Es fault und stinkt und brodelt und trieft. Kaum betritt die 45-jährige Comiczeichnerin Delia ihre Heimatstadt Neapel, muss sie sich gegen die Zudringlichkeit dieses Molochs zur Wehr setzen. Neapel ist ein überdimensionierter Schlund, ein Verdauungsapparat. Alles ist unflätig, der Dialekt ein Zischen, Obszönitäten und Schimpfwörter schwirren durch die Luft, überall lauert Gewalt.

In Elena Ferrantes Debüt Lästige Liebe von 1992 kehrt die Heldin aus Rom nach Neapel zurück, um ihre Mutter Amalia zu beerdigen. Diese Mutter, die ihr in der Vergangenheit ähnlich zugesetzt hatte wie jetzt die Stadt, ist wenige Tage zuvor im Meer ertrunken. Mit ihrem Tod gibt sie der Tochter ein letztes Rätsel auf: War es ein Unfall, war es Selbstmord, hatte jemand anderes die Finger im Spiel? Bis auf einen ungewöhnlich eleganten BH war die Mutter nackt. Später taucht noch ein Koffer mit teurer Wäsche auf.

Lästige Liebe erzählt von einer Entwicklungsgeschichte, die sich auf den verletzbaren weiblichen Körper konzentriert: Am Anfang sehen wir den obduzierten, bleichen Leichnam Amalias, dann folgt die muskulöse Magerkeit Delias, die just beim Trauerzug zu menstruieren beginnt. In Rückblenden blitzt der verführerische Leib der noch jungen Mutter auf, einer Schneiderin, der sich in ihren Schnittmustern und Stoffen und den Aktzeichnungen des Vaters auf unheimliche Weise multipliziert. Noch bedrängender ist der Anblick des versehrten Körpers der Mutter, die von ihrem Mann aus Eifersucht regelmäßig verprügelt wurde. Am Schluss steht der Kinderkörper Delias. Auch die weiblichen Kleidungsstücke gewinnen symbolischen Wert, sie zeigen und verbergen, sie verweisen auf Geheimnisse und auf Verrat. Delia ist durch eine Verleumdung auf ungute Weise an die Mutter gekettet: Als Fünfjährige hatte sie ihrer Mutter eine Affäre mit einem Geschäftsfreund des Vaters angehängt. Hinter der Anklage steckte etwas ganz anderes, und das ist der dunkle Ursprung der Verwicklungen.

All das wabert unter der Oberfläche und findet Ausdruck in Traumbildern, die Delia mehr und mehr überwältigen.

Es ist diese überreizte Atmosphäre, die aus Lästige Liebe eine fesselnde Lektüre macht. Auch die Psychodynamik und die Abrechnung mit dem fatalen Männlichkeitsgebaren besitzen eine eigene Schärfe. Erst als Delia in den Keller des Wohnblocks ihrer Kindheit hinabsteigt, entwirrt sich das Beziehungsknäuel. Lange vor Ian McEwans legendärem Roman Abbitte (2001) hatte Ferrante eine Verleumdung mit sexueller Gewalt verknüpft und zum treibenden Element eines Romans gemacht. Die changierenden Gefühle gegenüber der Mutter und Delias Verschmelzungswunsch vermittelt die Autorin im italienischen Original auch über das Relief der Tempusformen – einen sorgfältig komponierten Wechsel aus passato remoto und imperfetto, der in der Übersetzung zwangsläufig verloren geht.

Den Erstling von Elena Ferrante auf dem Hintergrund ihrer erfolgreichen Tetralogie über das neapolitanische Freundinnenpaar zu lesen ist aufschlussreich; noch interessanter ist das Zusammenspiel mit den Selbstdeutungen und der Korrespondenz mit dem Regisseur der Verfilmung von Lästige Liebe, Mario Martone, in dem Essayband La Frantumaglia (2003, 2016), der bei Suhrkamp in Vorbereitung ist. Wer Lust auf eine Werkexegese hat, entdeckt in Lästige Liebe Umrisse von Figuren, Motivketten und Schauplätze, die später in der Genialen Freundin und den Folgebänden eine Rolle spielen werden. Ferrantes Debüt erscheint jetzt zum zweiten Mal in deutscher Sprache, was der Suhrkamp Verlag – vermutlich aus Marketinggründen – nicht eigens vermerkt. 1994 war der Roman in der Übersetzung von Stefan Wendt in Deutschland eher untergegangen, während Elena Ferrante in Italien bereits breit diskutiert wurde. Die suggestive Kinofassung von Mario Martone verhalf der anonymen Autorin damals zu einem noch größeren Publikum und verdichtete das Geheimnis um ihre Identität. In der prägnanten Neuübersetzung von Karin Krieger ist der Grundstein des Ferrante-Mythos jetzt zu entdecken.