Die Botschaft, die Christian K. am Abend des 10. September in den Messengerdienst Telegram tippte, hätte eindeutiger kaum ausfallen können. Der 31-jährige gelernte Elektriker hatte soeben eine neue Chatgruppe gegründet, die er "Revolution Chemnitz" nannte und zu der er sieben Neonazis einlud. Es gehe darum, schrieb K., "die Geschichte Deutschlands zu ändern". Dies könne möglicherweise "nicht gewaltfrei" erreicht werden und "Opfer fordern". Die zum Chat eingeladenen Kameraden hätten in den vergangenen Jahren auf unterschiedlichste Weise Erfahrungen im politischen Engagement sammeln können, warb K. Nun gehe es darum, diese Fähigkeiten zu bündeln: "Wir wollen an einem Strang ziehen." Und als wolle er klarmachen, an wem er sich orientiere, fügte er an: Der Nationalsozialistische Untergrund, jene Terrortruppe also, auf deren Konto zehn Morde gehen, wirke doch nur "wie eine Kindergartenvorschulgruppe".

Seit Anfang dieser Woche ist der harte Kern von "Revolution Chemnitz" in Haft. Neben K., der bereits seit Mitte September wegen einer Schlägerei hinter Gittern sitzt, ließ die Bundesanwaltschaft sieben weitere Männer festnehmen. Die Diskussionen, die in den vergangenen drei Wochen via Telegram stattfanden und minutiös dokumentiert sind, legen nahe, dass die Gruppe vorhatte, Anschläge auf Ausländer, Politiker und linke Aktivisten auszuführen, auch von einem geplanten Umsturz ist die Rede. Von einer "hohen Gefährdungsstufe von Terrorismus" spricht Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Ein Anwalt eines der Beschuldigten wollte sich gegenüber der ZEIT nicht zu den Vorwürfen äußern.

Bei der Gruppe handelt es sich durchweg um stramme Rechtsextremisten. Da ist Martin H., 20 Jahre alt, den die Behörden kennen, weil er eine Triskele mit einem SS-Totenkopf postete. Oder Tom W., 30: Er galt als führender Kopf der 2007 verbotenen Kameradschaft "Sturm 34" und wurde 2012 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Oder Hardy Christopher W., der 2007 versucht haben soll, "Sturm 34" wiederzubeleben. Sachsen hat, wieder einmal, ein Rechtsterrorismus-Problem.

Die Festnahmen beleben zugleich die Debatte darüber wieder, was in Chemnitz nach dem Tod des Deutschkubaners Daniel Hillig geschehen ist. Hillig war in den Morgenstunden des 26. August erstochen worden, dringend tatverdächtig sind zwei Asylbewerber aus Syrien und dem Irak, von denen einer untergetaucht ist. In der Folge entwickelte sich eine kontroverse Diskussion um die Frage, ob es in Chemnitz Hetzjagden gegen Ausländer gab und wie groß die Gefahr von rechts außen ist. Auch die ZEIT hat die Begriffe "Mob" und "Jagdszenen" gebraucht.

K. und seine Freunde mischten in den Wochen nach Hilligs Tod offenbar kräftig mit, Fotos zeigen sie auf mehreren der Demonstrationen. Vier Tage nach dem ersten Protestzug, am Tag, als Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) Chemnitz besuchte, kontrollierte die Polizei Christian K. in der Chemnitzer Innenstadt. Der Neonazi trug eine Stichschutzweste, die beschlagnahmt wurde. Und auf der Facebook-Seite von "Revolution Chemnitz" schlug K. in fehlerhaftem Deutsch vor, die Gedenkstätte für Hillig in der Chemnitzer Innenstadt zur Diffamierung der linken Szene zu nutzen: "Lässt die linken Parasiten, sie doch zerstören und filmt es macht es öffentlich und gebt es der Presse. Wir können Sie wieder aufbauen aber es zeigt genau wie erbärmlich diese Chaoten sind. Danke für euren Mut!"

Zwei Wochen später, nach einer Gedenkkundgebung für Hillig am 14. September, zogen K. und zwei Dutzend Kameraden durch die Chemnitzer Innenstadt, eine selbst ernannte braune Bürgerwehr, ausgerüstet mit Quarzhandschuhen und einem Elektroschocker. An der Schlossteichinsel stellten sie eine Gruppe feiernder Jugendlicher und forderten deren Ausweise, kreisten eine zweite Gruppe ein, beschimpften sie mit rassistischen Parolen und attackierten sie; ein Iraner wurde durch einen Flaschenwurf am Kopf verletzt. Ein "Probelauf" sei das gewesen, postete einer der Neonazis anschließend voller Stolz in die Telegram-Gruppe.

Und der Ton radikalisierte sich weiter. Man sprach über Feuerwaffen, die man für den politischen Kampf beschaffen wolle, selbst die Marke hatten die Neonazis schon ausgewählt: entweder eine Heckler & Koch oder eine Walther. 800 Euro sollte die Waffe kosten. "Preis mache ich nicht, gebe ich nur so weiter", schrieb Tom W. Die Schusswaffe solle geordert werden, heißt es im Chat, "wenn von jedem das Geld vorhanden ist". Als ein möglicher Tattag wurde der 3. Oktober genannt.

Wie ernsthaft waren die Pläne? Einiges spricht dafür, dass die Vorbereitungen noch nicht abgeschlossen waren, eine Schusswaffe wurde bei der Razzia jedenfalls nicht gefunden. Aber für die Ermittler war die Vorstellung schwer erträglich, dass sich einer der Neonazis am 3. Oktober der Überwachung entziehen, eine Pistole aus einem Versteck holen und damit einen Menschen töten könnte. Deshalb haben sich die Bundesanwälte für eine frühe Festnahme entschieden. Es sei alarmierend, sagt ein Sicherheitsbeamter, dass "Revolution Chemnitz" für einen Trend stehe, der auch anderswo zu beobachten sei: Rechtsextremisten fühlen sich durch die aktuelle Diskussion legitimiert, den bewaffneten Aufstand auszuüben – und die Hemmschwelle zur Gewalt weiter sinkt.