DIE ZEIT: Sie alle haben in diesem Herbst neue Romane veröffentlicht. Wie ist es, wenn das Buch da ist?

Ursula Krechel: Der Zustand des glücklichen, des konzentrierten Alleinseins ist plötzlich zu Ende. Man wird zur Auftrittsperson, Flughafenbenutzerin, Kofferpackerin und so weiter. Die Aufmerksamkeit für das, was Leser und Leserinnen vielleicht im Moment mit dem Buch erleben, rückt in die Ferne.

Nino Haratischwili: Das eine ist der maximale Rückzug, der mit dem Schreiben einhergeht, das andere ist dieser wahnsinnige Schritt in eine totale Gegenrichtung. Ich brauche immer eine gewisse Zeit, um ein Gefühl für das Buch zu entwickeln.

Michael Köhlmeier: Zwischen dem Abschluss des Buches und seinem Erscheinen vergeht ja mindestens ein Dreivierteljahr. Und es ist nicht so, dass ich in diesem Dreivierteljahr nur dasitze und warte, bis das Buch endlich rauskommt. Ich schreibe sofort weiter.

ZEIT: Warum?

Köhlmeier: Ich habe einmal einen Fehler gemacht, nach Abendland, das ist ein dickes Buch gewesen, da habe ich mir gedacht, jetzt bist du fertig, jetzt kannst du mal nix tun eine Zeit lang; das ist mir nicht gut bekommen.

ZEIT: Und dann kommen die Kritiker und urteilen über die Bücher. Wie ist das für Sie?

Köhlmeier: Am meisten weh tun Kritiken, wenn man ganz tief drin das Gefühl hat, es stimmt.

Krechel: Ich finde, die Literaturkritik hat sich während meines Schreiblebens enorm verändert. Früher gab es Furcht und Zittern vor offensivem Autoritätsgebaren. Heute sind die Kritiker meistens nicht nur Kritiker, sondern auch Moderatoren, Laudatoren und Vermittler.

ZEIT: Ist das gut oder schlecht?

Krechel: Ich glaube, das Leben ist dadurch freundlicher und höflicher geworden.

Nino Haratischwili © Peter Rigaud für ZEIT Literatur

Haratischwili: Ein bisschen langweiliger und ein bisschen unfundierter aber auch.

ZEIT: Wie weh tut es, wenn ein Roman verrissen wird? Sie, Frau Haratischwili, sind für Ihren neuen Roman fast überall, auch in der ZEIT, hart kritisiert worden.

Haratischwili: Es ist bei mir immer das Gleiche, seit ich in Deutschland bin. Immer heißt es, es sei bei mir alles zu emotional, zu gefühlig, die Sprache zu blumig, alles zu melodramatisch.

ZEIT: Und was sagen Sie dazu?

Haratischwili: Das bin ich, ich komme aus einem Land, wo man Gefühle zeigt, das ist ein Teil von mir. Es ist ein schizophrener Zustand: Ich werde von den Kritikern für genau das getadelt oder kritisiert, wofür ich von den Lesern gelobt werde.

ZEIT: Kriegt man da eine dicke Haut?

Haratischwili: Also da bin ich mittlerweile abgehärtet, weil ich das wirklich seit 15 Jahren höre und denke, okay, das ist der Job der Kritiker. Sollen die halt machen.

ZEIT: Aber es ärgert Sie dennoch?

Haratischwili: Das Einzige, was mich dann schon aufregt: Wenn so Anmaßungen kommen: Ich als Georgierin soll gefälligst immer schön über Georgien schreiben. Alles andere sei nicht authentisch.

ZEIT: Als man Ihnen, Frau Hegemann, beim ersten Roman Plagiate vorwarf, ging es auch um Authentizität. Hat Sie das verletzt?

Helene Hegemann: Geht sehr tief, aber ich empfinde das nicht als menschliche Verletzung. Wenn ich an 2010 denke, dann eher daran, dass da gerade chinesisches Jahr des Tigers war und sich alle meine Freunde getrennt haben, um drei Wochen später mit Idioten zusammenzukommen. Und eine gewisse Heftigkeit ist auch ganz angenehm. Ich glaube, das Schlimmste, was einem passieren kann, sind gut gemeinte Beleidigungen.

Köhlmeier: Wie sieht so eine aus?