Sie waren ihm auf die Straße nachgelaufen und hatten auf ihn eingeredet: Der Tag sei lang gewesen, es sei spät, er sei zu betrunken, um noch selbst sein Auto ins Bärental zu steuern. Er möge doch seinen Chauffeur anrufen. Das war vor zehn Jahren. Es war das letzte Bild, das von dem Politiker, der über 20 Jahre lang das Land in Atem gehalten hatte, in Erinnerung blieb.

Angeblich eine halbe Flasche Averna hatte Jörg Haider, damals 58 Jahre alt, in der Klagenfurter Schwulenbar Stadtkrämer in sich hineingekippt, bevor er sich – jeden guten Rat in den Wind schlagend – in der Nacht auf den 11. Oktober 2008 hinter das Steuer seines VW Phaeton setzte. Nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt, im Vorort Lambichl, prallte der Kärntner Landeshauptmann nach einem riskanten Überholmanöver mit 142 Stundenkilometer gegen den Betonsockel eines Gartenzauns. Er war sofort tot. Erlaubt sind an dieser Stelle 70 Stundenkilometer.

So, wie Jörg Haider in den letzten Momenten seines Lebens gegen die Regeln verstieß, tat er das in seiner gesamten, ein Vierteljahrhundert währenden Karriere. Er verstieß gegen die Regeln der Republik, gegen jene der Politik und viel zu oft auch gegen jene des Anstands.

Als der Landeshauptmann sein Leben ließ, hatte sein Bundesland Haftungen für die trudelnde Hypo Alpe Adria Bank im Umfang von 24 Milliarden Euro ausstehen – das Zehnfache des jährlichen Landesbudgets. Rund um die Landeshauptstadt verrosteten teure Prestigeobjekte. Immer dringlicher wurden Fragen nach dem Zustand der Landesbank und nach dem unklaren Verhältnis zwischen den Kassen des Landes und jenen der Partei.

Wäre Jörg Haider damals vor dem Stadtkrämer dem Rat der Warnenden gefolgt, hätte er später wohl einige Jahre im Gefängnis oder mit demütigender Fußfessel verbracht – so wie der ÖVP-Obmann Josef Martinz, sein Komplize in der Affäre rund um den Steuerberater Dietrich Birnbacher, der ein krass überteuertes Gutachten in Rechnung stellte und dafür Kickback-Zahlungen an Freiheitliche und Volkspartei zu leisten versprach.

Dennoch werden spätere Analysten Jörg Haider vor allem als den Begründer einer politischen Richtung beschreiben, die Europa mehrere Jahrzehnte lang entscheidend mitgeprägt hat. Er war ein Rechtspopulist, noch bevor das Wort überhaupt erfunden worden war. In den Medien tauchte der Begriff erstmals 1988 auf, da setzte Haider schon zum Sprung nach der ganzen Macht an. Früher als alle anderen hatte er erkannt, dass es sich politisch lohnt, gegen Zuwanderer und Flüchtlinge aufzutreten. Unverfrorener als die anderen agitierte er "gegen die Privilegien von denen da oben" – zu denen er freilich selbst gehörte. Er bewilligte sich zu dieser Zeit aus der Parteikasse Spesen in der Höhe von durchschnittlich 1.000 Euro pro Tag. Eleganter als die anderen warf sich Haider in eine der Grundstellungen des Rechtspopulismus, die Opferpose: ein Opfer der Ausgrenzung durch "den roten Nadelstreifkanzler" Franz Vranitzky, ein Opfer "linkslinker Medien", ein Opfer von "denen da draußen in Wien".

Für solche Politik gab es fast keinen besseren Austragungsort als das Grenzland Kärnten, wo man sich seit jeher als opferbereiter Außenposten gegen gierige Südslawen empfand und ein entsprechendes Selbstverständnis entwickelte.

Als der freiheitliche Volkstribun 1989 mithilfe der ÖVP sein Amt als Landeshauptmann eroberte (die SPÖ hatte mit 46 Prozent knapp die absolute Mehrheit verfehlt), erhob der Medienforscher Peter Diem, dass sich 53 Prozent der Kärntner in erster Linie ihrem Bundesland verbunden fühlen und nur 24 Prozent der Republik Österreich. Die Wiener sahen sich in derselben Umfrage nur zu acht Prozent als Hauptstädter, aber zu 46 Prozent als Österreicher.

Jörg Haider wusste dieses Sentiment zu nutzen.

Unschwer ließe sich ein Regelbuch des Rechtspopulismus aus seiner Politik während der Jahre des Aufstiegs ableiten: Man nehme eine tüchtige Portion Nationalismus, rühre eine großzügige Dosis Sozialchauvinismus hinein und runde mit einer Prise augenzwinkerndem Rassismus ab. Die deutsche AfD, aber auch andere europäische Partnerparteien der FPÖ, marschieren heute auf diesem von Haider markierten Pfad. Selbst Donald Trumps "America first" hatte er schon 1992 mit seinem Anti-Ausländervolksbegehren vorweggenommen: Es lief unter dem Titel "Österreich zuerst".

Das Tempo des Aufstiegs, der zu nicht geringem Teil auf Haiders Vorgaben fußenden Gefühlspolitik, ist frappierend: In zwei EU-Staaten – Ungarn und Polen – stehen heute deklarierte Rechtspopulisten an der Staatsspitze, in sieben weiteren Ländern, darunter Österreich, sind sie an maßgeblicher Stelle an der Regierung beteiligt. In fast allen Mitgliedsstaaten der EU sitzen sie im Parlament.