DIE ZEIT: Frau Gather, Thyssenkrupp hat am Sonntag angekündigt, sich in zwei Teile zu spalten, die aber verbunden bleiben. Erklären Sie mal: Ist Thyssenkrupp nun ein Unternehmen oder zwei?

Ursula Gather: Derzeit ist Thyssenkrupp ein Unternehmen. Wenn die Aufteilung vollzogen ist, werden es zwei selbstständige Aktiengesellschaften sein: Thyssenkrupp Materials und Thyssenkrupp Industrials. Ganz getrennt sind sie aber schon deshalb nicht, weil sie den gleichen Namen vorantragen. Es wird auch in Zukunft eine Verbundenheit und eine gemeinsame Geschichte geben.

ZEIT: Eines der Unternehmen soll außerdem am anderen beteiligt sein. Warum diese Konstruktion? Das kaschiert doch höchstens, dass der Konzern faktisch zerschlagen ist.

Gather: Im Gegenteil: Eine solche Rückbeteiligung verbindet doch eher. Aber abgesehen davon: Einheit ist ja kein Selbstzweck. Ein Teil des Stifterwillens lautet, die Einheit des Unternehmens möglichst zu wahren – und seine Entwicklung zu fördern. Dieser zweite Teil wird meistens unterschlagen. Und wenn Sie in die lange Geschichte des Unternehmens zurückschauen, dann hat der Stifter der Stiftung ein Unternehmen übereignet, das ganz anders war als die heutige Thyssenkrupp AG. Es ist durch viele Wandlungen gegangen, Verkäufe, Zukäufe, Fusionen. Daran erkennt man, dass "Einheit" immer wieder neu ausgelegt wurde.

"Vorstellungen von einer falsch verstandenen Tradition dürfen uns nicht daran hindern, neue Wege zu gehen."
Alfried Krupp von Bohlen und Halbach

ZEIT: Haben Sie sich mit Ihrer Unterstützung der Teilung für den zweiten Teil des Stifterwillens entschieden: Sie wollen die Entwicklung fördern, statt Einheit zu bewahren?

Gather: Nein, ich sehe da keinen Gegensatz. Es gibt auch ein Zitat des Stifters Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, das genau das ausdrückt. Es lautet: "Vorstellungen von einer falsch verstandenen Tradition dürfen uns nicht daran hindern, neue Wege zu gehen."

ZEIT: Schönes Zitat! Wir haben auch eins, nämlich von dessen Neffen Friedrich von Bohlen. Er sagt: "Zweiheit ist nicht Einheit."

Gather: Jeder darf seine Auffassung haben. Ich habe die Auffassung, dass wir dem Unternehmenswohl verpflichtet sind. Und das sehe ich hier gewahrt.

ZEIT: Die vergangenen Monate waren für Thyssenkrupp chaotisch – und das ist noch freundlich formuliert. Erst trat der Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger zurück, dann der Aufsichtsratsvorsitzende Ulrich Lehner. Letzterer polterte vor seinem Abgang öffentlich gegen einzelne Aktionäre. Von Ihnen war in dieser Zeit öffentlich wenig zu hören, ein paar dürre Sätze. Warum haben Sie so lange geschwiegen?

Gather: Ich habe nicht geschwiegen. Es gab Statements der Stiftung, wir haben Presseanfragen beantwortet. In der schwierigen Zeit nach den Rücktritten war es wichtig, das Unternehmen zu stabilisieren. Dazu habe ich viele Gespräche geführt, aber eben nach innen. Ich fühle mich Thyssenkrupp verpflichtet und finde deshalb, dass man nicht jede Debatte öffentlich führen sollte. So etwas muss man auch mal aushalten können.

ZEIT: Und wieso geben Sie jetzt ein Interview?

Gather: Es gibt jetzt eine neue strategische Entscheidung für das Unternehmen. Dies scheint mir ein guter Zeitpunkt, um über die Haltung der Stiftung dazu zu sprechen. Die Rücktritte haben wir bedauert, aber Vergangenheitsbewältigung war nicht meine Priorität.