Die Zeit dieser schrecklichen Diddl-Mäuse ist zum Glück vorbei, eine Zeit lang baumelten die Comicfiguren ja an jedem zweiten Handgepäckrucksack. Als Glücksbringer, damit nix schiefgeht während der Urlaubsreise. Warum auch immer die Dinger wieder verschwunden sind, andere Glücksbringer gibt es natürlich immer noch. Ganesha-Figuren aus Metall, Gummiteufelchen und gehäkelte Schweine: Man glaubt ja nicht, was Leute so alles mitnehmen. Ein Bekannter von mir schleppt auf jeder Reise ein Stück Holz mit sich herum, das er an irgendeinem schicksalhaften Tag an irgendeinem Strand gefunden hat. Meine Freundin Anna würde niemals ohne ihren völlig zerrupften Teddybären verreisen, der auf den Tag so alt ist wie sie selbst (und mit seinem großflächigen Fellverlust längst mitleiderregend aussieht). Neulich hat im Flieger eine Frau neben mir beim Start einen dicken Bergkristall umklammert. Als wir die Reiseflughöhe unbeschadet erreicht hatten, küsste sie den Stein und packte ihn in ihre Handtasche. Dabei sah sie mich wissend an.

Menschen brauchen Glücksbringer, das ist schon so, seit die Leute in der Steinzeit Amulette aus Mammutknochen mitgenommen haben, wenn es auf die Pirsch ging. Und wenn sie dann unversehrt in die heimische Höhle zurückkehrten, ohne des Säbelzahntigers Beute geworden zu sein – woran mag das wohl auch gelegen haben? Na also. Und weil sich manche Sachen eben nie ändern, packt Homo lowcostcarriensis bis heute seinen Glücksbringer ein, wenn er auf Reisen geht. Die Wissenschaft? Hält sich bei dem Thema eher zurück. Laviert herum. Erklärt, dass der Mensch eben gern Kausalzusammenhänge herstelle, wo überhaupt keine seien, das lasse ihm die komplizierte Welt ein wenig begreifbarer erscheinen. Anders gesagt: Stürzt das Flugzeug nicht ab, liegt’s am ... genau. Hab ich immer dabei! Hat mir schon so oft geholfen! Talismanträger, sagt die Forschung, gingen außerdem die kleinen Herausforderungen des Reisealltags zuversichtlicher an. Und bewältigten sie deshalb oft besser als Leute ohne Porzellanferkel in der Jackentasche. Self-fulfilling Prophecy nennt man das dann: eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Die Hälfte der Deutschen, so heißt es, glaubt an Glücksbringer. Ich habe natürlich auch einen. Ein Amulett, das mir der Hofastrologe des Königs von Lo Monthang vor zwanzig Jahren geschenkt hat. Mit dem Talisman aus dem Himalaya habe ich unterwegs Erdbeben überstanden, einen Tsunami, eine Bruchlandung in einem laotischen Reisfeld sowie mehrere ungeplante Grizzly-Begegnungen und natürlich unzählige Fahrten mit der Deutschen Bahn. Alles ohne einen einzigen Kratzer. Und jetzt behaupte bitte schön mal jemand, Glücksbringer wirkten nicht!

Neulich habe ich das Amulett zu Hause vergessen. Vielleicht wäre alles gut ausgegangen, wenn ich es nicht bemerkt hätte. Habe ich aber. Und anschließend meinen Flieger verpasst, weil ich vor dem falschen Gate gewartet habe. So etwas war mir bis dahin noch nie passiert. Mit meinem Talisman wäre es das auch nicht. Bestimmt nicht.