Schiller, der nach Weimar übersiedelt, macht man sich lustig. Das Lied von der Glocke taugt dem Kreis nur noch als schwerer Fall von pathetischer Geschmacksverirrung. An der Universität wetteifern Fichte und Schelling um das Erbe Kants. Schelling wiederum wetteifert mit Wilhelm um Caroline. Goethe, der großen Einfluss auf die Stellenbesetzung der Universität hat, nennt die Stadt ein "närrisches Nest" und ist ansonsten paternalistisch wohlgesinnt. Bald schon zieht auch noch Hegel nach Jena.

Die Leutragasse 5 ist der Ausgangspunkt von Peter Neumanns erzählerischem Sachbuch Jena 1800. Der 31-jährige Jenaer Philosoph und Lyriker entfaltet anhand des Freundeskreises ein rasantes und farbensattes Intellektuellenpanorama der Zeit. Die nach Deutschland greifende Französische Revolution ist dabei der Handlungsmotor, der Salon hat nämlich eine Vorgeschichte: Die junge Witwe Caroline, die in Mainz den Jakobinern zugetan war, war auf ihrer Flucht 1793 vom preußischen Militär gefangen genommen worden. Sie war schwanger von einem französischen Leutnant, was alles deutlich verkomplizierte. Unter anderem die Brüder Schlegel baten untertänigst um Gnade, der preußische König ließ sich erweichen. Sie kam frei, heiratete (auch um ihre gesellschaftliche Stellung aufzuwerten) Wilhelm und zog mit ihm nach Jena. Hier ist sie der Fixpunkt des Salons in der Leutragasse, nicht nur wegen ihres organisatorischen Talents. Die Freiheit des Denkens und der Kunst geht mit einer Experimentierlust im Erotischen einher. Ihre Liebe zu Schelling, die für einiges Aufsehen sorgt, wird von ihrem Mann zunächst melancholisch toleriert. Dorothea und Friedrich Schlegel wiederum leben unverheiratet zusammen. Natürlich ist diese liebesutopische Spannung nicht von Dauer, man zerstreitet sich untereinander bald heillos, aber für einen Moment scheint ein Leben jenseits handelsüblicher Konventionen, jenseits der "Prosa der Verhältnisse" (Hegel) denkbar.

All dies wird souverän, mit Lust am Detail und an Pointen erzählt, mit gut gesetzten Zeitsprüngen und heiter-leichten Exkursen. Vielleicht gelingt es Peter Neumann dabei nicht immer ganz, das Biografische, das Allzumenschliche seiner Protagonisten, die einem auf bewundernswerte Weise nahekommen, mit ihren Werken zu verknüpfen. Aus dem Erzählten soll sich zu oft zeigen, was eigentlich zu erläutern wäre. Aber es ist ja nicht das Schlechteste, was man über ein Buch sagen kann: dass es nämlich ein klein wenig zu performativ, zu voraussetzungsreich geraten ist. Denn eines gelingt Neumann in jedem Fall, und das darf man als Glücksfall begreifen: nämlich ein Stück deutscher Intellektuellengeschichte zwischen der Französischen Revolution und der schmachvollen preußischen Niederlage bei Jena 1806 stilistisch glänzend und im besten Sinne unterhaltend aufzuführen. Die Unruhe hatte gewaltige Energien des Denkens freigesetzt. Es ist ein feuriger Ausschnitt aus der Zeit, der präsentiert wird. Neumanns große Erzählkunst bringt ihn umstandslos in die Gegenwart. Man möchte diese Geschichte sofort fortgesetzt wissen.

 Peter Neumann: Jena 1800. Die Republik der freien Geister. Siedler Verlag, München 2018; 256 S., 22,– €, als E-Book 18,99 €