Es ist der heiße Sommer 2018. Tbilissi befindet sich im Umbruch. Auf dem Berg, den wir hinauffahren, entsteht ein neues Stadtviertel mit Hotels, Golfplätzen, Ausstellungshallen, Kongressgebäuden und Bürohäusern: Tbilissi Panorama. Der Bauherr ist der ehemalige Staatschef Bidsina Iwanischwili, der die Stadt seit Jahren mit seinen Milliarden bombardiert und nach seinem Oligarchen-Geschmack umgestaltet. Er selbst wohnt in einer futuristischen Festung aus Glas und Stahl, die wie eine Riesenkröte über der zerfallenden Altstadt von Tbilissi hockt. Als sie das Monster zum ersten Mal sah, hat Nana geweint.

Die verwunschene Datscha, in der die 40-jährige Schriftstellerin und Filmemacherin Nana Ekvtimishvili mit ihrem Mann und ihrer Tochter lebt, liegt in Solalaki auf halber Höhe des Mtazminda, des "heiligen Bergs", auf dem die berühmten georgischen Schriftsteller begraben sind. Wir haben uns unten in der Altstadt im Café Entrée in der Amagleba-Straße getroffen und fahren mit einem Geländewagen hoch.

Georgien ist in diesem Jahr das Gastland der Frankfurter Buchmesse, 160 georgische Bücher wurden zu diesem Anlass ins Deutsche übersetzt, wer die georgische Gegenwartsliteratur gründlich kennenlernen möchte, ist auf Jahre versorgt. Von Rustawelis Nationalepos Der Recke im Tigerfell, das angeblich jeder Georgier einmal im Leben liest, bis zu den jüngsten Spitzenprodukten der queeren Literaturszene in Tbilissi wird in diesem Herbst für absolut jeden Bedarf etwas in deutschen Buchhandlungen erhältlich sein.

Der Roman Das Birnenfeld, für den Nana in ihrer Heimat alle wichtigen Literaturpreise gewonnen hat, sticht dennoch heraus. Es ist eine unerbittliche, existenziell ergreifende Geschichte aus den 1990er-Jahren, in denen alles zusammenbrach, erst die Sowjetunion, dann die Stromversorgung, die Heizung, die Wirtschaft, am Schluss die Familien und der ganze Rest. Sie spielt unten, in einem Außenbezirk der Stadt, in dem es neben der Plattenbauwüste städtebauliche Höhepunkte wie das Institut für Leichtindustrie gibt, außerdem eine ehemalige Telefonzentrale und ein Internat für geistig beeinträchtigte Kinder, eine Schule der Dummen, von den Bewohnern Debilenschule genannt.

Hier oben, in der hellen, weiß ausgemalten Datscha, stehen sehr viele deutsche Bücher. Sie gehören Nanas Berliner Mann, dem Filmemacher Simon Groß. Die beiden betreiben in der Innenstadt von Tbilissi fünf Eiscafés und haben in den vergangenen Jahren in Georgien zwei erstaunliche Filme gedreht, zu denen Nana das Drehbuch geschrieben hat: Die langen hellen Tage konzentriert sich auf das Schicksal der beiden Schülerinnen Natia und Eka. Natia wird im Jahr 1992 im Plattenbauviertel von einem Verehrer mit Gewalt entführt und muss ihn anschließend heiraten, um ihre Ehre zu retten, eine damals nicht ungewöhnliche Form der georgischen Brautwerbung. Der Film erzählt in eindringlichen blaugraugrünen Bildern von einer archaischen Welt, in der Mann und Frau sich schwer bewaffnet gegenüberstehen und alles Unglück von den kriegsversehrten oder traumatisierten Männern ausgeht, die ihr ganzes Leben darauf verwenden, sich gegenüber ihren Geschlechtsgenossen zu behaupten. Der Raub einer Frau ist in diesem zerbombten Leben der größte Triumph. Die Einzigen, die in dieser seelischen Wüste ein Gefühl für Frieden und Zusammenleben haben, sind die Frauen. Meine glückliche Familie erzählt von einer 52-jährigen Lehrerin, die aus der lärmenden Enge einer georgischen Großfamilie in eine Single-Wohnung in der Plattenbausiedlung flieht und damit in gewisser Weise eine deutsche Lösung für ein georgisches Problem findet, denn keine georgische Frau, versichert Nana auf die verwunderte Nachfrage der Besucherin, würde so handeln.

Beide Filme sind ungewöhnlich geduldige und feinfühlige Beobachter eines äußerst seltenen historischen Augenblicks, in dem ein Zeitalter im Orkus der Geschichte versinkt und das neue noch nicht in Sicht ist. Sie fanden auf Festivals große Beachtung und gelten als Meisterwerke des jungen georgischen Kinos. Das Problem ist nur: In Tbilissi gibt es noch drei Kinos. Dafür aber fünf Eiscafés, die einem freien Filmemacher-Paar ein Auskommen ermöglichen.

Nana, mit der man endlos über ihre unglaubliche georgische Kindheit und Jugend im fernen 20. Jahrhundert sprechen könnte, ist selbst in einem Plattenbauviertel von Tbilissi aufgewachsen. Sie war zwölf Jahre alt, als Georgien nach 70 Jahren sowjetischer Trabantenexistenz in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Geschrieben hat sie schon immer, alle um sie herum taten das. Sie hielt das für normal, Menschen schreiben eben genauso wie sie atmen, dachte sie. Die ersten Jahre der Freiheit waren ein Rausch, man hatte, sagt sie, keine Angst, etwas zu verlieren, weil man nichts besaß. Es war ein existenzieller Ausnahmezustand, der ermöglichte, alles grundsätzlich zu nehmen, weil nichts mehr von der Schicksalhaftigkeit der eigenen Lage abzulenken vermochte. Damals, in dieser kurzen, aber unvergesslichen Pause zwischen zwei Weltzeitaltern, lebte man, sagt Nana, jeden Tag auf Messers Schneide. Und es ist dieses scharfe Gefühl der Freiheit, das ihrem ersten Roman einen grausamen Glanz verleiht.