Die SPD hat eine Strategie, man könnte sie nennen: Wiederannäherung an den "kleinen Mann" durch Entfernung von der Ökologie. Diese Strategie zeitigt sogar schon einen ersten Erfolg. Zwar steigt die SPD in den Umfragen so wenig, wie die AfD sinkt, eines jedoch ist der Partei mit ihrem, wie soll man sagen, postökologischen Kurs gelungen: In einer ersten Umfrage haben die Grünen die SPD überholt, in anderen ziehen sie gleich.

War das der Sinn der Sache? Fragen wir Svenja Schulze, die rote Umweltministerin der Groko.

Am Montag dieser Woche sitzt Schulze im Auto und lutscht ein Kräuterbonbon. Sie ist erkältet, aber das stört sie nicht. Am Wochenende ist sie 50 geworden, hat feste gefeiert. Nun sei sie alt, sagt sie mit einem fröhlichen Grinsen, die Buchstaben in ihrem Redemanuskript müssten aber trotzdem nicht so groß gedruckt werden. Dass Schulze erstaunlich gut gelaunt ist, liegt nicht nur an der Geburtstagsfeier. Sie findet sich gerade, gegen den Trend der Partei, politisch ganz erfolgreich.

Am Abend, so erzählt sie, wolle der Koalitionsausschuss über den künftigen Umgang mit dreckigen Dieselautos entscheiden – und damit die Luft in den Städten endlich sauberer machen. Es werde Hardware-Nachrüstungen geben, da ist sie sich sicher. Auch dass die Konzerne einen großen Teil davon bezahlen werden. Schulze fordert das seit Monaten, lange als Einzige in der Regierung.

Und genau das ist das Problem.

Denn Svenja Schulze steht im Kabinett öfter sehr allein. Die Sozialdemokratin, die von ihrer Partei erst vor ein paar Monaten aus Nordrhein-Westfalen nach Berlin geholt wurde, um die Partei zu verjüngen, ist mitten in die postökologische Wende von Schwarz-Rot geraten. Ausgerechnet jetzt, wo der Klimawandel für viele Bürger zum ersten Mal spürbar wird, hat sie nicht nur den Unionsteil der Regierung gegen sich, sondern auch die eigene Parteiführung. Wirtschaftsminister Peter Altmaier, Verkehrsminister Andreas Scheuer, Parteichefin Andrea Nahles, Vizekanzler Olaf Scholz – alle haben sich in den vergangenen Monaten auf die ein oder andere Weise mal gegen Schulze gestellt. Und immer häufiger tut das auch die einstige Klimakanzlerin, Angela Merkel.

Am Tag nach der verschnupften Dienstfahrt beispielsweise. Da sitzt Svenja Schulze mit rauer Stimme neben dem CSU-Verkehrsminister Scheuer in der Regierungspressekonferenz. Sie darf verkünden, was sie, Herr Scheuer und die Spitzen der Koalition in der Nacht beschlossen haben. "Wir haben ein großes Ding auf den Weg gebracht", sagt sie und dass sie "sehr glücklich" sei. Die Regierung habe sich "eindeutig positioniert, auch gegenüber der Autoindustrie". Nun werde die Luft in den Städten sauberer. Das klingt wie ein Sieg für die Umwelt – und für die Ministerin. Doch in Wirklichkeit ist es eine gut verkleidete und in komplizierte Programme verpackte Niederlage.

Schulze kann nicht wie erhofft verkünden, dass die Autokonzerne die Kosten für die beschlossene Nachrüstung übernehmen. Was aber noch bitterer ist: Die da im Kanzleramt zusammensaßen, handelten nicht etwa auf Schulzes Drängen. Sondern aus politischer Not: weil Gerichte nach drei Jahren Dieselgate auch in Frankfurt ein Fahrverbot verhängt haben. Weil das wiederum den CDU-Ministerpräsidenten Volker Bouffier bei der anstehenden Landtagswahl entscheidende Stimmen kosten könnte. Weil der dann bei der Kanzlerin intervenierte und die Bouffiers Sorge berechtigt fand. Also musste der Koalitionsausschuss ran, um die Autofahrer zu befrieden. Irgendwie.

Dahinter steckt das ökologiepolitische Prinzip der Regierung: möglichst wenig, möglichst spät. Das jedoch ist gerade für die Ökologie und die dazugehörige Ministerin verheerend, weil Ökologie mehr als jedes andere Politikfeld Vorsorge braucht.

Dass die CDU in der Regierung gern mal bremst, wenn Tiere, Wasser, Luft oder Klima stärker geschützt werden sollen, ist nicht neu. Es war nur lange nicht so spürbar wie jetzt. Weil Angela Merkel es gut zu überdecken vermochte, indem sie bei Klimakonferenzen ehrgeizige Beschlüsse durchsetzte. Und weil die naturferne Haltung der CDU immer mal wieder vom Koalitionspartner SPD korrigiert wurde. Jetzt aber begreift auch deren Führung die Umweltpolitik immer seltener als eine existenzielle Aufgabe. Und immer öfter als einen Luxus, den man sich leistet. Oder auch nicht.

Als Erster intonierte Sigmar Gabriel den sozialdemokratischen Schwenk. Der geschasste Ex-Parteichef warf der eigenen Partei in einem Beitrag für den Spiegel vor, dass "Umwelt- und Klimaschutz uns manchmal wichtiger sind als der Erhalt unserer Industriearbeitsplätze". Gabriel suggerierte, dass die SPD in der Vergangenheit zu grün war – obwohl das Versagen bei den Klimazielen eine deutlich andere Sprache spricht. Und er argumentierte, dass es ein "Entweder-oder" gibt. Entweder Umwelt – oder Jobs.

Die neue SPD-Führung verfluchte Gabriel, aber folgte ihm ausgerechnet in diesem Punkt. Im Sommer, als die Felder braun und die Diskussionen über den Klimawandel und den Kohleausstieg hitzig wurden, warnte die Parteichefin Andrea Nahles vor einer "Blutgrätsche gegen die Braunkohle". Es spricht viel dafür, dass die SPD mit dieser Strategie mehr Stimmen verliert, als sie gewinnt.