Was tut der Staat, wenn die Kirche Täter schützt?

DIE ZEIT: Frau Ministerin, Sie haben zwei Söhne. Wie haben Sie reagiert, als Sie von der Studie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche erfuhren – die meisten Opfer sind Jungen zwischen neun und vierzehn Jahren?

Katarina Barley: Das male ich mir lieber nicht aus. Es ist ja leider nicht das erste Mal, dass so etwas bekannt wird. Wir erleben immer wieder geschlossene Systeme, in denen es an Transparenz fehlt und Vertrauen ausgenutzt wird. Denken Sie an den Missbrauch von Heimkindern oder an die Odenwaldschule. Und ich fürchte, es wird nicht das letzte Mal sein, dass wir von solchen Zuständen hören.

ZEIT: Wie kann man die "Kultur des Missbrauchs und des Vertuschens" in der katholischen Kirche durchbrechen, von der Papst Franziskus selbst gesprochen hat? Ist das allein Sache der Kirche?

Barley: Sicher nicht. Alles, was strafrechtlich relevant ist, muss und wird von Polizei, Staatsanwaltschaften und Strafgerichten verfolgt werden. Der Eindruck, das werde der Kirche überlassen, ist falsch. Das Kirchenrecht steht nicht über dem Strafrecht – es ist umgekehrt.

ZEIT: Aber die Staatsanwaltschaften tun sich schwer damit, überhaupt Ermittlungsverfahren einzuleiten, weil sie keinen Zugriff auf die Akten der Kirche bekommen. Auch die Verfasser der jetzt vorgelegten Studie hatten keinen Zugang.

Barley: Natürlich erwarte ich von der Kirche, dass sie ihre Akten zugänglich macht. Ermittlungsbehörden brauchen ihrerseits immer einen konkreten Anfangsverdacht, sonst können sie nicht tätig werden. Und dieser konkrete Verdacht muss sich auf eine bestimmte Tat beziehen, die noch nicht verjährt ist. Er kann sich durch Hinweise aus der Kirche ergeben, er kann aber auch von Betroffenen kommen. Deshalb müssen wir die Opfer und ihre Angehörigen, aber auch die Mitarbeiter der Kirchen ermutigen, sich den staatlichen Behörden anzuvertrauen.

ZEIT: Was meinen Sie konkret?

Barley: Zum einen bringt die öffentliche Behandlung des Themas schon viel, um die Tabus zu brechen. So wissen Betroffene, dass sie nicht allein sind. Zum anderen müssen wir fragen: Wie fühlen sich Zeugen, vor allem Kinder, in diesen Verfahren? Viele fühlen sich offenbar nicht ausreichend geschützt, und das schreckt ab. Auch wenn wir den Opferschutz im Strafverfahren schon verbessert haben, müssen wir noch viel tun, um den Opfern weitere Traumatisierungen und weiteres Leid zu ersparen.

ZEIT: Das größte Problem ist doch, dass Straftaten vor der Justiz verheimlicht werden. Akten von Bistümern wurden vernichtet oder manipuliert, heißt es in der Studie der Deutschen Bischofskonferenz.

Barley: Akten zu manipulieren, um jemanden vor der Strafverfolgung zu schützen, kann eine strafbare Handlung sein! Das wird in der Regel den Tatbestand der Strafvereitelung erfüllen und kann mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden. Das Strafrecht gilt selbstverständlich auch im kirchlichen Bereich. Generell gibt es aber in unserem Rechtssystem keine Pflicht, begangene Straftaten anzuzeigen.

ZEIT: Die Studie hat enthüllt, dass in kirchlichen Archiven Akten zu mindestens 1670 Tatverdächtigen und 3677 Betroffenen lagern. Die meisten hat noch nie ein Ermittler gesehen. Aber Sie sagen, die Staatsanwaltschaften dürfen da nicht ran?

Barley: Doch, selbstverständlich dürfen die Ermittler da ran. Wo etwas greifbar ist, können die Akten beschlagnahmt werden. Aber noch mal: Es braucht einen konkreten Anfangsverdacht. Man kann im Rechtsstaat nicht einfach eine Hundertschaft Staatsanwälte in die Archive schicken, und die lesen auf gut Glück alles durch.

