Am Schluss erschien er in seiner selbst gewählten Rolle fast kurios: Jörn Kruse, emeritierter Professor für Ökonomie und Vorsitzender der AfD-Fraktion in der Bürgerschaft, weit über Hamburg hinaus bekannt als Kritiker der eigenen Partei. Seit Jahren warnt Kruse vor dem Rechtskurs der AfD. Kruse gegen Frauke Petry, als diese selbst noch keine Parteikritikerin, sondern Anführerin des völkisch-nationalen Lagers war. Kruse gegen Alexander Gauland und Jörg Meuthen, die Parteivorsitzenden. Kruse gegen Björn Höcke, den Anführer der ostdeutschen Rechten. Kruse gegen das eigene Parteiprogramm, das er in Teilen "vorgestrig" und "unsäglich" findet – all das wirkte nach einiger Zeit, als kritisierte ein Vegetarier die Umtriebe der Schlachterinnung, deren Mitglied er aus unerfindlichen Gründen hatte werden wollen.

In der vergangenen Woche ist Kruse aus der AfD ausgetreten, ein letzter, im Grunde seit Langem absehbarer Akt des Aufbegehrens. Der Austritt hatte ein durchaus persönliches Motiv, das sich ebenfalls seit Längerem durch Kruses öffentliche Äußerungen zog: Dem Professor war seine eigene Partei schlicht peinlich, er fand es schwerer und schwerer, einerseits ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft zu bleiben und andererseits, zudem in herausgehobener Stellung, einer Organisation mit deutlich rechtsradikalen Tendenzen anzugehören.

Es liegt nahe, sich über Kruses ambivalente Haltung lustig zu machen. Wie kann ein Politiker gleichzeitig eine Parlamentsfraktion und die parteiinterne Opposition anführen? Man muss dem ehemaligen AfD-Mann aber zugutehalten, dass er sich und seinen politischen Anliegen treu geblieben ist.

Sie wussten ja, worauf sie sich einließen, Bernd Lucke, Hans-Olaf Henkel und auch Jörn Kruse selbst, die wirtschaftsliberalen Euro- und EU-Kritiker der Gründergeneration. Rechte Protestparteien ziehen in Deutschland rechte Radikale an, "da stehen dann schnell die Braunen bei Ihnen im Saal", hatte Henkel gewarnt, der sich zunächst fernhielt, um dann doch für einige Zeit mitzumachen.

Wer in den Gründerjahren der AfD mit Hamburger Politikern sprach, konnte Männer erleben, die alle Hände voll zu tun hatten, aus all den Exzentrikern und Gescheiterten, die sich in der Anhängerschaft rechter Protestparteien unvermeidlich einfinden, wenigstens die echten Radikalen auszusieben und draußen zu halten. Zur Anfangszeit der Hamburger AfD gehörte nicht nur das kuriose Parteiprogramm mit seinem Bekenntnis zur "kühlen Selbstbeherrschung" der "altehrwürdigen Kultur des Hanseatentums", sondern auch eine Gruppe aus Sympathisanten rechter Hooligans. Sie wurde schnell an den Rand der Partei und schließlich hinausgedrängt. Der einzige offen radikale AfD-Politiker, der es in die Bürgerschaft schaffte, der Bergedorfer Arzt Ludwig Flocken, wurde dort nach kurzer Zeit aus der Fraktion ausgeschlossen.

Als Fraktionsloser hat Flocken sich in unsäglicher Art über den Islam geäußert. Wer allerdings jene Stellungnahme zu den Übergriffen gegen Frauen in der Silvesternacht 2015 liest, den die Fraktion zum Anlass nahm, den Bergedorfer Abgeordneten auszuschließen, wird darin zwar viel Plattes und Gehässiges finden, aber nichts, was man verfassungswidrig oder rechtsradikal nennen müsste. Im Grunde verwendete Flocken den Begriff des Rassismus, gemünzt auf die Täter der Silvesternacht, in ähnlich undifferenzierter Weise, wie es linke Kritiker der AfD gerne tun. Dass er dafür die Fraktion verlassen musste, zeigt, wie schmal der Grat zwischen politischer Korrektheit und Verbalvandalismus in der Hamburger AfD ist.