Deutschland im Jahr 2040: Kevin Kühnert, 51, der frisch gewählte Bundeskanzler, tritt vor die Hauptstadtpresse. Nachdem die SPD jahrelang an der Fünfprozenthürde gescheitert war, ist ihr mit ihm ein spektakulärer Wiederaufstieg gelungen. Nun verkündet Kühnert: "Die Rente ist sicher." Seine Regierung werde das stark gesunkene Rentenniveau endlich wieder auf 48 Prozent des durchschnittlichen Lohns anheben, so wie in den 2020er-Jahren. Außerdem werde sie die Beitragssätze auf 20 Prozent senken. "Wir werden das über Steuern finanzieren", sagt Kühnert. Dazu werde der Bund im ersten Jahr 230 Milliarden Euro an die Rentenkasse überweisen, dann mehr, im Jahr 2060 rund 470 Milliarden. Als ein Journalist einwirft, dass die Rente dann 80 Prozent des Bundeshaushalts verschlingen werde, erwidert der Kanzler: "So viel Solidarität muss sein."

Das ist natürlich nur ein Szenario. Eines, von dem der heutige Juso-Chef Kevin Kühnert so sicherlich nicht träumt. Aber die erschreckenden Zahlen darin zu den Kosten der Rente sind nicht aus der Luft gegriffen. Sie sind das Ergebnis von Prognosen des Rentenexperten Martin Werding von der Ruhr-Universität Bochum, der sonst im Auftrag des Bundesfinanzministeriums die öffentlichen Finanzen untersucht. Nach den Beschlüssen der Regierung zur gesetzlichen Rente Ende August hatte die ZEIT ihn gebeten, die langfristigen finanziellen Folgen zu kalkulieren. Jetzt liegen seine Ergebnisse vor. Sie sind ernüchternd.

Die große Koalition hat das Ziel einer dauerhaft stabilen Rente ausgegeben: mit einem Rentenniveau für Rentner bei 48 Prozent des durchschnittlichen Nettolohns. Außerdem sollte der Beitragssatz nicht mehr als 20 Prozent des Einkommens betragen. Diese sogenannte "doppelte Haltelinie" will die Regierung bis 2025 festschreiben. Viele Politiker, meist aus der SPD, wünschen sich, dass sie darüber hinaus gilt. So hatte Bundesfinanzminister Olaf Scholz im August gefordert: "Wir werden darauf bestehen, dass die Bundesregierung ein stabiles Rentenniveau auch in den 20er- und 30er-Jahren gewährleistet."

Das passiert, wenn wir nichts ändern*

Berechnungen der Ruhr-Universität Bochum © Jelka Lerche für DIE ZEIT

Das Scholz-Zitat reiht sich ein in eine lange Geschichte von Politikeräußerungen zur Rente, die sich als recht optimistisch herausstellten (Konrad Adenauer: "Kinder bekommen die Leute immer") oder als mindestens naiv (Norbert Blüm: "Die Rente ist sicher"). Den Beteuerungen steht nämlich eine einfache Tatsache entgegen: Die Bevölkerung wird immer älter, und es kommen immer weniger Kinder nach. Um die Rente zu stabilisieren, bleiben der Regierung nicht viele Möglichkeiten, wenn sie weder Beitragszahler (durch höhere Beitragssätze) noch Rentner (durch ein niedrigeres Rentenniveau) belasten will – und wenn das lange so bleiben soll. Werding hat diese Möglichkeiten untersucht.

Option Nummer eins ist das Steuer-Szenario. Hier wird die Rentengarantie nur mit zusätzlichen Steuermitteln finanziert. Heute fließen 90 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt in die Rentenkasse. 2040 wäre, wenn man sonst nichts anderes macht, mehr als das Dreifache nötig, 2060 mehr als das Fünffache – jene 470 Milliarden, die Kühnert in unserem Szenario als Bundeskanzler ankündigen würde. Geradezu mickrig wirken da im Vergleich die Kosten für die Bankenrettung nach der jüngsten Finanzkrise (60 Milliarden) oder die jährlichen Kosten für die Aufnahme von Flüchtlingen (je nach Rechnung 20 bis 50 Milliarden).

Spricht man Kühnert darauf an, ist er von den dramatischen Zahlen überrascht. Dann sagt er: "Ein höherer Steuerzuschuss allein reicht eben nicht." Denn er ist zwar offen für mehr Steuern im Rentensystem, am liebsten aber will er es ganz umbauen. Und zwar so: Bislang zahlen die Menschen bis zur sogenannten Beitragsbemessungsgrenze in die Rentenkasse ein. Verdient man mehr, wird das Einkommen darüber nicht mit Beiträgen belastet, es gibt aber auch keine zusätzlichen Rentenansprüche. Diese Grenze will Kühnert anheben und gleichzeitig die Ansprüche für Gutverdiener senken und jene für Geringverdiener erhöhen. Was ihm vorschwebt, ist mehr Umverteilung. Das Rentensystem würde wie ein zweites Steuersystem funktionieren.

Am Grundproblem des Szenarios ändert das nichts. Die Kosten sind in beiden Fällen gleich. Der Unterschied ist nur, ob Beitragszahler oder Steuerzahler sie tragen. Und da das oft die gleichen Personen sind, unterscheidet sich die Kühnert-Vision von heute im Effekt nicht groß vom Szenario am Anfang dieses Textes.

Option Nummer zwei wäre ein höheres Renteneintrittsalter. Heute gehen die Bundesbürger im Schnitt mit 64 Jahren in Rente. Im Jahr 2040 müssten sie Werdings Berechnungen zufolge bis 72 Jahre arbeiten, im Jahr 2060 sogar bis 77 Jahre – wenn man allein dadurch das Rentenniveau stabilisieren wollte.