ZEIT: Müssen wir wirklich akzeptieren, dass in Bistumsarchiven Akten schlummern, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Straftaten dokumentieren, die noch ungesühnt und möglicherweise nicht einmal verjährt sind?

Barley: Mal ganz praktisch argumentiert: In vielen Fällen ist ja völlig unklar, wo welche Akten liegen. Was wollen Sie da machen? Wollen Sie einfach bei jeder Kirche anklopfen und sagen, öffnen Sie mal Ihren Schrank?

ZEIT: Warum nicht? Manche Akten sollen auch bei Bischöfen zu Hause liegen.

Barley: Man braucht etwas Greifbares. Wenn die Ermittler einen Anhaltspunkt haben, dann müssen sie sogar die Öffnung von Archiven, die Herausgabe von Unterlagen verlangen, dann können sie auch Durchsuchungsbeschlüsse erwirken. Und die Kirche kann sich nicht verweigern. Es gibt keine Geheimarchive im Rechtsstaat.

"Wir wollen die Position von Whistleblowern stärken"

ZEIT: De facto gibt es aber kirchliche Geheimarchive. Das Bistum München-Freising, geleitet vom Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hält eine Missbrauchsstudie unter Verschluss. Was tun? Ein Staatsanwalt sagte uns, eigentlich bräuchte er einen Leak, um ermitteln zu können. Also eine Person im Archiv, die Fälle kopiert und sie an Behörden oder Medien schickt. Da fehlt doch etwas im Strafrecht, wenn Staatsanwälte auf einen Leak hoffen müssen!

Barley: Nein, noch mal: Der Rechtsstaat akzeptiert keine Geheimarchive. Alle Unterlagen in den kirchlichen Archiven können von den Strafverfolgungsbehörden beschlagnahmt und ausgewertet werden, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen. Von Ermittlungsmaßnahmen ausgenommen ist lediglich die Beichte. Glauben Sie mir, die Staatsanwaltschaften haben da ein Auge drauf. Und es gibt ja zum Glück viele Betroffene, die sich melden.

ZEIT: 2010 haben sich die Bistümer verpflichtet, alle Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs anzuzeigen, sofern die Opfer zustimmen. Aber es gibt keine Kontrolle, ob diese Selbstverpflichtung eingehalten wird. Opferverbände fordern daher eine strafbewehrte Anzeigepflicht für kirchliche Würdenträger. Was halten Sie davon?

Barley: Wir können keine Spezialgesetze zum Beispiel für die katholische Kirche machen. Wenn, dann müsste man alle Bürger verpflichten, grundsätzlich jede Straftat anzuzeigen, von der sie Wind bekommen.

ZEIT: Wollen Sie das?

Barley: Was wir wollen, ist, die Position von Whistleblowern stärken: Wer sich offenbart und über Missstände berichtet, soll deswegen keine Nachteile fürchten müssen. Wir brauchen dringend eine Enttabuisierung und eine breite Debatte über das Thema. Damit ist auch das Vertuschen am Ende. So können die Täter zur Rechenschaft gezogen und neue Taten verhindert werden.

ZEIT: Die katholische Kirche hat nur bei 122 von 1670 aktenkundigen Tatverdächtigen eine Strafanzeige erstattet; das sind sieben Prozent. Zeigt das nicht deutlich genug, dass es Vertuschung in gewaltigem Ausmaß gab – und möglicherweise noch immer gibt?

Barley: Ja, es wurde vertuscht. Leider ist das nicht nur ein Phänomen in der katholischen Kirche. Wenn ich sehe, mit wie viel Geld und Anwälten in der Filmbranche Frauen zum Schweigen gebracht wurden, wird mir ganz schlecht.

ZEIT: Immer geht es um ein Machtgefälle, und die Mächtigen nutzen ihre Macht aus.

Barley: Und immer wenn Kinder im Spiel sind, ist das Machtgefälle besonders krass.

ZEIT: Die katholische Kirche hat Täter geschützt und Missbrauch ermöglicht, indem sie Täter nicht anzeigte, sondern sie einfach in die nächste Gemeinde versetzte. Ist das strafbar?

