Unter meinen Achseln ist es am schlimmsten. Wenn es meinem jüngeren Bruder Louis gelingt, seine Finger an meinen Armen vorbei dorthin zu schieben, könnte ich durchdrehen. Gekitzelt zu werden fühlt sich für mich an, als ob tausend Käferchen in meinem Körper herumkrabbeln und von innen an mir nagen. Dieses Gefühl ist so schrecklich, dass ich in Tränen ausbrechen könnte. Aber ich mache genau das Gegenteil: Ich lache. Bin ich noch bei Trost?

Die Kitzelei ist eine rätselhafte Sache. Die meisten Menschen lachen, während sie gleichzeitig "Stopp, bitte aufhören!" japsen, sich winden und wild zucken. Im Mittelalter soll Kitzeln sogar als Folter eingesetzt worden sein. Man fesselte Menschen, dann leckten Ziegen ihnen die Fußsohlen ab. Und eine Forscherin aus den USA hat Leute, die gekitzelt werden, fotografiert und festgestellt, dass sie anders lachen. Sie wirken nicht glücklich, sondern leidend.

Vermutlich fühlt sich Gekitzeltwerden nicht für alle Menschen so extrem unangenehm an wie für mich. Und doch gibt es kaum jemanden, der sich entspannt zurücklehnt oder es gar genießt, wenn Kribbel-krabbel-Finger über Fußsohlen, Rippen oder Hals wandern.

Kitzeln löst in uns starke Gefühle und Reaktionen aus. Darin sind sich Forscher einig. Warum wir aber loslachen, selbst wenn wir uns unwohl fühlen, dafür haben Wissenschaftler bis heute keine eindeutige Erklärung gefunden – dabei machen sie sich schon seit Jahrtausenden Gedanken darüber.

Manche erklären unser Lachen so: Wenn man gekitzelt wird, kommt das oft überraschend. Für einen kurzen Moment denkt unser Gehirn, der Körper werde gerade von jemandem angegriffen. Das ist ein Mini-Schock, der uns in Alarmbereitschaft versetzt. Doch sobald man versteht, dass es nur eine Kitzel-Attacke ist, und das Gehirn meldet: "Entwarnung, es droht keine Gefahr", entspannt sich der Körper wieder. Die Anspannung entlädt sich im Lachen. Das könnte auch die Erklärung dafür sein, dass man sich nicht selbst kitzeln kann. Die Überraschung fehlt, weil man ja weiß, dass die eigenen Hände gleich unter den Fußsohlen entlangfahren werden.

So weit, so einleuchtend. Aber wieso hört man dann nicht auf mit dem Gekicher, sobald man verstanden hat, dass keine Gefahr droht? Einige Forscher denken, dass Kitzeln ein Training des Körpers ist, sich gegen eine Gefahr zu wehren. Wenn zum Beispiel eine giftige Spinne über unsere Haut wandert, sollten wir sie schnell abschütteln. Eine solche Reaktion könnten wir beim Kitzeln üben: Wir wehren uns gegen die Berührungen, indem wir uns umherwinden und unsere Muskeln zucken – damit die Spinne runterpurzelt. Gleichzeitig spornt unser Lachen denjenigen, der uns kitzelt, an, weiterzumachen – damit das Training möglichst lange geht oder immer wieder von vorn anfängt. Zu dieser Theorie passt auch, dass Kinder meist kitzeliger sind als Erwachsene. Vielleicht, weil sie die Körper-Abwehr noch mehr trainieren müssen als Erwachsene.

Wissenschaftler aus Berlin sind allerdings zu einer anderen Antwort gelangt. Sie sagen: Unsere Reaktion aufs Kitzeln ist ein Trick des Gehirns, damit Menschen einander näherkommen. Das haben der Forscher Shimpei Ishiyama und sein Kollege Michael Brecht herausgefunden, als sie Versuche mit Ratten gemacht haben. Die sind nämlich superkitzelig. So, wie wir lachen, geben sie ein Fiepen von sich – allerdings in extrem hohen Tönen, die man mit dem menschlichen Ohr nicht hören kann. Deshalb haben die Forscher mit speziellen Geräten gearbeitet, die solche Geräusche aufzeichnen. Gleichzeitig haben sie gemessen, was im Gehirn der Tiere passiert.

Das überraschende Ergebnis: Auch wenn Kitzeln für den Körper anstrengend ist und man sich dagegen wehrt, im Gehirn löst es die gleichen Reize aus, die beim Spielen mit Freunden entstehen. So verrückt es klingt: Kitzeln tut uns richtig gut, sagt der Forscher Shimpei Ishiyama.

Allerdings klappt die ganze Kitzelei nur bei guter Laune, auch das konnten die Forscher beobachten. Als sie einen hellen Scheinwerfer auf die Tiere richteten, was für die bedrohlich ist, war nicht das leiseste Fiepen zu hören. Wie kitzelig jemand überhaupt ist, hängt vermutlich mit dem Charakter zusammen. Die aufgedrehten und frechen Tiere jedenfalls haben sich fiepend gekrümmt, wenn sie gekitzelt wurden. Die eher zurückhaltenden Tiere hingegen haben nicht so lautstark reagiert. All das könne man auf uns Menschen übertragen, sagt Shimpei Ishiyama. Freche und wilde Kinder sind also kitzeliger als ruhige und schüchterne – jedenfalls dann, wenn sie keine Angst haben.

Die Berliner Forscher haben aber noch etwas anderes Spannendes an den Ratten beobachtet: Während des Kitzelns wuchsen im Gehirn an den Stellen neue Zellen, wo auch Vokabeln abgespeichert werden. Macht Kitzeln also am Ende klug? Und fällt es Kindern dadurch leichter, zu lernen? Das überprüfen die Wissenschaftler gerade noch. Falls ja, sollte man vor allen Klassenarbeiten eine verpflichtende Kitzelrunde einführen. Das würde auch die Stimmung heben.