Ihren Kaffee trinkt sie aus einer Tasse mit Pistolengriff. Auf der Tasse steht: "Hasta La Lista, Baby". Filmzitat, Arnie Schwarzenegger als Terminator, lange her. Aber will schon was heißen, wenn jemand bei jedem Schluck auch das Gefühl hat, nach der Waffe zu greifen. Und was will das heißen? Das heißt, ich bin Waffenträgerin, sagt Wanda-Lee Krümmel, und dann sagt sie noch: Eine Kanne Kaffee am Tag, drunter mache ich es nicht. Ist genauso schön, diese Kaffeemetapher, nimmt man dankend mit. Hier ist also jemand auf Zack, alarmbereit, hellwach. Geht auch nicht anders, schließlich leitet Krümmel beim Zoll, Revier Hammerbrook, die Finanzkontrolle Schwarzarbeit, kurz FKS. Und die hat gut zu tun an diesem Morgen im September, aber auch generell und in Zukunft sogar noch mehr.

Ist nämlich erst einige Wochen her, dass Finanzminister Olaf Scholz ankündigte, bei der FKS massiv Personal aufzustocken. Von heute 6.800 auf knapp 8.500 bis zum Jahr 2021 soll die Mitarbeiterzahl steigen. 2017 betrug der Schaden durch nicht gezahlte Abgaben und Steuern in Deutschland eine Milliarde Euro, im ersten Halbjahr 2018 waren es schon wieder 416 Millionen. Geld, das Scholz fehlt. Geld, das die FKS reinholen soll.

Risikosucherin? Treue Staatsdienerin? Waffennärrin?

Raum 2.16, Team E 1300, Wanda-Lee Krümmel ruft zur Konferenz. Instruktionen für den Einsatz, zu dem sie gleich ausrücken. Krümmels Werdegang sieht auf dem Papier lückenlos aus: 52 Jahre alt, davon 32 beim Zoll. Da fragt man sich sofort: Was ist das für eine? Risikosucherin? Treue Staatsdienerin? Am Ende sogar: Waffennärrin? Aber dann erzählt Krümmel, was sie schon alles gemacht hat beim Zoll. Abfertigung, Rampe, Personalakten. Nur Außendienst, das, was sie immer machen wollte, nie. Sie bewarb sich, Endvierzigerin schon, auf den Posten, musste Lehrgänge absolvieren, gestandene Frau unter Jungspunden, unter Anwärtern. Endlich ist sie hier. Ich bin der Typ für den Außendienst, ruft Krümmel und klatscht in die Hände.

Konferenz in einem Zimmer im Farbton Behördenbeige, wovon das Titanic-Filmposter abzulenken weiß. Man ist in der Einheit, so scheint es, kinoaffin. Leonardo und Kate halten sich im Arm, die Chefin schwört das Team ein. Gefilzt wird eine Großbaustelle, Fokus Arbeitnehmerrecht, weil eine Unterfirma aus dem Mittelmeerraum Stahlflechter eingeflogen hat. Also: Kriegt da wirklich jeder den Mindestlohn? Sind die alle angemeldet?

Krümmel verteilt Grundrisse. Große, übersichtliche Grube, sagt sie. Kommt uns entgegen. Problem nur: Da wird derzeit Beton gegossen, unklar folglich, wie frei man sich in der Grube bewegen kann. Aber immer noch besser als ein Etagenrohbau, wo die Razzia zum Versteckspiel wird. Haben sie alles schon gehabt. Sprintende Schwarzarbeiter, wenn der Bundesadler vorfährt. Ausreden nach Schablone.

