Am letzten Samstagnachmittag im September überquert Marianne Kampwerth, die Frau, der Ralph Brinkhaus vielleicht den bisherigen Höhepunkt seiner Karriere zu verdanken hat, eine Holzbrücke im Stadtpark. Kampwerth, Vorsitzende des CDU-Stadtverbands Versmold, ist bisher bundespolitisch nicht in Erscheinung getreten. Und dennoch hat sie etwas angestoßen, das Angela Merkel zum Wackeln gebracht hat. Vor einem Jahr, sagt sie, habe sie mit Ralph Brinkhaus über den Fraktionsvorsitz gesprochen. "Du könntest das auch, Ralph", habe sie gesagt. Für einen Moment sieht sie sehr stolz aus.

Er konnte es tatsächlich. Die Wahl, die das entschieden hat, ist vier Tage her. Seitdem bekleidet Brinkhaus eines der wichtigsten Ämter der Bundespolitik, er ist der neue Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion. Seit vier Tagen fragt sich halb Deutschland, was diese Wahl bedeutet und wohin sie noch führen wird. Ob Merkel kippt, ob die Regierung zerbricht – alles wegen Ralph Brinkhaus. Eines Mannes, von dem man bisher kaum etwas gehört hatte. Außer in Versmold in Ostwestfalen.

Marianne Kampwerth schreitet in die Schützenhalle, einen weiß verputzten Bungalow neben einem kleinen Bach. Die Frauenunion hat den Raum geschmückt, sie haben so viele Hortensien aufgestellt, dass man die Holzvertäfelung kaum noch sieht, sie haben blaue Decken über die Tische geworfen und Dutzende Bleche Streuselkuchen gekauft. Die ersten Gäste kommen anderthalb Stunden zu früh, sie haben Gehstöcke dabei und Rollatoren. Die Frauen tragen Halstücher und Strickjacken, die Männer karierte Jacketts.

Eigentlich sollte heute das traditionelle Versmolder "Ü-60-Kaffeetrinken" stattfinden. Der Nachmittag sollte ablaufen wie immer: Rede des Ortsbürgermeisters, Akkordeonspiel, Rede des Wahlkreisabgeordneten Brinkhaus, kurz vor Schluss gemeinsames Singen der Nationalhymne. Aber dieses Jahr ist nicht wie jedes Jahr.

Als Marianne Kampwerth erfuhr, dass ihr Abgeordneter aus dem Kreis Gütersloh auf einmal der zweitwichtigste Mensch in ihrer Partei ist, rechnete sie mit einer Absage. Oder würde Brinkhaus seinen ersten Termin als Fraktionsvorsitzender tatsächlich in der Schützenhalle verbringen, zu der kein Bus fährt, in der es kein WLAN gibt und keinen Sicherheitscheck, dafür Streuselkuchen, Adlerstatuen und Schnittchen mit Ei und Salami?

Als sie am Donnerstag immer noch keine Absage erreicht hatte, sagte Kampwerth zu den Senioren im Ort: "Der Ralph wird sein Wort halten."

In Berlin sind Nachrichten wie Unwetter: Für den Moment sehen Politiker und Journalisten nur Wolkenbruch und Untergang. In Versmold sind Nachrichten wie Nieselregen: spürbar, manchmal lästig, aber eigentlich egal. Deshalb sah man in Berlin die CDU zerbrechen und die Kanzlerin fallen, während man in Versmold nur dachte: "Wie schön für den Ralph." Hier hat die Abwahl von Kauder nichts mit Merkel zu tun. Merkel finden die Besucher der Schützenhalle toll. "Das ist beeindruckend, was die Frau leistet", sagt einer. "Wer sonst könnte unser Land so gut regieren?"