Andrea Meinhold* wusste, dass sie ohne ihre Medikamente nicht die Kraft für ein Kind haben würde. Seit Jahren litt die 37-Jährige unter einer bipolaren Störung, pendelte zwischen Manie und Depression. Bei ihrem letzten Klinikaufenthalt fanden die Ärzte schließlich eine Medikamentenkombination, unter der es Meinhold endlich besser ging. So gut, dass sie sich nun ihren Kinderwunsch erfüllen wollte. Gleichzeitig aber war klar, dass sie die potenten Arzneien nicht absetzen durfte, wollte sie psychisch stabil bleiben. Damals ging ihr nur eine Frage durch den Kopf: "Kann ich trotz der Psychopharmaka ein Kind austragen, ohne es dadurch zu schädigen?"

Ob Antidepressiva, Schmerztabletten oder ein simples Nasenspray gegen Erkältung: Jeden Tag fragen sich schwangere Frauen, welche Medikamente sie nehmen dürfen. Manche setzen die Tabletten eigenmächtig ab, wenn sie merken, dass sie schwanger sind. Andere wiederum trauen sich gar nicht erst, schwanger zu werden – aus Angst, dem Ungeborenen zu schaden. Der Beipackzettel ist häufig keine Hilfe. Oft ist unter dem Punkt "Schwangerschaft und Stillzeit" lediglich vermerkt, man solle sich an den behandelnden Arzt wenden. Der hat jedoch in der Regel selbst keine Grundlage, um zu entscheiden, ob die Arznei sicher ist. Denn das wird vor allem in systematischen Studien an Probanden herausgefunden – die aber bei Schwangeren aus ethischen Gründen verboten sind.

Andrea Meinhold hatte Glück. Zwar wusste auch ihr Psychiater nicht genau, ob unter ihren Psychopharmaka eine Schwangerschaft für das Ungeborene ungefährlich wäre. Aber er verwies seine Patientin dorthin, wo man ihr eine Antwort geben konnte: an Embryotox.

Embryotox ist die Kurzform für das "Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie" der Charité. Gegründet hat es 1988 die Senatsverwaltung von Berlin, weil es keine unabhängige Stelle für solche Fragen gab. Als Leiter konnte man Christof Schaefer gewinnen. Die Aufgabe des Kinderarztes war es, Schwangere am Telefon zu beraten und gleichzeitig Daten darüber zu erheben, wie die Schwangerschaften sich entwickelten und ob die Kinder gesund geboren wurden.

Heute, 30 Jahre später, ist Schaefer Professor und Chef von 19 Ärztinnen, Apothekerinnen und Medizinstatistikerinnen, die bei Embryotox Schwangere und ihre Ärzte beraten sowie Arzneimittelrisiken erforschen. Die Anrufe kommen aus ganz Deutschland, manche sogar aus Österreich und der Schweiz. Vergangenes Jahr führte das Team mehr als 13.000 Beratungen durch. Noch mehr Menschen gehen auf die Internetseite embryotox.de. Sie enthält Informationen zu den 430 wichtigsten Medikamenten: über den bisherigen Umfang an Erfahrungen, die Risiken bei der Anwendung in der Schwangerschaft und über besser erprobte Alternativen. Das Angebot ist gratis, die Kosten tragen überwiegend das Land Berlin und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Auch die AOK beteiligt sich.

Die Informationen stammen aus Fachbüchern, internationalen Datenbanken und Studien ähnlicher Zentren weltweit, vor allem aber von Embryotox selbst. Denn jede einzelne Anfrage wird handschriftlich dokumentiert. Name, Schwangerschaftswoche, Medikament. "Alle, die sich vor der zwölften Schwangerschaftswoche melden, fragen wir, ob wir ihnen nach der Geburt einen Fragebogen schicken können, wie die Schwangerschaft ausgegangen ist", sagt Jenny Wagner, Gynäkologin bei Embryotox. So wird nach und nach eine riesige Datenbank mit Patientinnen aufgebaut, die in der Schwangerschaft Medikamente eingenommen haben – ob aus Unkenntnis über die Gefahren oder weil es keine Alternative gab. Es sind Daten, die aus ethischen Gründen mit systematischen Studien nicht erhebbar wären, bei Embryotox entsteht aus ihnen wertvolles Wissen, von dem Tausende Schwangere profitieren.

"Fast alle Medikamente, die Schwangere einnehmen, erreichen in unterschiedlichem Ausmaß auch das ungeborene Kind, das diese Stoffe aber nicht braucht." Deshalb gelte die Faustregel: so wenige Medikamente wie möglich. "Besonders kritisch sind die ersten zwölf Wochen einer Schwangerschaft", sagt Christof Schaefer. In diesem Zeitraum bilden sich die Organe des Embryos aus. Einige Medikamente können in dieser Phase sogenannte teratogene Schäden auslösen, Fehlbildungen beim ungeborenen Kind. "Dazu gehören etwa ein offener Rücken, eine Kiefer-Gaumen-Spalte oder Defekte der Bauchwand", sagt Schaefer. Das bekannteste Beispiel sind die verkürzten oder nicht angelegten Arme und Beine bei Kindern, deren Mütter in der Frühschwangerschaft das Beruhigungsmittel Contergan geschluckt hatten. "In der 20. Woche eingenommen, hätte Contergan nicht solche Folgen gehabt", sagt Schaefer.