Das Debakel nimmt seinen Anfang weit im Osten, viele Tausend Kilometer entfernt von Berlin, an einem Freitag vor drei Jahren. In einem Luxushotel in Wladiwostok treffen sich am 4. September 2015 eine Reihe hochrangiger Energiemanager. Unter ihnen Alexei Miller, ein rotblonder Petersburger mit sonorer Stimme. Miller ist ein enger Vertrauter Wladimir Putins und seit 17 Jahren Chef des russischen Energieriesen Gazprom. Ebenfalls dabei sind Vertreter der deutschen Konzerne E.on und BASF.

In der windigen Stadt am Pazifik wird an diesem Tag ein Jahrhundertgeschäft verabredet. Alexei Miller einigt sich mit deutschen, niederländischen und französischen Unternehmern darauf, die Ostsee mit einer weiteren Gasleitung zu untertunneln. Durch die Röhre sollen pro Jahr bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Gas von Russland nach Deutschland strömen. Die Gasmanager taufen ihr Projekt "Nordstream 2".

Am selben Abend, an dem in Wladiwostok gefeiert wird, trifft Angela Merkel die wichtigste Entscheidung ihrer Kanzlerschaft: Sie hält die Grenzen zu Österreich offen. Hunderttausende kommen nach Deutschland. Die meisten osteuropäischen Länder weigern sich hingegen, Flüchtlinge aufzunehmen. Aus Berlin werden sie dafür scharf kritisiert. Aber jedes Mal, wenn Merkel an die europäische Solidarität appelliert, verweisen die Regierungen in Warschau oder Bratislava kühl auf Nordstream 2. Aus ihrer Sicht hat Deutschland damit die Solidarität aufgekündigt.

Das Geschäft, das vor drei Jahren im fernen Osten besiegelt wurde, entwickelt sich für die deutsche Regierung zu einem Albtraum. Nordstream 2 hat das angespannte Verhältnis zwischen Deutschland und Polen dramatisch verschlechtert, Berlin in der EU an den Rand gedrängt, die USA in Rage versetzt und Merkel in die Bredouille gebracht.

Wie konnte es dazu kommen, dass ein Projekt, von dem die deutsche Regierung lange Zeit behauptet hat, es sei rein wirtschaftlicher Natur, derart zerstörerische politische Folgen hat?

Umkämpfte Wege

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Sechs Wochen nach dem Treffen in Wladiwostok, am 28. Oktober, fliegt der damalige deutsche Vizekanzler und Wirtschaftsminister nach Moskau. Für Sigmar Gabriel nimmt sich Wladimir Putin ungewöhnlich viel Zeit. Fast zwei Stunden sprechen sie auf der Staatsdatscha Nowo-Orgarjowo. Mit von der Partie ist wieder Alexei Miller. Gabriel ist für die Nordstreamer der zentrale Mann in Berlin. Er verspricht, alles dafür zu tun, dass deutsche und nicht europäische Behörden für Nordstream 2 zuständig sind. Das ist sehr wichtig, denn die Bundesregierung will die Pipeline, die EU-Kommission will sie nicht.

Der Streit, der nun beginnt, ist so ähnlich schon einmal geführt worden. Im Jahr 2005 hatten sich Wladimir Putin und Gerhard Schröder, als der noch Bundeskanzler war, für den Bau einer Ostsee-Pipeline namens Nordstream 1 starkgemacht, auch gegen den Widerstand der östlichen EU-Länder. Diese fürchteten einen deutsch-russischen Schulterschluss auf ihre Kosten. Nun, im Jahr 2015, ist die Konstellation ähnlich, aber die politischen Umstände haben sich radikal verändert. Die russische Intervention in der Ostukraine und die Krim-Annexion haben den Osten Europas erschüttert. Die EU versucht, Moskaus Einfluss zu begrenzen, und hat auch deshalb eine sogenannte Energieunion gegründet. Bereits im März 2015 hatten sich die EU-Länder darauf verständigt. Die EU will unabhängiger von russischen Gaslieferungen werden. Rund ein Drittel der europäischen Gasimporte kommen bislang aus Russland. Etwa die Hälfte davon fließt durch die Ukraine, wofür das Land Transitgebühren kassiert, pro Jahr rund zwei Milliarden Euro. Auch Angela Merkel stimmte der Energieunion zu. Und trotzdem eine neue Pipeline?

Am 30. November 2015 schreiben die Wirtschaftsminister aus Polen, Ungarn, Rumänien, Lettland, Estland, Litauen und der Slowakei einen Brief an die EU-Kommission. Auf drei Seiten argumentieren sie gegen Nordstream 2: Die geplante Pipeline nehme der Ukraine Transitgebühren; sie erhöhe die Abhängigkeit der EU von Russland und untergrabe "das Vertrauen (...) in die Umsetzung der Energieunion", schreiben die Minister. Zwei Wochen später schließt sich das Europäische Parlament in einer Resolution der Kritik an. Auch die EU-Kommission geht auf Distanz.

Alles das weiß Angela Merkel, als sie am 17. Dezember 2015 zum EU-Gipfel nach Brüssel reist. Im Mittelpunkt steht die Flüchtlingskrise. Aber am zweiten Tag sprechen die Regierungschefs auch über Nordstream. Spätestens jetzt müsste Merkel Stellung beziehen. Die Nordstream-2-Gesellschaft hat begonnen, Genehmigungen zu beantragen. Die Planung läuft. Bei St. Petersburg werden bereits die ersten Bauteile gelagert.

Doch Merkel will sich nicht festlegen. Im Kanzleramt ringen ihre Berater um eine einheitliche Linie. Die Außenpolitiker sehen Nordstream 2 skeptisch, doch die Wirtschaftspolitiker, die das Projekt unterstützen, behalten die Oberhand. Außerdem will die Kanzlerin keinen Ärger mit der SPD und ihrem Vizekanzler Gabriel riskieren. In Brüssel nach Nordstream 2 gefragt, sagt sie, "dass es erst einmal ein wirtschaftliches Projekt ist". Der Präsident des Europäischen Rats, Donald Tusk, widerspricht: "Nordstream 2 trägt weder zur Diversifizierung bei, noch würde es helfen, unsere Energieabhängigkeit zu verringern."