ZEIT: De facto gibt es aber kirchliche Geheimarchive. Das Bistum München-Freising, geleitet vom Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hält eine Missbrauchsstudie unter Verschluss. Was tun? Ein Staatsanwalt sagte uns, eigentlich bräuchte er einen Leak, um ermitteln zu können. Also eine Person im Archiv, die Fälle kopiert und sie an Behörden oder Medien schickt. Da fehlt doch etwas im Strafrecht, wenn Staatsanwälte auf einen Leak hoffen müssen!

Barley: Nein, noch mal: Der Rechtsstaat akzeptiert keine Geheimarchive. Alle Unterlagen in den kirchlichen Archiven können von den Strafverfolgungsbehörden beschlagnahmt und ausgewertet werden, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen. Von Ermittlungsmaßnahmen ausgenommen ist lediglich die Beichte. Glauben Sie mir, die Staatsanwaltschaften haben da ein Auge drauf. Und es gibt ja zum Glück viele Betroffene, die sich melden.

ZEIT: 2010 haben sich die Bistümer verpflichtet, alle Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs anzuzeigen, sofern die Opfer zustimmen. Aber es gibt keine Kontrolle, ob diese Selbstverpflichtung eingehalten wird. Opferverbände fordern daher eine strafbewehrte Anzeigepflicht für kirchliche Würdenträger. Was halten Sie davon?

Barley: Wir können keine Spezialgesetze zum Beispiel für die katholische Kirche machen. Wenn, dann müsste man alle Bürger verpflichten, grundsätzlich jede Straftat anzuzeigen, von der sie Wind bekommen.

ZEIT: Wollen Sie das?

Barley: Was wir wollen, ist, die Position von Whistleblowern stärken: Wer sich offenbart und über Missstände berichtet, soll deswegen keine Nachteile fürchten müssen. Wir brauchen dringend eine Enttabuisierung und eine breite Debatte über das Thema. Damit ist auch das Vertuschen am Ende. So können die Täter zur Rechenschaft gezogen und neue Taten verhindert werden.

ZEIT: Die katholische Kirche hat nur bei 122 von 1670 aktenkundigen Tatverdächtigen eine Strafanzeige erstattet; das sind sieben Prozent. Zeigt das nicht deutlich genug, dass es Vertuschung in gewaltigem Ausmaß gab – und möglicherweise noch immer gibt?

Barley: Ja, es wurde vertuscht. Leider ist das nicht nur ein Phänomen in der katholischen Kirche. Wenn ich sehe, mit wie viel Geld und Anwälten in der Filmbranche Frauen zum Schweigen gebracht wurden, wird mir ganz schlecht.

ZEIT: Immer geht es um ein Machtgefälle, und die Mächtigen nutzen ihre Macht aus.

Barley: Und immer wenn Kinder im Spiel sind, ist das Machtgefälle besonders krass.

ZEIT: Die katholische Kirche hat Täter geschützt und Missbrauch ermöglicht, indem sie Täter nicht anzeigte, sondern sie einfach in die nächste Gemeinde versetzte. Ist das strafbar?

Barley: Das muss ein Strafgericht ganz konkret im Einzelfall entscheiden. Ich kann das nicht pauschal beurteilen. Aber natürlich kommt je nach Fallkonstellation auch da eine Strafbarkeit in Betracht.

ZEIT: In den Kirchenakten finden sich laut der Studie 96 Opfer, die mehr als hundertmal missbraucht wurden, offenbar gab es Intensivtäter. Es wurde aber unseres Wissens nie ein deutscher Bischof wegen Strafvereitelung oder Beihilfe durch Unterlassen angeklagt.

Barley: Mir ist auch kein solcher Fall bekannt.

ZEIT: In Australien gibt es einen eigenen Straftatbestand, der sinngemäß "Vertuschung von sexuellem Missbrauch Minderjähriger" heißt. Wäre so etwas auch in Deutschland denkbar?

Barley: Wenn Vertuschung durch aktives Tun geschieht, ist sie schon heute strafbar. Aus meiner Sicht brauchen wir vor allem – und das ist jetzt nicht mehr Strafrecht – eine Debatte und eine noch stärkere Sensibilisierung von Eltern und Lehrkräften in Schulen, Kindergärten und in Krankenhäusern. Kinder verändern sich bei sexuellem Missbrauch. Sie können mir nicht erzählen, dass niemand mitbekommt, wenn sich ein Intensivtäter Dutzende Male an Kindern vergeht. Da muss man nicht nur Kindern zuhören, sondern als Erwachsener den Mut haben zu sagen: Hier stimmt etwas nicht!