Was ist los in Schwarzenberg?

Hätte es diesen Vorfall nicht gegeben – in Schwarzenberg im Erzgebirge wäre alles in bester Ordnung. Tags sitzen die Schwarzenberger im Café und essen Eis, am Abend essen sie Gyros beim Griechen. Man sieht ihnen nicht an, was hier vor drei Monaten geschehen ist: Am 29. Juni 2018 hing eine schwarze Puppe von einer der Eisenbahnbrücken. Um Ihren Hals war eine Schlinge.

"Nazis", sagt eine Lehrerin in der Eisdiele Piccolo, "davon sind wir hier eigentlich verschont geblieben."

Doch durch die Puppe ist etwas geschehen. Durch die Puppe, so scheint es, ist der Rassismus auch nach Schwarzenberg gekommen. Noch immer weiß niemand, wer sie dort hingehängt hat, die Polizei ermittelt gegen Unbekannt wegen Volksverhetzung. Schon einmal wurde in Sachsen eine Puppe aufgeknüpft. 1996 hing sie von einer Autobahnbrücke, gekennzeichnet mit einem Davidstern. Aufgehängt hatte sie Uwe Böhnhardt, eines der späteren Mitglieder des NSU.

Wenn man sich in Schwarzenberg auf die Suche nach der Geschichte dieser Puppe macht, trifft man Menschen, die Galgen bauen, an denen der Name der Bundeskanzlerin hängt. Man trifft Flüchtlinge, die nach Schlägereien lieber nicht zur Polizei gehen. Und Menschen, die Angst um ihre Kinder haben. Doch zunächst trifft man auf eine aufgelöste Bürgermeisterin.

Heidrun Hiemer sitzt in ihrem Büro im Rathaus, die braunen Fransen hat sie aus der Stirn gestrichen. Seit 16 Jahren ist sie Oberbürgermeisterin, seit 28 Jahren in Diensten der Stadt. Hiemer sagt, sie habe viel erreicht. Der Strukturwandel sei bewältigt, die marode Altstadt saniert. Man könne durch Schwarzenberg gehen und sich wohlfühlen, sagt Hiemer. Man habe in Schwarzenberg eine Vielfalt an Unternehmen und eine niedrige Arbeitslosenquote: nur 4,7 Prozent. Das sei doch gut, oder?

Und das soll alles nichts mehr wert sein, wegen einer Puppe?

Angefangen haben die Vorfälle nicht erst mit der Puppe. Schon am Abend des 16. Juni wurde ein 14-jähriges Mädchen in Schwarzenberg auf der Straße angegriffen und am Oberschenkel mit einem Messer verletzt. Der mutmaßliche Täter war nach Angaben des Mädchens "südländischen Typs". Zwei Wochen später hing die Puppe über der Bundesstraße 101. Wenn man sich den Zusammenhang der Ereignisse ansieht, könnte man sagen: Diese Puppe wurde aufgeknüpft. Man könnte auch sagen: Dies ist ein Aufruf zur Lynchjustiz.

Am 30. Juni veranstaltete der rechtsextreme Verein "Freigeist" eine Kundgebung mit etwa 300 Teilnehmern. Der Verein existiert seit 2015 in Schwarzenberg. Zwei NPD-Mitglieder hielten Ansprachen. Sie verglichen den Mord an Susanna F., den ein Flüchtling begangen haben soll, mit dem Übergriff auf das Mädchen in Schwarzenberg. Sie sagten: "Der Islam gehört nicht nach Mitteleuropa, sondern ins Mittelalter." – "Es ist Zeit, dass die konservativen, die patriotischen und die nationalen Kräfte zusammenstehen."

