Die Orte heißen Hahnenklee, Langelsheim, Riefensbeek-Kamschlacken. Dazwischen: viel Grün, Fichtenwald. Stephan Herminghaus steht vor einer riesigen virtuellen Straßenkarte. Auf dem Bildschirm im Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen ist der westliche Teil des Harzes zu sehen. 60.000 Menschen leben hier auf etwa 300 Quadratkilometern. Seit Anfang August sind sie Versuchsobjekte in einem Forschungsprojekt.

Seitdem kurven sechs Kleinbusse durch die dünn besiedelte Landschaft, gerade bewegen sich drei von ihnen als bunte Punkte entlang der Straßen auf dem Bildschirm. Scheinbar wahllos verstreut leuchten Haltestellen-Symbole auf. Hinter den Symbolen verbergen sich jedoch keine Bushäuschen mit Wartebank und Fahrplan. Es sind Menschen mit Smartphone, die einen der Busse bestellt haben. Die Fahrgäste sind ihre eigene Haltestelle. Sie selbst bilden ein sich ständig veränderndes Netz, das von den Bussen abgefahren wird. Ein Algorithmus kombiniert die Routen und sorgt für eine möglichst effiziente Busbelegung.

In Großstädten gibt es solche Fahrdienste auf Abruf bereits, vergangenen Monat sind sie unter den Namen Moia und BerlKönig in Hamburg und Berlin in Betrieb gegangen. Der Service ergänzt den öffentlichen Nahverkehr und richtet sich an diejenigen, die bereit sind, etwas mehr Geld für eine Fahrkarte auszugeben.

Max-Planck-Direktor Herminghaus und sein Team wollen herausfinden, ob das Angebot auch auf dem Land funktioniert. Wo eine Fahrtstrecke nicht drei Häuserblocks, sondern drei Ortsgrenzen quert. Wo zwar nur wenige Menschen wohnen, die aber ebenso von einem Ort zum anderen möchten.

Man kann sich den "EcoBus", so heißt das Projekt, vorstellen wie eine Mischung aus Taxi und Fahrgemeinschaft. Die Fahrgäste teilen sich einen Kleinbus – und damit auch die Kosten. Der EcoBus ist Teil des Nahverkehrs, hat also die gleichen Tarife. Die Anfragen der Fahrgäste bestimmen über den Fahrplan, unabhängig von Zeit und Ort. Demand Responsive Transport nennt man diese Systeme. Sie ähneln den Anruf-Sammeltaxen und Bürgerbussen, die schon seit Jahren eingesetzt werden, um Verkehrslücken in ländlichen Regionen zu schließen. Aber mit großer Rechenleistung und findigen Apps können die Busse nun auch unterwegs Buchungen empfangen und Fahrgäste in Routen einplanen – live sozusagen.

In der App oder im Netz buchen die Fahrgäste einen Ort und eine Zeit, zu der sie abgeholt werden wollen. In der Bestätigung erhalten sie ein Zeitfenster von 20 Minuten, in dem der Bus voraussichtlich vorfährt. Er ist nicht gebunden an Haltestellen, fährt bis zur eigenen Haustür, zum Wanderparkplatz oder Hausarzt.

An einem Donnerstagabend biegt der Bus auf den Parkplatz eines Schnellrestaurants in Osterode am Harz ein. Dort wartet Shahab Atghia. Vor fünf Minuten hat er die genaue Ankunftszeit auf sein Handy bekommen und sich an die Bordsteinkante gestellt. Atghia hat hier einen Nebenjob, eigentlich studiert er in der Nachbarstadt Clausthal-Zellerfeld, 15 Kilometer entfernt. Er steigt ein und bezahlt den regulären Preis für einen Linienbus beim Fahrer: 3,50 Euro. "Der letzte Bus fährt kurz nach sieben. Wenn ich den nicht erwische, zahle ich fast 30 Euro für ein Taxi", sagt Atghia. Er buche den EcoBus, wenn er merke, dass die Schicht länger dauern könnte. "Als Alternative."

Die Kleinbusse fahren zwischen 6 und 22 Uhr, am Wochenende sogar bis 2 Uhr nachts – und damit um Stunden länger als die Linienbusse. Lange warten müsse er eigentlich nie, nur früh genug buchen sollte man, erzählt Atghia, dann komme der Bus pünktlich zur gewünschten Zeit. Wenn alle Busse ausgebucht sind, empfiehlt die App, auf ein Taxi umzusteigen. Der Busfahrer bestätigt auf seinem Tablet, dass Atghia zugestiegen ist. Sollten weitere Fahrgäste in der Nähe der Strecke warten, wird er nun einen Umweg fahren und diese einsammeln.

Bis zu acht Personen finden im Kleinbus Platz. Vor allem Jugendliche würden den Bus für Kneipenbesuche nutzen, aber auch Kinder, um zum Sporttraining zu kommen, oder Ältere zum Einkaufen, erzählt der Busfahrer. "Es ist praktisch, dass es so was im Harz gibt", sagt Atghia, "ich hoffe, es bleibt auch bestehen."