Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen: Das ist ein Titel nicht ohne Charme. Ein Werk über alles sollte es werden, über die Erfindung und Verwandlung der Welt, über, wie der Autor in einem Interview erklärte, "das Verhältnis des Menschen zu Natur und Technik im Anthropozän". Bloß, wie kriegt man so etwas in ein literarisches Format? Philipp Weiss, 1982 in Österreich geboren und bisher vor allem durch Bühnenstücke hervorgetreten, hat entschieden, dass ein einziges Genre – etwa das beliebte Passepartout des Romans – hier nicht ausreicht, dass hier parallel statt linear vorzugehen wäre, und legt fünf Bände mit zusammen rund tausend Seiten im Schuber vor, die, wie es erst einmal scheint (auch optisch), nicht viel miteinander zu tun haben.

Es empfiehlt sich, mit der Erzählung Terrain Vague anzufangen. Hier lernt man Jona kennen, einen etwa 30-jährigen Fotografen von androgynem Habitus, der am liebsten Katastrophengebiete aufsucht; er ist seiner großen Liebe Chantal auf der Spur, einer deutlich älteren Wissenschaftlerin, die den Kontakt zu ihm abgebrochen hat. Sein Weg führt ihn nach Japan, erst nach Tokio, dann nach Fukushima. Chantal findet er nicht, dafür trifft er das Mädchen Abra, das einer Art Spaßguerilla angehört, sowie verschiedene Überlebende des Nuklear-Desasters von 2011. Einer von ihnen ist der neunjährige Akio, der (zweiter Band) einen großen Teil seiner Familie verloren hat und jetzt mit einem Aufnahmegerät durch die apokalyptische Landschaft zieht, um seine Eindrücke zu Protokoll zu geben. Chantal wiederum kommt (Band drei) in ihren Cahiers zu Wort, einer Art Journal. Sie verfolgt gleichfalls ein Phantom: das "Kind von Gyokusendo", das zwergenhafte Skelett eines vorzeitlichen Menschen, welches von Chantals Urgroßmutter Paulette einst auf Okinawa gefunden wurde und seither verschollen ist. Es schlägt die Brücke zum vierten Band, den Notizen, die von Paulette selbst in den 1970er-Jahren erstellt wurden und ihren Weg von der Tochter aus gutem Hause bis zu ihrer unglücklichen Ehe in Japan verfolgen. Auch Abra erhält, als Comic-Figur, ihren eigenen Band, Die glückseligen Inseln, gezeichnet von Raffaela Schöbitz.

Das Gemeinsame der fünf Bände beschränkt sich auf die losen Bezüge der Figuren untereinander und den Schauplatz Japan, mit Fukushima als Fokus. Ansonsten hat der Autor sich Mühe gegeben, die fünf Bände so disparat wie möglich zu halten, damit gerade aus der Verschiebung der Sichtachse Perspektive und räumliche Tiefe entspringen. Ob dieses Kalkül aufgeht: Darauf ist Weiss’ eigenwillige Arbeit zu befragen.

Die Antwort lautet: Leider nein. Leider, weil hier doch einer ganz offensichtlich etwas Großes gewollt hat, wenn ihm auch nicht klar war, worin genau es bestünde. Das Anthropozän, die in alle Zukunft unwiderrufliche Prägung des Planeten durch das, was wir heute mit ihm anstellen, ist wie gesagt das zentrale Thema; dazu passt der titelgebende "Weltenrand". Aber es geht eben auch um die "Menschen", in deren Schicksalen das Ganze konkret wird. Das fordert dem Werk einen Spagat ab, dem es gestalterisch nicht gewachsen ist.

Für das Allgemeine als solches sind Chantals Cahiers zuständig. Da erfährt man im Stil des gemeinverständlichen Sachbuchs sehr viel über die Klimageschichte, der Erde, über die große Sauerstoffkatastrophe im Präkambrium, die dann doch die Grundlage allen höheren Lebens bildete, und so weiter. Das meiste kennt man oder könnte es jederzeit bei Wikipedia abrufen; in einem fiktionalen Werk wirken diese Ausführungen merkwürdig fehl am Platze. Auch der Pessimismus und die Misanthropie, die mit der Betrachtung des Anthropozäns und seiner Folgen ja oft einhergehen, überraschen nicht. Das erratische, zwanghaft originelle Schriftbild täuscht nicht darüber hinweg, dass hier vor allem Bekanntes wiederholt wird. Platons Höhlengleichnis und Kugelmythos, die Atomlehre des Lukrez, Benjamins Engel der Geschichte, Frankensteins Monster, Schrödingers Katze, sie alle haben ihren wenig besagenden Gastauftritt. Ein persönliches Buch soll es aber doch auch sein. Wie bringt man diese zwei Dinge, die Gesetze der Physik und die Erfahrung des eigenen Lebens, unter einen Hut? Chantal versucht es so: "Es ist das Gesetz der Liebenden: Zwei Körper, die einander nahe sind, haben weniger potentielle Energie als solche, die einander fern sind, da es Kraft braucht, sich entgegen der Gravitation voneinander zu entfernen und sich auf Distanz zu halten. Je größer die Entfernung, desto größer die negative Energie. (Die Sehnsucht.)" Das ist schon ein ziemlich verzweifelter kosmologischer Kitsch.

