Herausfordernd grinsend steht Rod Stewart in einer Hotelsuite in Berlin-Mitte und macht seinem alten Spitznamen "Rod the Mod" alle Ehre: Er trägt einen weißen Anzug mit schwarzen Streifen, Loafer mit Leopardenmuster ohne Strümpfe und zum weit geöffneten Hemd ein silbernes Kettchen mit dem "Celtic"-Schriftzug auf der Brust – um die Welt wissen zu lassen, wie sehr er den Fußballclub Celtic Glasgow liebt. Der Künstler bietet mit seiner schlafzimmerrauen Rod-Stewart-Stimme etwas zu trinken an und setzt, als das dankend abgelehnt wird, nach: "Oder lieber eine Linie Kokain?"

DIE ZEIT: Mister Stewart, Didn’t I, die erste Single Ihres neuen Albums Blood Red Roses, ist ein Song, der Kinder und Eltern vor Drogen warnen soll. Entschuldigung, aber das nimmt Ihnen doch keiner ab, oder?

Rod Stewart: Dass ich gerne trinke, ist kein Geheimnis: mal einen Whiskey, mal ein paar Gläschen Wein, aber nie vor 19 Uhr und nicht mehr als drei Gläser. Harte Drogen haben mich hingegen nie interessiert. Ich habe acht Kinder und weiß, dass man die nicht 24 Stunden am Tag beschützen kann. Man sollte ihnen keine Handschellen anlegen, sondern ihnen vertrauen. Dennoch muss man sie vor einigen Dingen warnen, und dazu gehören nun mal auch Drogen.

ZEIT: Sie sind als Lebemann, Trinker und Frauenheld legendär. Haben Ihre Kinder das Rebellieren gleich aufgegeben?

Stewart: Meine Kinder haben durchaus rebelliert, aber nicht gegen mich. Die beiden Jüngsten quälen mich dafür durch ihre Internetsucht. Meinen zwölfjährigen Sohn habe ich an das Online-Spiel Fortnite verloren. Der ist der Realität völlig abhandengekommen, hockt stundenlang in seinem Zimmer und brüllt. Wenn es nicht so läuft, wie er will, lässt er seine Wut an mir und seiner Mutter aus. Ist das Rebellion? Ich selber habe mich nie gegen meine Eltern aufgelehnt. Die haben hart gearbeitet, um die Familie durchzubringen. Wogegen hätte ich rebellieren sollen?

ZEIT: Sie sind in einer Working-Class-Familie aufgewachsen. Ihre Kinder sind Villen und Privatschulen gewohnt. Zeigen Sie ihnen manchmal, wo Sie groß geworden sind?

Stewart: Ja, die mussten alle den obligatorischen Familienausflug zu meinem Geburtshaus mitmachen. Ein Reihenhaus, das nicht viel breiter ist als ein Fußballtor. Meine Kinder können sich nicht vorstellen, dass ich tatsächlich dorther komme. Ich hatte allerdings eine tolle Kindheit und eine Familie, die für mich da war. Immer wenn ich irgendwo abgelehnt oder vor die Tür gesetzt worden war, baute mich mein Vater wieder auf. Wie besorgt er tatsächlich war, hat mir später erst mein großer Bruder verraten. Mein Vater hielt die Musikindustrie für sehr windig und kurzlebig und dachte, es sei ausgeschlossen, dass ich da auf Dauer irgendwie überleben kann.

ZEIT: Sie haben dann vor ziemlich genau einem halben Jahrhundert Ihren ersten Solovertrag unterzeichnet. Was erwarteten Sie?

Stewart: Ich wollte einfach Arbeit. Das war 1968, und ich sah, wie die Beatles, die Rolling Stones und viele andere abräumten. Ich hatte das Gefühl, dass da eine neue Kultur entsteht, wollte Teil dieser Bewegung sein und mein eigenes Geld verdienen. Lustig ist, dass die Plattenfirma Decca Records neulich irgendein riesiges Jubiläum feierte und mich darum bat, eine Rede zu halten. Ich musste sie daran erinnern, dass ich von ihnen damals abgelehnt worden war. Das hatten die aber dummerweise vergessen.

ZEIT: Es heißt, Sie seien schüchtern. Das passt nicht zu Ihrem Image, oder?

Stewart: Ich bin aber tatsächlich eher zurückhaltend, wenn ich nicht gerade auf einer Bühne stehe. Ich halte mich von glamourösen Partys fern und habe so gut wie keine Freunde aus der Musikindustrie.

ZEIT: In Ihrem neuen Song Farewell verabschieden Sie sich von einem Freund, der vor einiger Zeit gestorben ist ...

Stewart: ... nicht irgendein Freund, sondern mein ältester Kumpel überhaupt. Er ist vor vier Jahren gestorben. Wir lernten uns in den Sechzigern in einem Nordlondoner Café kennen, also bevor ich berühmt geworden bin. Und unsere Freundschaft hat das surreale Leben, das ich seit Jahrzehnten führe, sehr gut überstanden.

ZEIT: Was machte Ihr Freund beruflich?

Stewart: Exakt gar nichts. Mal verkaufte er Drogen, mal Autos. Er kam mit Gelegenheitsjobs gerade so über die Runden. Ein toller Typ, sah blendend aus und war verdammt schlau. Nur die Idee, einer geregelten Arbeit nachzugehen ... das entzog sich seinem Verständnis. Wenn er mal gar nicht über die Runden kam, sprang ich selbstverständlich ein. Er war ein liebenswerter Lebenskünstler und jemand, zu dem ich aufsah, weil er die Dinge lässiger nahm als die meisten Menschen. Mein Lied über ihn ist letztlich eine Liebeserklärung.

ZEIT: Wenn Sie den Tod Ihres besten Freundes in einem Popsong verarbeiten, stellt sich die Frage, wo Sie die Grenze zum wirklich Privaten ziehen.

Stewart: Mein Leben ist weitestgehend ein offenes Buch. Es gibt wirklich kein dunkles Geheimnis, das ich vor der Öffentlichkeit verberge. Da ist nichts, wofür ich mich schäme. Lassen Sie mich kurz überlegen: Nein! Nichts! Die meisten meiner Songs sind nun mal persönlich, weil ich finde, dass gute Songs so sein sollten.