Hiemer sagt, sie habe alles getan, um das zu verhindern. Das Konzert am ursprünglich geplanten Veranstaltungsort, dem Naturtheater, habe daraufhin nicht stattgefunden. In diesem Zusammenhang sei im Februar 2018 eine separate Satzung zur Benutzung des Naturtheaters Schwarzenberg beschlossen worden: Politische Veranstaltungen können dort künftig nicht mehr stattfinden. Doch gegen die Kundgebung, die der Verein Freigeist daraufhin beim Landkreis anmeldet, habe sie als Oberbürgermeisterin keine Chance. "Versammlungsfreiheit", sagt Hiemer. Das hat sie ihren Bürgern so auch in einer Pressemitteilung erklärt. "Müssen wir sie ertragen?!" stand darüber. Freigeist legte daraufhin eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen sie ein. Hiemer wende sich gegen die freie Meinungsäußerung.

"Das Mädchen hat sich die Geschichte vielleicht ausgedacht"

Wenn man sie mit diesen Geschichten von ihrer Stadt konfrontiert, steigen ihr die Tränen in die Augen. "Rufmord" nennt sie das, was die Medien über Schwarzenberg schreiben.

Eine Puppe, ein verletztes Mädchen, sagt sie, sage nichts über Schwarzenberg.

Vor dem Rathaus hält Schwarzenberg Mittagsschlaf. Eine Statue erinnert an die Befreiung durch die Sowjetarmee, eine Plakette an der Rathauswand an die unbesetzte Zeit, den Mythos, von dem die Stadt noch zehrt.

Denn nach der Kapitulation der Wehrmacht war Schwarzenberg 42 Tage lang nicht von den Siegermächten eingenommen worden. In dieser Zeit organisierte sich die Stadt selbst. Stefan Heym schrieb 1984 einen Roman mit dem Titel Schwarzenberg . Es war die Geschichte einer unerschrockenen Stadt.

In der Bahnhofsstraße, die hineinführt in die Altstadt, machen ein paar Schwarzenberger Mittagspause. Sie erzählen gern, was man in der Stadt so von den Ereignissen hält, aber bitte ohne Namen.

Eine Frau sagt: "Ein junges Mädchen hat so spät nicht draußen zu sein."

Eine andere: "Das Mädchen hat sich die Geschichte vielleicht ausgedacht."

Ein Mann sagt: "Die Puppe war ein Dummejungenstreich."

Eine Schülerin: "Hier gibt es keinen Rassismus." Und weiter: "In den Nachbarstädten Schneeberg oder Annaberg-Buchholz sind vielleicht Nazis."

Inzwischen grüßen die Leute, weil sie einen schon in der Stadt gesehen haben. Es hat sich herumgesprochen, dass eine Journalistin da ist. Ein braun gebrannter Familienvater in kurzen Shorts, der nicht mit Namen in der Zeitung stehen möchte, bietet sogar freundlich an, dass er einen mit zu einem Grillfest nehmen könne. Man steigt also in seinen Wagen; erfährt, dass der Familienvater Mitglied bei Freigeist ist und landet auf einem Hof am Rande der Stadt.

Es gibt Würstchen und eingelegten Braten aus der Tupperbox. Kinder toben mit einem Schäferhund unter den Obstbäumen, unter der Kastanie haben die Frauen eine Flasche Sekt aufgemacht. Daneben sitzt ein Mann und trinkt ein Radler. Der Familienvater freut sich, ihn seinem Gast vorzustellen: "Jens Döbel, zweiter Vorsitzender von Freigeist e. V., der Galgenmann".

Jens Döbel sieht noch aus wie auf dem Bild vom 12. Oktober 2015, einem Bild, das um die Welt ging. Es zeigt den Schwarzenberger Werkzeughändler bei einer Pegida-Demo in Dresden. Der blasse Mann mit Brille steht neben einem Galgen mit zwei Schlingen: eine für Angela Merkel, eine für Sigmar Gabriel.

"Bin ich wieder der böse Rechte?"

Döbel sagt, die Sache mit dem Galgen beschäftige ihn bis heute. Die Staatsanwaltschaft Dresden sah den Galgen durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Döbel nahm das zum Anlass, den Galgen im Miniaturformat über seine Website zu verkaufen. "Bekannt aus Funk und Fernsehen", schrieb er dazu. Schließlich klagte Sigmar Gabriel gegen den Verkauf des Galgens wegen der Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte.