Die zweite schreibende Figur in diesem Werk, Chantals Urgroßmutter Paulette, trifft auf vergleichbare Schwierigkeiten, das Besondere mit dem großen Ganzen zu vermitteln. Enzyklopädien eines Ich heißen ihre Aufzeichnungen, ein Titel von handgreiflichem Widersinn: Eine solche Enzyklopädie könnte konsequenterweise nur ein einziges Stichwort enthalten, nämlich "Ich". Zwar findet die 17-jährige Paulette auf dem elterlichen Dachboden die berühmte Enzyklopädie von Diderot und D’Alembert und ist begeistert; aber ihr nachschöpfender Ansatz gelangt über die eigene Nasenspitze nicht hinaus. Zwölfmal setzt sie an, je säuberlich von A bis Z; doch das Alphabet gerät ihr sogleich und ausschließlich zum Vorwand für die private Befindlichkeit. Unter "Nature" zum Beispiel findet sich der Eintrag: "Nun war mein Cousin Édouard zu Besuch, welches ich als willkommene Abwechslung mehr als genossen habe! Ach, da Großmutter selbst nicht mehr hinauskann, wird sie von Neid zerfressen, wenn ich es denn tue. Aber gegen einen jungen Mann wagt sie es nicht, sich so zu gebärden wie gegen mich." Das klingt wie die Fromme Helene von Wilhelm Busch. Auf diese Weise erscheint die "junge Frau", wie sie immer betulich genannt wird, in ungünstigerem Licht, als wenn sie bloß als Diaristin eingeführt worden wäre; sie wirkt, wohl sehr gegen den Willen ihres Autors, wie ein Backfisch, der vor allem um sich selbst kreist – ein Eindruck, der sich kaum ändert, wenn man sie später als Kommunardin auf den Barrikaden von Paris erlebt, denn auch da läuft sie weniger einer weltgeschichtlichen Idee als einem angehimmelten Mann hinterher.

Paulette und Chantal, Urgroßmutter und Urenkelin, bestreiten fast zwei Drittel des gesamten Textvolumens. Der schmalere Rest des Werks ist weniger ambitioniert ausgelegt, was ihn allerdings nicht vor Peinlichkeiten bewahrt. Unsäglich, was sich Weiss als mitgeschnittenen Text für den Neunjährigen ausgedacht hat, der verwaist durch die Trümmer von Fukushima irrt: "Das war richtig fies von dem Erdbeben, finde ich, gerade zu diesem Zeitpunkt zu kommen, obwohl es gar nicht zum Essen eingeladen war." Die Erzählung von Jona ist – okay, muss man sagen. "Chantal, Chantal, dachte ich. Chantal, Chantal. Zu tieferen Gedanken war ich kaum fähig. Das Rauschen meines Urinstrahls war lauter als sonst." Das ist vielleicht etwas rührselig für jemand, der sich sonst durch seine Coolheit definiert. Der Comic, der den Weg Abras durch eine albtraumhafte Unterwelt nachzeichnet, bleibt ein Fremdkörper aus einer anderen Kunst, der angesichts des literarischen Masterplans und der meist briefmarkenkleinen Panels nicht recht zu sich selbst gelangt.

Ein Projekt, das im Großen scheitert, ist interessanter als eines, das im Kleinen glückt. Philipp Weiss hat sich etwas vorgenommen, was nicht gelingen konnte: teils weil sein Talent als Schriftsteller hierfür letztlich nicht ausreicht, teils aber auch, weil er in der Überschätzung des Machbaren ein altes Problem neu und schmerzlich aufgerissen hat. Dieses lautet: Wie kann im sinnlich anschaulichen Einzelnen der Kunst Raum entstehen für Gefühl und Gedanken vom Ganzen, von Welt überhaupt? So nicht, das wird nach der Lektüre klar. Aber wie dann?

Philipp Weiss: Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2018; 1064 S., 48 €