Wird sie es schaffen? Kann Jennifer Egan, die als Avantgarde der amerikanischen Literatur gilt, sich selbst einholen? Womöglich übertreffen? Am 11. September 2001, als der Terrorist Atta und seine Kumpane ihre Flugzeuge in die Twin Towers von Manhattan steuerten, erschien der erste große Roman von Jennifer Egan, in dem ein Terrorist ein Attentat auf die hochmütig glitzernden Fassaden der westlichen Finanzwelt plant. In Black Box (2013) hat Egan mit narrativen Mustern des Internet-Zeitalters gespielt, mit Twitter; für ihren Roman Der größte Teil der Welt experimentierte sie mit PowerPoint. Und jetzt? Überrascht sie die Fans mit einem historischen Schmöker. Echt jetzt? Ja. Es ist ein New-York-Roman, also: Kanon-Stoff.

Das Buch setzt ein in Brooklyn im Jahre 1934. Der Roman rollt stilgerecht an den Start in einem 28er Duesenberg, Model J, Farbe Niagarablau. Es geht den Ocean Parkway hinunter nach Süden, zum Meer, wo ein Haus einsam am Ende der Straße steht, als hätte Edward Hopper die Szene gemalt. In dem Straßenkreuzer sitzen ein Mann und ein Mädchen, und wenn sie einige Stunden später, nach einem Besuch in diesem Haus, zurückfahren und Eddie Kerrigan den Arm um seine zwölfjährige Tochter Anna legt, wird ihr Leben eine neue Wendung genommen haben.

Eddie Kerrigan hat sich mit Dexter Styles getroffen, der über Nachtclubs und viel Zwielichtiges gebietet, und ihm seine Dienste angeboten. Der Handel, den diese Männer eingehen, wird sie auf sehr unterschiedliche Bahnen katapultieren, am Ende ist einer der beiden tot, und Annas Leben wird durch die Ereignisse tief und schmerzlich geprägt.

Es zersprengt die Familie, Eddie und seine Frau, Anna und ihre Schwester Lydia, ein schönes blondes, schwerstbehindertes Kind. Zwanzig Jahre später muss sich Anna alleine durchschlagen, als Arbeiterin auf der Werft in den New York Naval Yards, die damals, in den Vierzigerjahren, am East River in Brooklyn lagen. Dort erzwingt sich Anna, als erste Frau, eine Ausbildung zur Taucherin. Inmitten des Chaos konzentriert sie sich auf einen Beruf. Es ist also auch eine Emanzipationsgeschichte, die Egan hier erzählt, eingebettet in Familienszenen aus der berüchtigten Enge der Mietsilos und die großen Zeitläufte, die Erzählung endet 1944, mit dem Stapellauf des größten und letzten Schlachtschiffs Amerikas, der MSS Missouri, die 1945 in der Schlacht um Iwojima eingesetzt wurde. Es ist Krieg, und das Leben liegt im Schatten der Großen Depression und der Furcht vor einem Sieg des Faschismus.

Ein riesiges Szenario also. Und beste Unterhaltung (wenn auch der Übersetzung einige der präzisen Formulierungen und schönen fließenden Sätze entgleiten). Der große amerikanische Roman ist eine eigene Gattung, in der die Heroen der amerikanischen Literatur wetteifern, Scott Fitzgerald mit Der große Gatsby etwa oder E. L. Doctorow mit Ragtime, also Romanen, die diese amerikanische Historie aufnahmen und zugleich unser Bild der Zeit prägten, in der auch Egan ihren Roman angesiedelt hat. Und sie gibt uns die Nachtclubs und den Geruch von Fusel und Sex, das Gedränge auf den Tanzflächen, aber auch das sabbernde Gebrabbel des kranken Kindes. Egan gestaltet ihre Figuren in intimen Szenen, kleinen Gesten und vibrierenden Dialogen von berührender psychologischer Tiefe. Gleichzeitig fokussiert sie das Zeitporträt. Nach der Lektüre könnte man sich vermutlich blind in einen der monströs schweren Taucheranzüge der Vierzigerjahre hineinschrauben. Wenn Anna sich in die Unterwassernacht sinken lässt, hört man buchstäblich jeden Atemzug.

Die Autorin will viel. Ihre Erzählung mäandert, durch acht Segmente, vom Abendbrottisch der Kerrigans bis in die Hinterzimmer der Mafiabosse, vom Deck eines Frachters, der von den Deutschen torpediert wird, bis zu einem Floß mit Überlebenden. Lesen ist gemeinhin eine Tätigkeit, die das Beugen eines Kopfes über Papier einschließt – hier fühlt man sich verleitet, hochzuschauen, um zu sehen, ob Egan oben auf ihrem Seil die Balance halten kann. Sie kann. Sie hält ihren disparaten Stoff kunstfertig zusammen, mit Parallelisierung der Handlungsstränge oder Szenen, die einander spiegeln, mit Objekten, die in verschiedenen Strängen auftauchen und sich auf diese Weise verhakeln. Da dies wie gesagt auch ein großer New-York-Roman ist, der über die Brücken nach Downtown shuttelt, sich an der Upper West Side herumtreibt oder am Gramercy Park, kann man sich gut vorstellen, dass eine literarische Stadtführung in Zukunft auch zu jener Stelle pilgern wird, an der Anna ihre Schwester Lydia nach Manhattan Beach schleppt – "die merkwürdige, grausame, gewalttätige See: das war es, was sie Lydia zeigen wollte".

Dieser Ausflug spiegelt die Eröffnungsreise der kleinen Anna im Duesenberg ihres Vaters, er markiert im Erzählfluss einen weiteren Umschlag, an dem man spürt, wie dieser Roman mit Wucht hin und her wogt.

Jennifer Egan: Manhattan Beach. Frankfurt a. M., Fischer Verlag 2018; 496 S., 22 €