Genf, das ist dieser Tage kein Synonym für glitzernde Weltstadt, UN-Konferenzen und Bankengeschäfte. Genf steht für einen Skandal. Und dieser trägt einen Namen: Pierre Maudet.

Ihm, der Genf sicherer, stolzer machen sollte, ihm, dem freisinnigen Regierungsrat, dem bisherigen Chef von Justiz und Polizei, wird vorgeworfen, er habe bedenkenlos teure Geschenke angenommen. Eine Luxusreise nach Abu Dhabi, eine teure Geburtstagsparty in einer Bar.

Und: Pierre Maudet hat gelogen. Das Parlament, die Regierungskollegen, die Öffentlichkeit mit immer neuen Versionen hinters Licht geführt.

All das, was zum Teil drei Jahre zurückliegt, wurde in den vergangenen Wochen bekannt. Maudet gab häppchenweise zu, was er nicht mehr vertuschen konnte.

Seine Glaubwürdigkeit ist dahin.

Die Affäre Maudet interessiert in der Deutschschweiz, weil sie eine einzigartige Politkarriere beendet. Und sie bewegt Genf, weil sie das Klima in der Stadt verändert. Die Stadt ist paralysiert.

Man merkt das, wenn man Leute in Genf anruft und über Pierre Maudet sprechen will: Die Gespräche werden ganz schnell beendet. Dabei reden alle über Maudet. Und wie. Aber die Gesprächspartner sorgen sich um abhörsichere Verbindungen. Telefoniert wird über verschlüsselte Kanäle, geredet bei persönlichen Treffen. In der Ecke eines Cafés, nach Feierabend im leeren Büro. Oder im fensterlosen Hinterzimmer eines Hotels, zu dem uns jemand von der Rezeption hinführt, nachdem wir das Codewort genannt haben.

Manche Gesprächspartner muss man an ihren Arbeitsplätzen aufspüren. Etwa den ehemaligen Wirt der Bar, der Maudets Geburtstagsfeier organisiert hat: Er beantwortet keine Anrufe. Auch er hat Angst. Der Mann arbeitet heute in einem Luxushotel, wo er die Speisen aus der Küche hochträgt. Er wirkt gehetzt. Auch tags darauf, als wir ihn in einem engen Büro wiedersehen: Geduckt sitzt er auf der Stuhlkante, als wollte er gleich wegrennen. Er erzählt, dass nicht Maudet, sondern der Besitzer der Bar die Feier bezahlt habe – aber nur zum Teil. Auf mehreren Tausend Franken sei er als Wirt sitzen geblieben; inzwischen ist die Bar geschlossen. Und da sei noch mehr gewesen als das, was inzwischen publik wurde. Vor der rauschenden Feier zum 40. Geburtstag von Maudet sei eine Vor-Party ausgerichtet worden für zehn Personen im Fünfsternehotel d’Angleterre, wo die Herren Whiskey tranken und Zigarren rauchten.

Top-Journalisten verfallen dem Charme des politischen Ausnahmetalents

Eben noch galt Pierre Maudet als Saubermann, als Ausnahmetalent, das drauf und dran war, alles zu erreichen. Erst 39-jährig, bewarb er sich 2017 für den frei gewordenen Bundesratssitz der FDP. Bei seiner Kampagne setzte er ganz auf Transparenz. Ungefragt machte er gegenüber der FDP-Fraktion seine finanziellen Verhältnisse publik und legte dem Dossier seine Steuererklärung bei. Er sprach von politischen Inhalten statt von Proporz. Er lud sich für Diskussionen auf die Redaktionen der großen Deutschschweizer Medienhäuser ein und umgarnte die Journalisten, bat sie um Dialog, um ihre Meinung.

Die "vierte Gewalt" machte mit, ließ sich schmeicheln, streicheln. Das mediale Schlussbouquet der Kandidatur Maudets geriet zum Werbespektakel. Die angesehenen Inlandsredaktionen von Le Temps und NZZ widmeten ihm je eine Doppelseite in ihren Blättern. Grundlage für die Artikel waren die Bilder eines Fotografen, der Maudet exklusiv im Wahlkampf begleiten durfte. Darauf zu sehen: Maudet-Mania. Maudet im Hotelzimmer. Maudet beim Selfie am Unspunnen-Fest. Maudet bei der Lagebesprechung mit seinem Kampagnen-Team. Maudet beim Beladen des Familienautos. Maudet beim Joggen – und Maudet, wie er einen Geschenkkorb vor der Haustür eines SVP-Nationalrates hinterlegte, dessen Stimme er sich erhoffte.

Die Texte zum Fotoroman verfassten versierte politische Journalistinnen, die in den entscheidenden Momenten allerdings nicht dabei gewesen waren. Das war kein eingebetteter Journalismus, das war gelenkte Berichterstattung, die vortrefflich funktionierte.

Pierre Maudet war als krasser Außenseiter in die Bundesratswahl gestartet. Zuletzt unterlag er dem Favoriten Ignazio Cassis mit gerade mal 35 Stimmen. Danach witzelte Maudet gegenüber Bundeshausjournalisten: "Wenn ich die Wahl geschafft hätte, obwohl ich sie nicht kontrollieren konnte – das wäre ja schrecklich gewesen! Es hätte mein ganzes Selbstverständnis infrage gestellt!"