Michael Krüger: Du bist 1936 in der Bukowina auf die Welt gekommen und hast seit 1941 alle Schrecklichkeiten des 20. Jahrhunderts erleben müssen. Heute bist du ein wichtiger Schriftsteller und emeritierter Professor am Bard College nördlich von New York. Wie beurteilst du deine Zeit im Exil?

Norman Manea: Nach der Nazi-Zeit und dem inneren Exil im kommunistischen Rumänien begann mein neues Exil 1986, und zwar in Berlin, mit einem DAAD-Stipendium. Kurz zuvor war meine Erzählung Der Pullover in den Akzenten erschienen, auf Empfehlung von Heinrich Böll. Das liegt nun schon mehr als dreißig Jahre zurück. Deutschland war für mich nie nur Hitler und die Nazis, sondern eine große spirituelle Zivilisation. Nach Berlin begannen meine Jahre in den USA, in New York. Das war für mich eine exotische Fortsetzung meiner Exil-Erfahrung. Immerhin musste ich eine neue Sprache lernen. Dieses neue Exil war eben auch eine sehr wichtige Schule – wie das Exil seit den biblischen Zeiten immer auch eine existenzielle und geistige Erfahrung bedeutet.

Krüger: Dies Frühjahr auf der Leipziger Buchmesse warst du Gast des Schwerpunktlandes Rumänien. Warst du als Rumäne eingeladen, als amerikanischer Schriftsteller rumänischer Herkunft, als Exilant, als jüdischer Überlebender der Lager?

Manea: Man hat mich als bekannten rumänischen Schriftsteller eingeladen. Ich war der Älteste und natürlich, wie immer, ein komplizierter Fall für Rumänien. Am ersten Tag der Messe hat der Dichter Mircea Dinescu sich und die Zuhörer gefragt, ob das Ministerium für Kultur und Nationale Identität Autoren wie Vosganian oder Manea, die keine exemplarische "Identität" hätten, überhaupt hätte einladen dürfen. Das hat mich an viele, zu viele Ausgrenzungen in meinem Leben erinnert: die Deportation nach Transnistrien in ein KZ für die Bukowiner Juden, die tägliche Gefahr, den Hunger, den Hass, die Panik, die vielen Toten. Ich war ja noch ein Kind! Danach der kommunistische Antisemitismus, heute der globale Antisemitismus.

Krüger: Kannst du dich noch an das Lager in Transnistrien erinnern? Waren Rumänen beteiligt oder nur Deutsche?

Manea: Die Deportation der Juden aus der Bukowina war eine rumänische Entscheidung, die Durchführung lag allein bei den Rumänen. Der Diktator Ion Antonescu, Hitlers Verbündeter, wollte auf diese Weise die "jüdische Frage" lösen. Es gab übrigens auch einige deutsche Lager in Transnistrien, die noch tödlicher waren als die rumänischen. Bei uns konnten durch die bekannte rumänische Korruption wenigstens einige Menschen gerettet werden. Ich war im Oktober 1941 ein sehr geliebtes und verwöhntes Kind, das plötzlich in einem schmutzigen und vollgestopften Viehwaggon aufwacht. Um mich herum Vater und Mutter, die Großeltern, Alte und Kranke, eine zusammengepferchte Masse auf kleinstem Raum. In diesem finsteren, vergifteten Stall hat man gebetet, geweint und um Gottes Hilfe geschrien. Eine Latrine gab es nicht. Nach ein paar Tagen waren wir endlich an der ukrainischen Grenze angekommen. Man hat die Türen geöffnet, die Toten aus dem Zug gezogen, und dann begann ein entsetzlicher Gewaltsturm: Die rumänischen Soldaten haben Geld, Gold und Schmuck gesucht und haben um sich geschlagen und geschossen. Noch im Zug haben sich einige der Opfer das Leben genommen. Die Überlebenden mussten zu Fuß nach Mogiljow marschieren, viele Kilometer, wo wir auf verschiedene Lager verteilt wurden. Meine Großeltern sind nach drei Wochen gestorben. Wir haben sie im Wald begraben, ohne Grabstein.

Krüger: Und wie haben deine Eltern überlebt?

Manea: Es war ihnen in dem herrschenden Chaos gelungen, bei Bauern unterzuschlüpfen, so hatten sie wenigstens einen Schlafplatz. Aber die ukrainischen Bauern waren selbst sehr antisemitisch, man konnte nie sicher sein, den nächsten Tag zu erleben. Mein Vater hat in einer Fabrik in der Nähe gearbeitet, für ein Brot täglich.

Krüger: Wie hat sich Rumänien nach dem Ende des Kriegs verhalten?

Manea: Nach dem Krieg hat man so wenig wie möglich über diese Tragödie gesprochen. Ein klassischer Fall von Verdrängung. An allem waren die Nazis schuld, so hat man uns die Vergangenheit verkauft. Das war 1989 nach dem Tod des Diktators Ceauşescu nicht anders. Man hat sehr schnell die Bilder der großen Kommunisten durch die Bilder der rechten Nationalisten ersetzt.

Krüger: Wie hast du dein Schreiben, deine Integrität im inneren rumänischen Exil und später im Westen erhalten?

Manea: Ich habe sehr früh zu schreiben begonnen und bin ein sehr fleißiger Leser geblieben. Das war meine Leidenschaft und meine Rettung. Meine Sprache war meine Heimat, ich habe sie immer mit mir herumgetragen, wie eine Schnecke das Haus. So ist das bis heute geblieben. Ich überlebe mit meiner Sprache und meinen kindlichen Träumen.

Krüger: Wo hast du eigentlich dein immer noch schönes Deutsch gelernt?

Manea: Nach Transnistrien haben meine Eltern sich entschlossen, mir den Unterschied zwischen den Nazi-Gräueln und der wirklich großen deutschen Kultur zu erklären. So habe ich in Privatstunden Deutsch gelernt. In Transsilvanien und in der Bukowina war der deutsch-österreichische Einfluss und damit auch die Sprache immer wichtig geblieben. Für uns lagen Wien und Berlin näher als Paris.

Krüger: Ich weiß, du bist unsterblich. Aber solltest du, was Gott in seiner Güte verhindern möge, doch einmal sterben müssen: Wo möchtest du begraben sein, in der Bukowina oder in Amerika?

Manea: Bard war mein Zufluchtsort im Exil, und der Friedhof, ein Garten im Wald, war das Versprechen für das nächste Leben. Und dann hat mein Freund Philip Roth den Präsidenten der Universität gebeten, uns zwei Gräber nebeneinander auf dem Friedhof des Bard-Campus zu geben, damit wir nicht auseinandergerissen werden und unsere witzige Unterhaltung auch nach dem Tode nicht abbricht. Der weise Präsident hat zugestimmt. Und Philip Roth ist vorangegangen.