Barley: Das muss ein Strafgericht ganz konkret im Einzelfall entscheiden. Ich kann das nicht pauschal beurteilen. Aber natürlich kommt je nach Fallkonstellation auch da eine Strafbarkeit in Betracht.

ZEIT: In den Kirchenakten finden sich laut der Studie 96 Opfer, die mehr als hundertmal missbraucht wurden, offenbar gab es Intensivtäter. Es wurde aber unseres Wissens nie ein deutscher Bischof wegen Strafvereitelung oder Beihilfe durch Unterlassen angeklagt.

Barley: Mir ist auch kein solcher Fall bekannt.

ZEIT: In Australien gibt es einen eigenen Straftatbestand, der sinngemäß "Vertuschung von sexuellem Missbrauch Minderjähriger" heißt. Wäre so etwas auch in Deutschland denkbar?

Barley: Wenn Vertuschung durch aktives Tun geschieht, ist sie schon heute strafbar. Aus meiner Sicht brauchen wir vor allem – und das ist jetzt nicht mehr Strafrecht – eine Debatte und eine noch stärkere Sensibilisierung von Eltern und Lehrkräften in Schulen, Kindergärten und in Krankenhäusern. Kinder verändern sich bei sexuellem Missbrauch. Sie können mir nicht erzählen, dass niemand mitbekommt, wenn sich ein Intensivtäter Dutzende Male an Kindern vergeht. Da muss man nicht nur Kindern zuhören, sondern als Erwachsener den Mut haben zu sagen: Hier stimmt etwas nicht!

"Die Kirche muss transparenter werden"

ZEIT: Das Dilemma bleibt immer dasselbe: Die Strafverfolger brauchen einen Anfangsverdacht gegen einen individuellen Täter. Aber bei der katholischen Kirche haben wir es mit einem System zu tun, das über Jahrzehnte Straftaten vertuschte. Ist das organisierte Kriminalität?

Barley: Nein, das hat mit organisierter Kriminalität nichts zu tun. Es ist nicht Daseinszweck der katholischen Kirche, Kinder zu missbrauchen. Das Problem ist in der Tat eine Wagenburgmentalität, die lieber die Organisation schützt als das Wohl der Kinder.

ZEIT: In einzelnen Diözesen sind bis zu acht Prozent der Kleriker aktenkundig, weil sie sich an Minderjährigen vergriffen haben sollen. Acht Prozent – und die Dunkelziffer ist hoch. Ist es nicht organisierte Kriminalität, wenn diese Täter gedeckt werden?

Barley: Jeder Täter muss zur Rechenschaft gezogen werden. Aber organisierte Kriminalität? Nein. Ich finde es allerdings dringend notwendig, dass die katholische Kirche ihre Haltung zu Zölibat, Homosexualität und Sexualmoral vor allem von Priestern hinterfragt.

ZEIT: Sollte der Zölibat abgeschafft werden?

Barley: Ich bin weder Priester noch ein Mann, ich kann da ganz schwer mitreden.

ZEIT: Schauen wir die Zahlen an: Von den zölibatär lebenden Priestern sind mehr als fünf Prozent aktenkundig wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Von den Diakonen, die heiraten dürfen, ist es nur ein Prozent. Daraus schließen die Autoren der deutschen Studie, der Zölibat sei ein Risikofaktor.

Barley: Ich persönlich habe große Sympathien dafür, den Zölibat zu überdenken. Ich glaube, dass es guttut, wenn man als Priester alle Facetten des menschlichen Lebens kennt, auch das Leben in einer Ehe oder Partnerschaft.

ZEIT: Der Jesuit Hans Zollner, selbst Mitglied der päpstlichen Kinderschutzkommission, sagt: Das Einzige, was wirklich hilft, ist Härte und konsequente Aufklärung von außen. Man sollte also nicht darauf vertrauen, dass es in der Kirche von selbst besser wird.

Barley: Das tue ich auch nicht. Der Druck auf die Kirche wächst mit der öffentlichen Auseinandersetzung. Nur wenn die Kirche sich ernsthaft und transparent der Debatte stellt, kann sie Glaubwürdigkeit und Vertrauen zurückgewinnen.

