Zwei Brüder sehen sich in einer Kneipe. Es ist ihre letzte Begegnung. Draußen klirrt umnachteter Münchner Winter, Ludwigsvorstadt, und drinnen erzählt der große Bruder dem kleinen vom Leben. Von den Nazis, der Grausamkeit und den Katastrophen, von Deutschland, dem Universum und der Prostituierten, die er kürzlich kennengelernt habe. Wenig später ist er tot.

Das ist die Ausgangslage von Heinz Helles elegantem, essayistischem Roman Die Überwindung der Schwerkraft, in dem fürderhin der jüngere Bruder sich nun Jahre später erinnern will: wer dieser Mann wirklich gewesen ist, dem er immer in stummer Duldungsstarre zugehört hat. Dem er nie widersprochen hat und der ihm bis zuletzt zwei Köpfe größer vorgekommen war, obwohl das schon lange nicht mehr stimmte. Die Erinnerungsarbeit des Ich-Erzählers wird hier zur Geister- und vor allem zur Geistesbeschwörung eines Toten, der seines Lebens offenbar nie froh wurde; eines Alkoholikers mit unvollendeter Doktorarbeit, der sich bis zum Ende der Nacht in Bars herumtrieb und dort seine Melancholikergedanken in die Welt rief. Der große Bruder ist besessen von den Taten der SS oder von belgischen Kindermördern wie Marc Dutroux, von der Idiotie der Menschheit, als deren Mitglied man nur die traurige Wahl habe zwischen Weltabkehr oder totalitären Kollektiven. Trost bestehe einzig darin, "dass alle bösen, schlechten oder unfähigen Menschen, die andere Menschen zerstörten, oder Tiere, oder den Planeten, dies in der tiefen, aufrichtigen Überzeugung täten, es geschähe zum Wohl ihrer Kinder, die es einmal besser haben sollten, in einem Kalifat, oder einem Ferrari". Hinter dem Panzer des Misanthropen steckt oft der enttäuschte Humanist.

Helle, 1978 geboren, hat am Literaturinstitut in Biel studiert. Seine vorigen Romane waren originelle Variationen auf die Begriffe, die hoch oben im platonischen Himmel hängen: Sie handelten von Einsamkeit, Verrohung und Verlorenheit. Eine Prosa, die sich für handelsübliche Coffeetable-Melancholie nicht interessiert. Allerdings ist die Form seines aktuellen Romans nicht ohne Risiko: Wenn ein Ich-Erzähler zum Chronisten umschweifiger Gedanken, Augenblicke und Lebensfragmente eines anderen wird, kann ein Roman schnell im Chaos versinken. Dass Helle sein dichtes assoziatives Gewebe, das Nebeneinander der Motive und Reflexionen zusammenhalten kann, liegt an seiner beachtlichen Begabung. Nichts klingt hier nach dem dressierten Minimalismus, der wieder so in Mode ist. In langen, melodiös komponierten Satzperioden blendet Helle Gegenwart und Vergangenheit der Brüder ineinander, Gedachtes und Gesagtes. Szenen verblasster Nachmittage an der Isar fließen über in Momente in einem Motel in Albuquerque oder in ein cortazárhaftes Gleichnis über die Autobahn als Schauplatz reinen Überlebenswillens. Aus der Rekonstruktion des großen Bruders wird nach und nach eine dichte Meditation über Schuld, Vaterschaft, Männlichkeit, Trauer und das wilde Denken. Das ist möglicherweise etwas viel für 200 Seiten, sodass man schnell einige der Blitzgescheitheiten und Pointen überliest. Eine davon geht so: Dass die Deutschen so schnell Auto fahren, liegt daran, dass sie auf diese Weise am schnellsten vergessen, woher sie kommen.

Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft
Roman; Suhrkamp Verlag, Berlin 2018; 208 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €