Diese Stille. Fünf Sekunden lang: Stille. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig. Schwer auszuhalten, aber so etwas kommt vor beim Setzen von CD-Tracks, und selten ist dieses virtuelle Nichts wirklich musikalisch, also mit Bedacht gesetzt zwischen zwei Sätze, Lieder oder Werke. Hier, auf Kim Kashkashians neuer Aufnahme der Suiten für Viola solo von Johann Sebastian Bach, steht die Stille ganz am Anfang. Und begleitet die Musik. Als würde das erste Prélude – d-Moll, Dreivierteltakt, gemächlich-versonnene Achtel- und Sechzehntelbewegungen – aus dem Nichts heraus geboren. Oder aus dem Alles. Denn Bach ist immer da, jederzeit, überall.

d-Moll: was für eine tiefernste Tonart. Schlicht auch, ein B als Vorzeichen, aber gravitätisch. Kashkashian spielt die ersten Takte in einer Mischung aus Selbstvergessenheit und Bestimmtheit, als brächte sie nach langem Nachdenken die ersten Farbtöne auf eine leere, weiße Leinwand auf. Diese Töne, diese eher verhangenen, melancholischen Farben prägen die gesamte Einspielung, so wie der erste Satz eines Romans diesen leitet (oder verdirbt). Anfänge sind heikel, man kann da viel falsch machen. Kashkashian freilich wirkt absolut sicher, halb im Gespräch mit sich selbst und ihrem Instrument versunken, halb dem Kosmos zugewandt. Eine starke Spannung.

Doch steht die erste der sechs Viola-Suiten nicht eigentlich in G-Dur, und ist ihr Prélude nicht ein vergleichsweise sonniges Stück voller Dreiklangsbrechungen und jubilierender chromatischer Steigerungen? Das ist so, gewiss. Kashkashian aber beginnt eben nicht mit der ersten, sondern mit der zweiten Suite in d-Moll (gefolgt von den Nummern eins, fünf, vier, drei und sechs). Dies sei Manfred Eichers Idee gewesen, sagt sie am Telefon. Und da sie Eicher, den Gründer und Inspirator des Plattenlabels ECM, schon so lange kenne (seit über 30 Jahren) und ihm seit so vielen Aufnahmen vertraue, seinem Sinn für Gestus und große Bögen, sei sie ihm gefolgt. Glücklich gefolgt.

Die Zeiten, da die Bratsche sozusagen als Ostfriesin unter den Streichinstrumenten galt und mit jämmerlich blöden Musikerwitzen bedacht wurde, sind definitiv vorbei. Kim Kashkashian, Jahrgang 1952, Amerikanerin mit armenischen Wurzeln, hat entscheidend dazu beigetragen, die "Armgeige" aus dem Abseits zu holen und vor allem solistisch zu emanzipieren ("Armgeige" im Gegensatz zur Gambe, der "Kniegeige"). Das klassische Bratschen-Repertoire mag arg beschränkt sein, eben weil für die Bratschenlage als typische Mittel- und Füllstimme keine Virtuosenkonzerte geschrieben wurden. Von Paganini etwa sind ganze vier Originalkompositionen für Viola überliefert, drei davon kammermusikalisch besetzt. In und mit der zeitgenössischen Musik aber änderte sich das. Die Moderne richtete den Blick gezielt auf den Klang körper, auf das, was sich zwischen der Melodielinie und dem Bassfundament ereignet.

Als Bratschen-Pionierin war und ist Kashkashian nicht allein, darauf legt sie Wert. Auch Yuri Bashmet und Tabea Zimmermann oder, in jüngerer Generation, Nils Mönkemeyer und Antoine Tamestit tragen das Ihre dazu bei, von den namentlich weniger prominenten Mitgliedern legendärer Streichquartette und Kammermusik-Formationen einmal ganz abgesehen (neben William Primrose nennt Kashkashian gerne Martha Kats, die Bratschistin des Cleveland Quartet, oder Boris Kroyt vom Budapest Quartet). Die Diskografie der 66-Jährigen zeigt allerdings auch: Niemand hat sich so intensiv für neue Musik engagiert wie sie. Mit Komponisten wie György Kurtág, Krzysztof Penderecki, Giya Kancheli und Arvo Pärt arbeitete sie eng zusammen, Péter Eötvös, Tigran Mansurian und Lera Auerbach schrieben Stücke für sie. Dazwischen: preisgekrönte Aufnahmen der Brahms-Sonaten, viel Hindemith – und Bach, schon einmal, 1994. Die drei Gamben-Sonaten, mit Keith Jarrett am Cembalo.

Jetzt also wieder Bach. Warum? Sie fange jeden Tag mit Bach an, sagt Kashkashian. Er sei der Wegbereiter für alles andere. Und die Suiten, die spiele sie nun seit 50 Jahren. Ist Bach eine Frage der Reife? Lässt sich mit den Suiten, die wie die Sonaten und Partiten für Violine solo oder die Goldberg-Variationen für Klavier als schwindelerregende Gipfelwerke ihrer Gattung gelten, eine Summe ziehen, ein Resümee? Kashkashian denkt nach, man spürt ihre Scheu über alle Zeitzonen und die Distanz zwischen Mitteleuropa und der amerikanischen Ostküste hinweg, auch wie wenig ihr alles Pathetische liegt. Sie formuliert genau und sucht so lange nach den richtigen Worten, bis es die richtigen sind: "Mein Verständnis von Bach ändert sich täglich, auf der emotionalen wie auf der strukturellen Ebene. Insofern ist jede Aufnahme eher wie ein eingefangener Moment – bei ihm ganz besonders. Die Verzierungen zum Beispiel, die ich in den Suiten spiele, sind aus dem Moment heraus geboren und zugleich sehr intim, also eigentlich nicht dafür gemacht, festgehalten zu werden."

Wir sprechen Deutsch. Seit Ende der Achtzigerjahre unterrichtete Kashkashian in Deutschland, zunächst als Professorin in Freiburg, dann an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. 2000 ging sie in die USA zurück, seither lehrt und lebt sie in Boston. Ihre Stimme klingt jung, freundlich, sinnlich. Bratschespielen betrachtet sie als ganzheitliche Angelegenheit, es gehe dabei um die Einheit von physischem Körper, Raum und Instrument: "Natürlich gibt es so etwas wie künstlerische Imagination und Fantasie: Ich stelle mir vor, wie dieses oder jenes Stück klingen soll. Aber wie ich dahin komme – das ist eine sehr vielschichtige Frage."

Bei Aufnahmen stellt sie sich Menschen vor, mit denen sie sich unterhalten möchte

Und wie lautet die Antwort? Wie kommt sie zu ihrer Interpretation der d-Moll-Suite, zur Kunst, einerseits jeden Ton auf die sprichwörtliche Goldwaage zu legen und es andererseits genau so eben nicht klingen zu lassen? Die Balance zwischen dem Analytischen und dem quasi Improvisatorischen, der Inspiration des Augenblicks, und wie Kashkashian sie hält, ist faszinierend. "Es geht immer um Loslassen und Vibrierenlassen. Nur dann kann ich meine Ziele verwirklichen. Das ist eine Lebensaufgabe, ganz jenseits von Kunst und Musik."