ZEIT: Die Verjährungsfristen wurden 2015 verlängert. Genügt das?

Barley: Wir haben die Verjährung drastisch verlängert; im Strafrecht beginnt sie erst zu laufen mit Ende des 30. Lebensjahres des Opfers, und dann dauert sie noch mal 20 Jahre. Die Opfer sind dann 50 Jahre alt. Der Täter ist vielleicht 70 oder 80.

ZEIT: Manche Opfer sprechen erst mit 70, 80 Jahren. Sollte man die Verjährung nicht ganz abschaffen?

Barley: Wir haben den Verjährungsbeginn bereits sehr weit herausgeschoben. Aber eine völlige Abschaffung? Es gibt im deutschen Recht nur eine Straftat, die nicht verjährt, und das ist Mord.

ZEIT: Verjährung soll dem Rechtsfrieden dienen. Im Moment hat man den Eindruck, sie dient vor allem dem Rechtsfrieden der Täter.

Barley: Nein. Die allermeisten Fälle werden von der jetzt sehr weiten Regelung erfasst.

ZEIT: Sollte sich eine Art Wahrheitskommission um die Aufklärung kümmern, um das nicht länger der Kirche allein zu überlassen? Man könnte das durch einen Vertrag von Staat und Kirche regeln.

Barley: Ich finde den Begriff Wahrheitskommission gut. Weil er bedeutet, dass es nicht in erster Linie gegen etwas geht, sondern darum, die Opfer zu entstigmatisieren und ihnen das Gefühl zu geben: "Ja, du hast das immer gesagt, dir hat keiner geglaubt, aber es ist die Wahrheit." Das kann ich mir sehr gut vorstellen.

ZEIT: Es ist sicher gut, wenn Opfer ihre Schicksale erzählen, dafür gibt es bereits Foren. Aber wie kann die Kirche gezwungen werden, ihren Teil beizutragen?

Barley: Die Kirche hat ja selbst Aufklärung angekündigt, auch zu ihrer institutionellen Verantwortung, über die Täter hinaus. Diesen Worten müssen jetzt Taten folgen, die mit einer breiten Öffnung der Akten und Archive einhergehen. Das werden wir uns sehr genau ansehen, und am Ende muss man Schlüsse ziehen.

ZEIT: Sind alle kirchlichen Privilegien noch zeitgemäß – wenn man jetzt sieht, was in der katholischen Kirche alles im Argen liegt?

Barley: Ich will das nicht miteinander in Zusammenhang bringen. Schließlich garantiert unsere Verfassung neben der Religionsfreiheit auch das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften, übrigens nicht nur der Kirchen. Es gibt aber Sachen, die aus meiner Sicht nicht mehr zeitgemäß sind, gerade im Bereich Arbeitsrecht.

ZEIT: Ist das Beichtgeheimnis ein Problem? Das steht unter besonderem Schutz – und Täter wie Vorgesetzte können sich dahinter verstecken.

Barley: Was man seinem Seelsorger mitgeteilt hat, steht auch nach staatlichem Recht unter besonderem Schutz, das stimmt. Ähnliches kennen wir aber auch, wenn sich jemand seinem Anwalt oder Arzt anvertraut.

ZEIT: Was muss die Kirche jetzt tun?

Barley: Noch transparenter werden! In der Studie ist ja alles anonymisiert, nicht mal die Forscher hatten Zugriff auf die Akten. Die Bistümer und Orden müssen eine unabhängige Aufarbeitungskommission an alle Akten und Archive lassen. Jede weitere Verheimlichung fügt der Kirche weiteren Schaden zu. Eine Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen ist richtig und wichtig. Auch eine systemische Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit Sexualmoral, Zölibat und Homosexualität finde ich existenziell, da müssen die Bischöfe jetzt echt ran. Sie müssen sich an die Seite der Opfer stellen und Verantwortung übernehmen. Die Kirche legt ja großen Wert darauf, immer auch für die Schwächsten da zu sein, und das sind die Kinder. Das ist ihr Auftrag.