Auch dieses Bild von Marcel Dzama gehörte zur Show der Galerie Zwirner. © Marcel Dzama/Courtesy David Zwirner

Mit fast 60 Künstlern aus acht Jahrhunderten startete der Galerist David Zwirner im New Yorker Stadtteil Chelsea gerade in die neue Saison. In einer spektakulären Show namens Endless Enigma, begleitet von einem ebenso prunkvollen wie gelehrten Katalog, präsentierte er Werke von Tizian über Piranesi bis zu Sigmar Polke, einem der wichtigsten Maler des 20. Jahrhunderts.

Ein einzigartiges Programm, das aber längst keine Ausnahme mehr in der Stadt ist: Auch bei Lévy Gorvy an der Upper East Side oder Paul Kasmin in Soho geht es ähnlich prachtvoll zu.

Noch nie haben die Megagalerien von New York mit einem derart opulenten Angebot geglänzt. Selbst etablierte Kollegen können da nicht länger mithalten: In den vergangenen drei Jahren kapitulierten bereits etliche unter dem ökonomischen Druck.

Ein Beispiel ist die CRG Gallery. Mitbegründerin Glenn McMillan schloss nach 25 Jahren ihre Türen. Sie sagt: "Kunst ist ein internationales Business geworden, das unglaubliche Mengen an Geld auf den Kunstmarkt bringt und immensen Druck auf Kleinunternehmen wie das unsere ausübt."

Der Trend beschränkt sich längst nicht auf New York. Das zeigt der Kunstmarkt Report, den die Schweizer Bank UBS als Hauptsponsor der Art Basel jährlich erstellen lässt. Demnach sanken die Verkäufe von Galeristen unter einer halben Million Dollar schon 2016 um sieben Prozent. Die Kollegen mit Geschäften von über 50 Millionen Dollar dagegen verzeichneten einen Zuwachs von 19 Prozent. Tim Schneider, Reporter des Online-Kunsthändlers Artnet, hat eine Kalkulation aufgestellt, nach der 80 Prozent der Gewinne auf einer Kunstmesse an 20 Prozent der Aussteller gehen.

Es liegt nicht nur an den fehlenden Ressourcen, dass viele Galerien ums Überleben kämpfen, sondern auch an den gestiegenen Kosten. Anders als die Galeriegiganten können sie sich die Mieten in bestimmten Gegenden nicht mehr leisten. "Die großen Spieler akkumulieren einzigartige Wettbewerbsvorteile", sagt der Kulturhistoriker András Szántó – und meint damit ihre imposanten Galeriehäuser, aufwendige Publikationen, Symposien, Führungen durch die Ausstellungen oder eigene Podcasts. "Die kleinen Galerien überleben nur dank der niedrigen Kosten ihrer bescheidenen Räumlichkeiten in schäbigen Nachbarschaften mit Unterstützung von freiwilligen Helfern."

Problematisch sind auch die gestiegenen Standmieten auf den Messen. Rund 60 Prozent aller Transaktionen werden heute auf Messen getätigt. Laut Szántó investiert eine Galerie für einen Messestand im globalen Durchschnitt rund 30.000 Dollar. Doch im Unterschied zu jenen Galerien, deren Künstler in Millionenhöhe gehandelt werden, ist ein solcher Betrag für Händler, deren Ware vielleicht gerade dem Preis der Ausstellungsfläche entspricht, jedes Mal ein Wagnis. Dennoch gilt die Teilnahme an den großen Messen als unerlässlich, um neue Sammler anzuwerben.

Dabei liegt das Sterben der kleinen Galerien gar nicht einmal im Interesse ihrer übermächtigen Konkurrenz. Die meisten Häuser wissen, dass zum Ökosystem der Galerien auch die kleinen und mittleren gehören. Die sind in der Regel experimentierfreudiger als ihre großen Mitspieler. Und das nutzen die Megagalerien gern aus, indem sie die aufstrebenden Künstler abwerben. So vergingen zum Beispiel nur ein paar Monate, bis Hauser & Wirth die bis zur Enthüllung ihres Porträts von Michelle Obama nahezu unbekannte Malerin Amy Sherald ihrer langjährigen Galerie abspenstig machten.

"Die Kunstwelt entwickelt sich weiter"

Diese Abwerbepraxis trägt wiederum zum Problem der kleineren Galerien bei: Sie haben teilweise jahrelang in unbekannte Künstler investiert. Wenn diese erfolgreich werden, gehen sie aber am Ende oft leer aus. Um dieses Problem abzumildern, warb Art-Basel-Direktor Marc Spiegler zuletzt auf der Konferenz des New York Times Art Leaders Network in Berlin dafür, die Verluste der betroffenen Galerien mit einer Ablösesumme nach dem Modell von Fußballstars zu kompensieren. Auf derselben Veranstaltung schlug David Zwirner vor, dass Galerien seines Kalibers die kleineren Mitstreiter bei den Messegebühren künftig finanziell unterstützen sollten – eine Idee, die die Art Basel für 2019 bereits aufgegriffen hat.

Solche Ideen können kleineren Galerien helfen. Sie schützen sie allerdings nicht vor den mächtigen Auktionshäusern, die in Konkurrenz zu den Kunsthändlern seit den Achtzigerjahren ebenfalls direkt an Sammler verkaufen und sich immer mehr für zeitgenössische Künstler interessieren. Mit ihren immensen Ressourcen stehen diese Unternehmen außer Konkurrenz und machen es kleineren Händlern nahezu unmöglich, den Markt für ihre Künstler zu kontrollieren. "Gemeinsam mit den Messen und den Megagalerien haben die Auktionshäuser Märkte von globaler Größenordnung geschaffen, auf denen Galerien der mittleren Liga kaum mithalten können", sagt Kulturhistoriker Szántó.

Birte Kleemann, Direktorin der etablierten Michael Werner Gallery an der Upper East Side, erinnert daran, dass die momentane Krise nicht die erste in der Geschichte der Galerien ist. Auch den Vorgängern sei es schon öfter schlecht gegangen. "In den Achtzigerjahren gab es Galerien, die heute kaum noch einem neuen Publikum bekannt sind", sagt sie. "Die Kunstwelt entwickelt sich weiter."

Birte Kleemann sieht allerdings ebenso Grund zum Optimismus. "In den vergangenen Jahren haben mehr und mehr Galerien – darunter auch an der Upper East Side – eröffnet", sagt sie. Manche Menschen nähmen sich sogar extra einen Nachmittag frei, um Kunst anzuschauen. "New York ist ein enormes Pflaster für die Kunst, und es scheint mir hier für eine Galerie beinahe einfacher als in Berlin, Sammler und Kunstliebhaber um sich zu scharen."

Im Juli initiierte die traditionsreiche Art Dealers Association of America, in der zahlreiche amerikanische Galerien organisiert sind, den ersten Art Walk in Chelsea, um wieder mehr Publikum in den Bannkreis der Kunst zu locken – mit mäßigem Erfolg. Doch selbst wenn die gefährdeten Galerien mit solcherlei Maßnahmen kaum gegen den Strom großer ökonomischer Umwälzungen anschwimmen können, so ist eine Kultur des Engagements, wie sie mit den Salons vor mehr als einem Jahrhundert begann, vermutlich die beste Strategie.