Jüngst ist Döbel vom Prozess am Landgericht in Hamburg zurückgekommen. Er kichert: "Schade, dass der große Sigmar nicht da war." Der Verkauf des Galgens ist ihm vorerst untersagt.

Zur Puppe an der Brücke sagt Döbel: "Ich war’s nicht. Ich hatte keine Zeit." Er lacht, als habe er eine Chance verpasst. Das Ganze sei ein Jugendscherz oder von Linken inszeniert. Etwas anderes könne er sich nicht vorstellen. Auf den NSU angesprochen, sagt der braun gebrannte Familienvater neben Döbel: "Alles nicht bewiesen." Dann erklärt er, was wirklich schlimm sei: "Dass ein deutsches Mädchen von einem Dunkelhäutigen angegriffen wurde."

Die Frauen am Tisch spielen den Kindern Musik aus Disneyfilmen auf ihren Smartphones vor und flechten den Mädchen dabei Zöpfe. Der Gastgeber ergreift das Wort. Es müsse alles getan werden, um die "Völkerdurchmischung" aufzuhalten, die in Europa geplant sei. Eine "hellbraune Rasse" müsse in jedem Fall verhindert werden, gesteuert "vom Juden, der den Geldfluss überwacht". Pause. "Nicht, dass ich jetzt was gegen Juden hätte", fügt er dann hinzu. "Hast du aber gerade gesagt", sagt Döbel und lächelt.

Jens Döbel sagt, er mache PR für seine Sache. Er möchte, dass alle Welt hinschaue und sehe, was mit seinem Land passiere. Dass die Parteien die Bürger im Stich ließen, dass auf einmal Geld für Flüchtlinge da sei, aber nicht für Deutsche, dass Kinder auf der Straße nicht mehr sicher seien. Er ist vorsichtig damit, was – und wie er es sagt. Er geht lieber in Stadtratssitzungen und "zeigt Präsenz". Er strebt lieber Dienstaufsichtsbeschwerden gegen das Verhalten der Oberbürgermeisterin an. Noch habe sein Verein Freigeist nur 28 Mitglieder. Aber die Zustimmung in der Bevölkerung wachse.

"Bin ich wieder der böse Rechte?", wird Döbel nach dem Treffen per SMS fragen. Sein Bild in den Medien amüsiert ihn in etwa so sehr wie die Tatsache, dass er und sein Verein vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Er findet das lustig.

Am Bahnhof, in der Nähe der Bahngleise, sieht man ein paar der Menschen, die der Verein Freigeist lieber nicht im Land haben will. 200 Asylbewerber leben in Schwarzenberg, sechs von ihnen sitzen gegenüber vom Bahnhof auf einer Parkbank. Von der Puppe haben sie nichts gehört, dabei hing sie nur wenige Meter von hier entfernt.

Angst haben sie dennoch. Dass sie abends nicht allein auf die Straße gehen, ist für zwei junge Männer aus Gambia selbstverständlich. Einer von ihnen sei vor sieben Monaten zusammengeschlagen worden, erzählt er. Die Polizei habe die Täter nicht finden können. Er scheint zu glauben, dass sie nie gesucht wurden.

Wenn die Nazis nur redeten, sei für ihn alles in Ordnung, sagt ein 23-Jähriger Tschetschene. Er wisse genau, wer nur Drohungen ausspreche und wer zuschlage. Gestern zum Beispiel, da hätten sich acht Männer und eine Frau vor zwei Afghanen aufgebaut, die aus dem Bus aussteigen wollten. Die Frau habe die jungen Männer angeschrien, sie sollten zurück in ihr Land. Sie habe gegen die Türen des Busses geschlagen. Er sei dazwischengegangen. Wegen so etwas, sagt er, gehe er nicht zur Polizei, "so etwas regeln wir unter uns".

Korrekturhinweis: In der ursprünglichen Version dieses Textes schien es so, als läge Jena in Sachsen. Es liegt aber in Thüringen. Wir haben das online korrigiert. Die Redaktion.