Im Mannschaftswagen für die Besucher der verbale Crashkurs, wie Schwarzarbeit funktioniert. Je niedriger eine Arbeit entlohnt wird, desto höher die Chance, dass illegal beschäftigt wird. Liegt im Bau daran, dass Aufträge versubt werden, bitte das Wort für den nächsten Party-Small-Talk merken. Versubt, also an Subunternehmer ausgeschrieben, wird von oben nach unten, was letztendlich dazu führen kann, dass Unkenntnis herrscht. Der oberste Bauherr weiß nicht mehr, wer auf seiner Anlage arbeitet, die untersten Malocher wissen genauso wenig, für wen sie flexen, schweißen, mörteln. Die werden, wenn die Zustände ganz arg sind, am Autostrich in Wilhelmsburg aufgeladen, unter Norm bezahlt, oft auch gar nicht. Schlafen in Massenunterkünften, eine Notfallnummer im Telefon. Und weil das, was Krümmel berichtet, richtig trostlos und traurig klingt, fragt man: Hat sie nicht auch Mitleid mit diesen Tagelöhnern?

Als Beamtin darf sie kein Mitleid haben

Krümmel wartet mit ihrer Antwort, was auch daran liegen kann, dass es nicht nur eine gibt, sondern zwei. Eine offizielle und eine persönliche. Man sieht ihr an, wie sie mit sich ringt. Als Beamtin darf sie kein Mitleid haben. Da sind das Fälle nach StGB, illegale Beschäftigung, Steuerhinterziehung, Sozialbetrug, Scheinselbstständigkeit, abhängig davon, welche Ausrede den Tagelöhnern gepredigt wurde. Sie sagt schließlich einen ziemlich guten Satz, einen, der zollbehördlich korrekt ist, aber auch Empathie hat: Wir suchen ja nicht verzweifelt nach Beweisen, um die kleinen Leute zu verknacken. Es geht vor allem um die großen Player, um die Arbeitgeber, die zu solchen Bedingungen schuften lassen.

Dann muss Krümmel abbrechen, die Kräne der Baustelle schieben sich in Sichtweite. Das Team schwärmt aus, ein zweiter Wagen sichert die Grube zur anderen Straße. Krümmel steigt die Stufen zum Container hoch, grüßt die behelmte Runde und wird freundlich zurückgegrüßt. Die Bauleitungen seien daran interessiert, dass es bei den Projekten sauber zugehe, erklärt der Kollege. Der Mist entstehe erst weiter unten. Man kooperiert, hat offenbar nichts zu verbergen. Die Zöllner, Krümmel auch, entspannen sich. Die kugelsicheren Westen sitzen nicht mehr in Habachtstellung. Der Einheit werden die Stahlflechter zugeführt. Was sich nun entfaltet, ist großer interkultureller Austausch, Beamtenpantomime. Die Flechter müssen den Personenerfassungsbogen ausfüllen und sich ausweisen, und diesen bürokratischen Akt zu erklären, über Sprachbarrieren hinweg, erfordert reichlich Fantasie.

Du! Arbeiten? Eisen? Flechten? Seit wann? Dieses Jahr? Monat?

Krümmels Team fragt immer wieder: Verstehen Sie mich? Wir wollen wissen, ob Sie genug Geld kriegen! Geld, money, money, natürlich darf auch die internationale Geldgeste aus reibendem Daumen und Zeigefinger nicht fehlen. Die Sprache ist ein Problem, sagt Krümmel, aber eins, das sie jeden Tag überwinden müssen. Da wird man zwangsläufig geduldig, befragt und erklärt, bis man hat, was man braucht. Die Arbeiter geben an, 14,95 Euro die Stunde zu verdienen, das wäre der Mindestlohn ihrer Branche. Krümmel glaubt das erst mal, Bauchgefühl, Instinkt, in bis zu 900 Geschäftsprüfungen pro Jahr geschult.

Wieder am Zollgebäude, raucht Krümmel eine Zigarette, auf Lunge. Sie sagt, Stimme rau wie die Welt, in der sie unterwegs ist: Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Jetzt muss sie die Ordner der Baustelle sichten, abgleichen mit den Angaben der Stahlflechter. Das kann Tage, sogar Wochen dauern. Krümmel, zurück im Büro, dreht das Radio aus. Es lief gerade Girls Just Wanna Have Fun.