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Vor und während des Erdoğan-Besuchs kam es zwischen Deutschland und der Türkei meinetwegen zum Zwist. Ich erfuhr erst im Nachhinein davon.

Am 3. September war ich zum Gespräch mit dem Bundespräsidenten auf Schloss Bellevue geladen. Ich berichtete Steinmeier von der politischen Lage und dem Druck auf die Medien in der Türkei. Die Presse wurde über die Unterredung nicht informiert.

Am 24. September rief mein Anwalt an und sagte, die Türkei habe offiziell meine Auslieferung beantragt.

"Was kann passieren?", fragte ich.

"Nichts. Sie wissen, dass darauf nicht eingegangen wird. Sie legen nur einen Trumpf auf den Tisch."

Dass der seit zwei Jahren zurückgehaltene Antrag ausgerechnet drei Tage vor Erdoğans Besuch gestellt wurde, war reine Verhandlungstaktik. Ihr wollt etwas von mir, aber auch ich habe einen Forderungskatalog, lautete die Botschaft.

Am selben Tag stach Bellevue mein Treffen mit Steinmeier an die Presse durch. Damit signalisierte das Präsidialamt: Wir denken anders über den Journalisten, dessen Auslieferung ihr fordert.

An jenem Tag gab ich bekannt, an Erdoğans Pressekonferenz teilnehmen zu wollen. Ich hatte nicht gedacht, dass es deswegen zum Eklat kommen würde. Was ist natürlicher, als dass ein Journalist Fragen stellt? Doch bei Erdoğan, der sich im Laufe seiner Amtszeit in der Türkei echten Journalisten nie gestellt hat, schrillten die Alarmglocken. Die regimetreue Presse brüllte: Provokation! Werft ihn raus, wenn er kommt!

Unterdessen erhielt ich vom deutschen Presse- und Informationsamt meine Akkreditierung. Deutschland gab zu erkennen: Egal, was ihr sagt, für uns ist er Journalist.

In der türkischen Delegation wuchs die Aufregung. Ich hörte, der Geheimdienstchef persönlich sei mit deutschen Stellen in Kontakt getreten, um meine Teilnahme zu verhindern. Die Antwort lautete aber: Hier ist Deutschland, wir können nicht eingreifen.

Daraufhin machte Erdoğan einen Zug. Am Abend vor der Pressekonferenz erklärte er: "Wenn er kommt, gehe ich nicht hin." Wie sonderbar für einen Journalisten, wenn ein Staatspräsident sagt: Er oder ich! Das Presseamt konnte Erdoğan schlecht sagen: Kümmer dich nicht darum, komm! Aber mich ausladen konnte es auch nicht. Vermutlich verbrachte man schwierige Stunden, doch mich ließ man davon nichts merken.

Um zehn Uhr morgens sollte der Bus mit den Presseleuten abfahren. Kollegen riefen mich an, fragten, ob ich nun käme oder nicht. Die türkische Delegation nervte ihre deutschen Ansprechpartner mit derselben Frage. Um ehrlich zu sein, gefiel mir ihre Nervosität. Ginge ich nicht hin, entzöge ich Erdoğans Versuch einer Brüskierung den Boden. Ginge ich hin, könnte ich eh keine Fragen stellen, weil er nicht käme. Er würde mich vorschieben, um sich schwierigen Fragen zu entziehen. Beträte ich im letzten Augenblick den Raum, könnte die Reaktion seiner Bodyguards einen politischen und diplomatischen Skandal auslösen. Ich könnte nicht Bericht erstatten, würde vielmehr selbst zur Nachricht werden.

Ich entschied, nicht hinzugehen. Auch ohne eine Frage von mir hatte Erdoğan offenbart, wie er zur Presse steht.

Der Rest fand öffentlich statt. Mit der Lüge, ich sei rechtskräftig verurteilt, bezeichnete er mich auf der Pressekonferenz als Agenten. Merkels Formulierung, es gebe "eine Kontroverse im Fall Dündar", muss ihn gestört haben. Denn beim Staatsbankett sagte er, "Man trägt den angeblichen Journalisten auf Händen", und: "Wir haben euch fünf, sechs Journalisten gegeben." Hätte es einen deutlicheren Beweis dafür geben können, dass die Justiz in der Türkei nicht unabhängig ist?

Vielsagend sprach Steinmeier beim Bankett die vor der NS-Diktatur in die Türkei geflüchteten Intellektuellen an, auch Ernst Reuter, der gegen Repression und "für Freiheit und Recht gekämpft" hatte. Bitter, dass die Sache sich 80 Jahre später umgekehrt hat.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe