Der Schweizer Theatermacher Milo Rau war, so wird erzählt, kurz davor, die Leitung des Schauspielhauses Zürich zu übernehmen – aber er wollte den Posten dann nicht. Er habe verhindern wollen, so sagte er der Neuen Zürcher Zeitung, dass eines Tages seine von den Zürcher Bürgern abgenagten Knochen die Limmat, den Stadtfluss, hinabschwimmen. Denn er hält Zürich für eine tendenziell kunstfeindliche Stadt, die das Neue – also auch ihn – nicht erträgt und nicht erkennt und erst dann feiert, wenn es anderswo durchgesetzt wurde.

Nun ist es das herrliche Gent, dessen National Theater (NT) er seit diesem Herbst leitet. Eine belgische Stadt, deren Innenstadtleben an das eines Flughafenterminals erinnert: Tags hoppelt und bollert die internationale Rollkofferarmee der Touristen über das Kopfsteinpflaster, nachts ist es gespenstisch still, und Kehrmaschinen wischen feucht fort, was zwischen den Pflastersteinen liegen blieb.

Rau hat also, so scheint es, eine Idylle gewählt. Aber er wird sie bestimmt als vergiftete Idylle kenntlich machen. In seiner ersten Inszenierung am eigenen Haus teilt er den Gentern eine unerfreuliche Prognose mit: Gent werde in nicht ferner Zukunft untergehen und nur von den Fischen noch bewohnt werden. Es geht also in Lamm Gottes um das Leben an sich: wie es war, wie es ist und wie es enden wird.

Milo Rau nähert sich Gent mit dem Ehrgeiz eines genialen Diebes. Er hat sich den wertvollsten Kunstschatz der Stadt, den von den Brüdern Jan und Hubert van Eyck geschaffenen Genter Altar (1432), symbolisch angeeignet und ihn durch eine kühne Fälschung ersetzt.

Man könnte auch sagen: Er besitzt den Spürsinn eines Werbestrategen, der einen Markt erobern will. Seine Grundfrage war: Wofür ist diese Stadt berühmt, was ist ihr größter Besitz? Es ist der Genter Altar, auf dem die Anbetung des Lammes aus der Offenbarung des Johannes dargestellt wird. Dies ist eines der bedeutendsten Kunstwerke Europas, und es hat schon mehrere Verschleppungen erlebt – unter anderem brachten die Nazis den Altar erst nach Neuschwanstein und dann in jenes Altausseer Salzbergwerk, das als Depot für ein künftiges "Führermuseum" in Linz diente.

Der Altar hat alle Attacken und Entführungen seiner fast 600-jährigen Geschichte recht gut überstanden. Und nun kommt Milo Rau. Seine Attacke ist subtiler: Er will den Altar nicht stehlen. Er will Teil von ihm werden. Er will mit aufs Bild.

Er füllt die alten Bildformate mit gegenwärtigem Genter Leben. Was soll auf einem Altar von heute gezeigt werden? Um das zu ermitteln, bringt Milo Rau reales Warmblütervolk ins Theater: Kinder, Tiere, nackte Menschen – zu sehen ist, was uns befreit, bewegt, vom eigenen Unglück ablenkt. Der Altar soll atmen, er soll leben! Ein Schäfer überquert mit seiner kleinen Herde die Bühne, der Schäferhund, immer im Dienst, huscht hinterher. Ein nacktes Elternpaar, Nachfahren von Adam und Eva, gibt in Anwesenheit der eigenen Söhne Auskunft über seine Liebesbeziehung (und über misslungene Verhütungsversuche, die dazu geführt haben, dass sie jetzt eine Familie sind).

Raus Stück ist ein Füllhorn des Schreckens und des Profanen. Wir sehen eine menschliche Geburt und eine Frau, die im Sterben liegt; beides "echt", beides von Rau gefilmte Genter Bürger. Menschen aus dem Irak und aus Ruanda erzählen, wie sie nach Gent gekommen sind. Wir sehen parallel: das Scheren eines Schafes (auf der Bühne) und das Schächten eines Schafes (im Film). Beide Schafe halten still, als stellten sie das Urschaf dar, das seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte dazu dient, uns zu Willen zu sein.

Das Märchenhafte bei Milo ist, wie seine Spieler auf der Bühne miteinander umgehen: Sie sind sich zugewandt wie die allerbesten, sanftesten Pädagogen. Sie sind voll lernbereiter Neugier aufeinander. Was im Schauspiel ansonsten für Bewegung sorgt und die Handlung zum Ende treibt, der Konflikt, ist hier aus dem Bühnenhandeln verbannt. Es findet sich bloß in den Erzählungen der Figuren.

Raus Spiele sind Oasen der Friedfertigkeit, in denen vom Grauenhaftesten die Rede ist, was Menschen einander antun. Temporäre Paradiese, in denen man vor dem Schrecken Ruhe sucht. Deshalb legen sich die Menschen gern auf seinen Bühnen nieder und finden sofort Schlaf, wie im Kinderspiel. Tiere und Kinder und unbekannte Fremde lassen sich auf der Bühne nieder: Raus Inszenierungen sind mustergültige zivile Versammlungen, Idyllen der Vollständigkeit.