Die katholische Kirche hat den Missbrauchsskandal der vergangenen Jahrzehnte untersuchen lassen. Die Ergebnisse der Studie lösten eine Diskussion über die Verantwortung der Kirche und ihrer Geistlichen aus. ZDF-Chefredakteur Peter Frey ist auch Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Er fordert, dass auch die Rolle der Laien diskutiert wird.

"Klerikalismus" heißt das neue Zauberwort, um das Böse in der Kirche zu benennen. Der Papst benutzt es, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, die Ortsbischöfe. So viel neue Selbstkritik sollte skeptisch machen. Die Selbstanklage lenkt zunächst einmal von etwas Offensichtlichem ab: Viele tausend Missbrauchsfälle in der deutschen Kirche wurden in Personalakten dokumentiert, sie waren bekannt, wurden aber nicht verfolgt, sondern administrativ weggedrückt und irgendwann vergessen. Konsequenzen – kaum, und wenn, dann heimlich. Ganz zu schweigen von den Fällen, zu denen die Forscher gar nicht erst vorgedrungen sind.

Personalreferentenchefs schauten nicht richtig hin, Bischöfe wurden nicht informiert oder wahrscheinlicher: Sie wollten es nicht wissen. Trotzdem erklärte sich kein Einziger der Oberhirten in Fulda für persönlich verantwortlich, keiner sah Gründe für Konsequenzen oder gar den Rücktritt. Wie glaubwürdig ist es, angesichts jahrzehntelanger Amtszeiten, die in der Regel meist nach dem 70. Lebensjahr enden, dass keiner der Bischöfe selbst Verantwortung auf sich geladen haben will? In Holland hat die Zeitung "NRC Handelsblad" berichtet, 20 von 39 Bischöfen nach dem Zweiten Weltkrieg seien in Missbrauchsfälle verwickelt, vier seien selbst Täter geworden, 16 hätten des Missbrauchs bezichtigte Geistliche irgendwohin versetzt. In Deutschland soll das nicht der Fall gewesen sein?

Das Einzigartige bei Missbrauchsfällen in der Kirche ist der Zusammenhang zwischen Glaube und Abhängigkeit. Die Kirche stellt Räume zur Verfügung, in denen Männer, deren Lebensweise doch auf Gott hinzeigen soll (und das macht den Unterschied zum Sportverein oder zur Familie aus), auf schutzlose Schutzbefohlene treffen. Es sind meist Minderjährige, mehr Jungen als Mädchen, die zum Objekt ihrer sexuellen Fantasien und praktizierter Lust werden. Im Canisius-Kolleg in Berlin brannten die Kerzen dabei. Die Folgen dieser Scham- und Gottlosigkeit belasten die Opfer ein Leben lang.

Die Kirche steht vor der harten Frage, ob sie überhaupt noch in der Lage ist, die Perspektive der Opfer, der Schwachen einzunehmen. Sie muss prüfen, ob der Priesterberuf die Falschen anzieht und schützt und der Zölibat vielen Priestern ein Lebenskonzept auferlegt, an dem sie scheitern und das einige in die Dunkelzonen der Sexualität treibt. Aus der Opferperspektive muss es zunächst um dreierlei gehen. Erstens: Die Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden. Zweitens: Die Opfer haben das Recht auf Respekt, Entschädigung und Verurteilung ihrer Peiniger. Drittens: Die Kirche muss alles tun, damit solche Räume der Gewalt nicht weiter bestehen.

© Jonas Ratermann/ZDF

Priorität für den Opferschutz, das hat praktische, schmerzhafte und strukturelle Konsequenzen. So müssen, weil es oft Jahrzehnte dauert, bis der Missbrauch ans Licht kommt, Verjährungsfristen aufgehoben werden. Es ist empörend, dass der Papst in diesem Zusammenhang beschönigend auf die Veränderung der öffentlichen Kultur und Wahrnehmung solcher Verbrechen hinweist, als sei ein Missbrauch, der vor 30 oder 50 Jahren geschah, für den Einzelnen weniger schlimm als einer von heute. Zur Verantwortung gezogen gehören nicht nur die unmittelbaren Täter, sondern auch die mächtigen Vertuscher in den Ordinariaten.

Die Opfer müssen angemessen entschädigt werden. 5000 oder 10.000 Euro für die erlittenen Qualen an Körper und Seele, die die deutsche Kirche bisher zahlte, sind lächerlich. Außerdem: Der Staat beziehungsweise die ordentliche Gerichtsbarkeit muss einbezogen werden. Wo Diözesen Akten nicht oder nur halbherzig herausgeben, müssen die Staatsanwaltschaften einschreiten, womöglich mit Sonderkommissionen. Täter müssen von der Kirche wegen Vernachlässigung ihrer Dienstpflichten angezeigt und vor ordentliche Gerichte gestellt werden.

Nie wieder dürfen Täter aus falscher Solidarität geschützt werden. Das Versetzen der Täter an Gemeinden, die keine Ahnung haben, muss aufhören. Bischöfe, die solche Auswege suchten, verrieten nicht nur den Glauben selbst, sie betrogen die Gläubigen, die Gemeinden und alle aufrichtigen Ehrenamtlichen, die sich in Jugendgruppen, als Sterbebegleiter oder Flüchtlingshelfer weiter für die Kirche und unsere Gesellschaft engagierten. Um zu vermeiden, dass sich so etwas wiederholt, gibt es einen einfachen Weg: Transparenz und Mitsprache, bevor ein neuer Pfarrer kommt.

Zu dem, was getan werden muss, gehört die Veränderung der Rekrutierung zum Priesterberuf, psychologische Vorprüfungen, Ausbildung, Coaching, das darf nicht mehr jede Diözese so handhaben, wie sie es gerade für richtig hält. Längst gibt es innerkirchliche "Benchmarks". Die Kirche muss Priester besser auswählen, überprüfen, über welche psychischen Grundkonstellationen die jungen Männer verfügen, die sich für den Priesterberuf interessieren. Sie muss in Ausbildung und Praxis das Kapitel Sexualität immer wieder aufrufen, um die Reife der Kandidaten und der Priester zu evaluieren. Gewaltprävention, Respekt vor Schutzbefohlenen und der Umgang mit der eigenen Sexualität müssen viel mehr im Vordergrund stehen. Auch dann, wenn die Priester in ihren Gemeinden angekommen sind.