ZEIT: Das Dilemma bleibt immer dasselbe: Die Strafverfolger brauchen einen Anfangsverdacht gegen einen individuellen Täter. Aber bei der katholischen Kirche haben wir es mit einem System zu tun, das über Jahrzehnte Straftaten vertuschte. Ist das organisierte Kriminalität?

Barley: Nein, das hat mit organisierter Kriminalität nichts zu tun. Es ist nicht Daseinszweck der katholischen Kirche, Kinder zu missbrauchen. Das Problem ist in der Tat eine Wagenburgmentalität, die lieber die Organisation schützt als das Wohl der Kinder.

ZEIT: In einzelnen Diözesen sind bis zu acht Prozent der Kleriker aktenkundig, weil sie sich an Minderjährigen vergriffen haben sollen. Acht Prozent – und die Dunkelziffer ist hoch. Ist es nicht organisierte Kriminalität, wenn diese Täter gedeckt werden?

Barley: Jeder Täter muss zur Rechenschaft gezogen werden. Aber organisierte Kriminalität? Nein. Ich finde es allerdings dringend notwendig, dass die katholische Kirche ihre Haltung zu Zölibat, Homosexualität und Sexualmoral vor allem von Priestern hinterfragt.

ZEIT: Sollte der Zölibat abgeschafft werden?

Barley: Ich bin weder Priester noch ein Mann, ich kann da ganz schwer mitreden.

ZEIT: Schauen wir die Zahlen an: Von den zölibatär lebenden Priestern sind mehr als fünf Prozent aktenkundig wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Von den Diakonen, die heiraten dürfen, ist es nur ein Prozent. Daraus schließen die Autoren der deutschen Studie, der Zölibat sei ein Risikofaktor.

Barley: Ich persönlich habe große Sympathien dafür, den Zölibat zu überdenken. Ich glaube, dass es guttut, wenn man als Priester alle Facetten des menschlichen Lebens kennt, auch das Leben in einer Ehe oder Partnerschaft.

ZEIT: Der Jesuit Hans Zollner, selbst Mitglied der päpstlichen Kinderschutzkommission, sagt: Das Einzige, was wirklich hilft, ist Härte und konsequente Aufklärung von außen. Man sollte also nicht darauf vertrauen, dass es in der Kirche von selbst besser wird.

Barley: Das tue ich auch nicht. Der Druck auf die Kirche wächst mit der öffentlichen Auseinandersetzung. Nur wenn die Kirche sich ernsthaft und transparent der Debatte stellt, kann sie Glaubwürdigkeit und Vertrauen zurückgewinnen.

ZEIT: Die Verjährungsfristen wurden 2015 verlängert. Genügt das?

Barley: Wir haben die Verjährung drastisch verlängert; im Strafrecht beginnt sie erst zu laufen mit Ende des 30. Lebensjahres des Opfers, und dann dauert sie noch mal 20 Jahre. Die Opfer sind dann 50 Jahre alt. Der Täter ist vielleicht 70 oder 80.

ZEIT: Manche Opfer sprechen erst mit 70, 80 Jahren. Sollte man die Verjährung nicht ganz abschaffen?

Barley: Wir haben den Verjährungsbeginn bereits sehr weit herausgeschoben. Aber eine völlige Abschaffung? Es gibt im deutschen Recht nur eine Straftat, die nicht verjährt, und das ist Mord.

ZEIT: Verjährung soll dem Rechtsfrieden dienen. Im Moment hat man den Eindruck, sie dient vor allem dem Rechtsfrieden der Täter.

Barley: Nein. Die allermeisten Fälle werden von der jetzt sehr weiten Regelung erfasst.

ZEIT: Sollte sich eine Art Wahrheitskommission um die Aufklärung kümmern, um das nicht länger der Kirche allein zu überlassen? Man könnte das durch einen Vertrag von Staat und Kirche regeln.

Barley: Ich finde den Begriff Wahrheitskommission gut. Weil er bedeutet, dass es nicht in erster Linie gegen etwas geht, sondern darum, die Opfer zu entstigmatisieren und ihnen das Gefühl zu geben: "Ja, du hast das immer gesagt, dir hat keiner geglaubt, aber es ist die Wahrheit." Das kann ich mir sehr gut vorstellen.

ZEIT: Es ist sicher gut, wenn Opfer ihre Schicksale erzählen, dafür gibt es bereits Foren. Aber wie kann die Kirche gezwungen werden, ihren Teil beizutragen?

Barley: Die Kirche hat ja selbst Aufklärung angekündigt, auch zu ihrer institutionellen Verantwortung, über die Täter hinaus. Diesen Worten müssen jetzt Taten folgen, die mit einer breiten Öffnung der Akten und Archive einhergehen. Das werden wir uns sehr genau ansehen, und am Ende muss man Schlüsse ziehen.

ZEIT: Sind alle kirchlichen Privilegien noch zeitgemäß – wenn man jetzt sieht, was in der katholischen Kirche alles im Argen liegt?

Barley: Ich will das nicht miteinander in Zusammenhang bringen. Schließlich garantiert unsere Verfassung neben der Religionsfreiheit auch das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften, übrigens nicht nur der Kirchen. Es gibt aber Sachen, die aus meiner Sicht nicht mehr zeitgemäß sind, gerade im Bereich Arbeitsrecht.

ZEIT: Ist das Beichtgeheimnis ein Problem? Das steht unter besonderem Schutz – und Täter wie Vorgesetzte können sich dahinter verstecken.

Barley: Was man seinem Seelsorger mitgeteilt hat, steht auch nach staatlichem Recht unter besonderem Schutz, das stimmt. Ähnliches kennen wir aber auch, wenn sich jemand seinem Anwalt oder Arzt anvertraut.

ZEIT: Was muss die Kirche jetzt tun?

Barley: Noch transparenter werden! In der Studie ist ja alles anonymisiert, nicht mal die Forscher hatten Zugriff auf die Akten. Die Bistümer und Orden müssen eine unabhängige Aufarbeitungskommission an alle Akten und Archive lassen. Jede weitere Verheimlichung fügt der Kirche weiteren Schaden zu. Eine Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen ist richtig und wichtig. Auch eine systemische Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit Sexualmoral, Zölibat und Homosexualität finde ich existenziell, da müssen die Bischöfe jetzt echt ran. Sie müssen sich an die Seite der Opfer stellen und Verantwortung übernehmen. Die Kirche legt ja großen Wert darauf, immer auch für die Schwächsten da zu sein, und das sind die Kinder. Das ist ihr Auftrag.