Früher Abend, 18.15 Uhr im Literaturhaus in der Berliner Fasanenstraße. Um die Zeit frühstückt kein Mensch, aber es ist eben der einzige Termin, an dem sie für ein Interview zur Verfügung steht: Julia Klöckner, 45, Bundeslandwirtschaftsministerin aus Rheinland-Pfalz, die Strahlende, Lachende in Merkels viertem Kabinett. Sie ist auch immer die – das wissen ja alle – mit den sorbetfarbenen Jacketts (ganze Feuilletonseiten ließen sich über jenen fröhlichen, optimistisch zupackenden Wertkonservatismus füllen, den ihre Jacken ausstrahlen sollen). Im Hitzesommer 2018 musste sie in vielen Talkshows sitzen. Klöckner möchte für eine Versöhnung zwischen Umweltschutz und traditioneller Landwirtschaft stehen.

Ihr Blazer heute ist melonensorbetfarben. Der Ordnung halber werden Spiegeleier mit Speck serviert. Wir steigen, wie das so nur bei frühabendlichen Frühstücken möglich ist, mit einer riesengroßen Frage ein: Wie geht es den lieben Bienen in Deutschland, Frau Klöckner?

Ein im selben Maße faktenreicher wie kurzweiliger Vortrag perlt aus ihr heraus. Kernaussage: Leidet die Biene, leidet unser ganzes System. In Städten gehe es der Biene übrigens oft besser als auf dem Lande. Und gleich noch so eine Kinderfrage: Geht es mit den heißen Sommern jetzt eigentlich immer so weiter? "Wenn wir zwei das wüssten, dann wären wir Meteorologen und auch Propheten." Stimmt. Kann sie dem US-Präsidenten Trump in einfachen Worten erklären, dass es die Klimaerwärmung tatsächlich gibt? "Da sind schon ganz andere dran gescheitert." Sie überlegt jetzt, ob das hier ein ironisches Interview sein soll (soll es nicht, liebe Frau Klöckner!). "Ich kenne Herrn Trump nicht, ich weiß nicht, was seine Motivlage ist, die Fakten zu ignorieren."

Das Gespräch mit der Landwirtschaftsministerin kommt nun, auf weiter nicht unangenehme Art, zum Erliegen – die Winzertochter Julia Klöckner erzählt von Spaziergängen in den elterlichen Weinbergen und Feldern. Als Kind habe der Vater sie immer die Rebsorten und Getreidesorten abgefragt. Auf dem Land, so empfinde sie es, erlebe sie die Jahreszeiten anders: viel intensiver.

Würde sie heute eigentlich sagen, dass sie sich bei der verlorenen Rheinland-Pfalz-Wahl 2016 nicht genug von der Flüchtlingspolitik Angela Merkels distanziert hat? Sie spricht lässig-abwehrende Sätze. Es geht nun lebhaft um die sogenannte Flüchtlingskrise. Kann sie – als Mensch, als Bundesministerin – eine echte Empörung über die rechten Aufmärsche in Chemnitz und Köthen äußern? Das kann sie. Gegen rechts- wie linksextreme Hetzer müsse man klar Stellung beziehen. Beiden Gruppen gehe es um die Spaltung der Gesellschaft. Sie sagt dann auch, ein Kollege habe ihr erzählt, dass es in Sachsen mittlerweile Gegenden gebe, in denen die Menschen sich auf offener Straße mit "Heil Hitler" begrüßten. "Ich wollte das erst nicht glauben."

Ganz andere Sache: Ist so ein bissl spießig nicht auch gut? Freude, Gelächter: "Schauen Sie mich an: 45, nicht verheiratet, keine Kinder – für einen echten Spießer geht das nicht." Sie freut sich jetzt wirklich an dem Thema. "Die wahren Spießer, das sind doch die, die gefangen sind in ihrer Ideologie."

Im Aufstehen noch ein Satz auf die Frage, wie sie das hinkriegt, dass über ihr Privatleben angenehmerweise wirklich praktisch nichts bekannt ist: "Indem ich auf solche Fragen gar nicht antworte." Nicht umsonst gilt sie – trotz zweier verlorener Landtagswahlen – als potenzielle zukünftige Kanzlerin: Erst zählen die Sachkenntnisse, obendrauf kommt vielleicht noch so eine schöne Tugend wie die Julia-Klöcknersche Heiterkeit. Das Kabinett trifft sich jetzt zum Abendessen beim Bundespräsidenten.

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