"Vertrauen Sie uns!" So werben Banken und Uhrenhersteller, Nachhilfeinstitute und Volksparteien, Automobilhersteller und die Polizei, der Staat und nun auch die Kirche. Wer so vehement um Vertrauen werben muss, der hat es augenscheinlich zumindest in Teilen verloren. Wo Vertrauen herrscht, muss es nicht zum Thema werden. Es versteht sich von selbst. Wo dagegen viel von Vertrauen die Rede ist, da wird sein Verlust entweder zähneknirschend eingestanden oder traurig konstatiert. Vertrauensverluste sind in den vielen verschiedenen Krisendiagnosen der Gegenwart der gemeinsame Nenner. Die Diskussionen um die Frage, wie die Causa des Verfassungsschutzpräsidenten klug zu händeln sei, und die neuerliche Debatte um den Umgang der katholischen Kirche mit dem sexuellen Missbrauch von Geistlichen als Täter haben nicht viel gemeinsam. Doch in den Pressekonferenzen, Statements und Erklärungen war "Vertrauen" das gemeinsame Lieblingswort.

Dabei ist Vertrauenkönnen so basal, dass es erst einmal gar nicht nötig ist, es moralisch aufzuladen. Ohne Vertrauen geht es nie. Wer sich abends schlafen legt, vertraut darauf, wieder wach zu werden. Kein Wunder, dass Kinder erst lernen müssen, sich dem Dunkel und der Ohnmacht des Schlafes anzuvertrauen. Sie müssen erst gute Erfahrungen des Aufwachens sammeln, eh sie sich der Nacht anvertrauen. Vertrauen ist riskant. Wer morgens aus dem Bett steigt, traut darauf, dass unter den Füßen noch der Fußboden von gestern ist und hinter der Haustürschwelle die gleiche Straße, die gleiche Stadt zu erwarten ist, samt mürrischem Nachbarn vor der Mülltonne. Wer vorher beim Zähneputzen in den Spiegel blickt, vertraut darauf, ein Gesicht zu sehen, das als das vertraute Ich wiedererkannt wird.

Ohne Vertrauen in die Welt würden wir in einen Abgrund an Unsicherheit stürzen, einen Strudel der Kontingenz, der das Leben unerträglich machte. Immer könnte alles auch anders sein. Nur Vertrauen baut eine Brücke über diesen Abgrund des Möglichen. Es macht die Klippe hinter jedem Schritt sozusagen unsichtbar. Jede noch so alltägliche Verrichtung würde sonst zu einem Kampf um die richtige Entscheidung. Handeln wäre unmöglich. Und selbst das Sofa, auf dem man ausharren würde vor lauter Angst vor dem, was auch sein könnte, wäre ein gefährlicher Ort. Ist das basale Weltvertrauen erschüttert, folgt buchstäblich der Wahnsinn, eine tiefe Lebensstörung, die zu Orientierungsverlusten und furchtbaren Ängsten führt. Wer mit psychischen Erkrankungen oder Menschen in Demenz zu tun hatte, kann aus nächster Nähe beobachten, wie tiefgreifend Vertrauensverluste in das Dasein eingreifen. Wer je Opfer eines Einbruchs wurde, weiß, wie die Annahme, das Zuhause sei ein eingehegter Schutzraum, erschüttert werden kann.

Menschliche Beziehungen leben erst recht von Vertrauen. Stets hält uns diese gutartige Unterstellung in der Nähe der Geliebten. Er liebt mich immer noch. So viele Liebeserklärungen können gar nicht formuliert werden. Im Gegenteil, wer sich ständig der Zuneigung des anderen versichern muss, hat schon ein Vertrauensproblem. Denn wer vertraut, muss sich bis zu einem gewissen Grad ausliefern. Deshalb ist soziales Vertrauen immer freiwillig. Wir "schenken" Vertrauen, heißt es umgangssprachlich und trifft damit ins Schwarze.

Natürlich gibt es jede Menge Ersatzhandlungen für Vertrauen. Die bekannteste Haltung, die oft fälschlicherweise für Vertrauen gehalten wird, ist Unterwerfung, aus Angst oder Selbstverachtung oder der Übertragung der eigenen Bedeutsamkeit. Diese Bindung kann man bei Idolen oder autoritären Führungsfiguren beobachten. Vertrauen geht nicht ohne Kontrollverlust, zeugt aber nicht von Unterwerfung, sondern von Hingabe. Das ist der Preis für die Verarbeitung des stacheligen Gedankens, dass alles immer auch anders sein könnte. Wer vertraut, den piesackt dieser Gedanke nur, wenn Anlass dazu besteht.

Diese Anlässe sind der Beginn von Vertrauenskrisen. Wenn Institutionen wie Banken, Parteien, Universitäten durch Skandale jeglicher Art, durch kriminelle Aktivitäten, durch Vorgabe falscher Tatsachen, durch Lügen und Betrug das Vertrauen entzogen wird, könnte man meinen: nicht so schlimm. Es gibt ja andere Banken, Parteien, Universitäten. Also legen wir unser Geld woanders an, machen unser Kreuz woanders und schicken die Kinder zu anderen Bildungseinrichtungen. Doch weil Institutionen immer ein Ganzes repräsentieren, weil die eine Bank für alle Banken steht und der eine Parteienskandal auf alle Parteien zurückfällt, ist die Institution als solche gefährdet. Denn es gibt auch keine Institutionen, die ohne Vertrauen funktionieren. Wenn an die Stelle des Vertrauens totale Kontrolle geriete, wäre der Sinn von Geldanlagen, von demokratischen Systemen, von Gerichten, von Verwaltungen insgesamt infrage gestellt.