Vielleicht ist es gut, dass diese Geschichte eines homosexuellen Schicksals in der DDR so nüchtern erzählt wird; vielleicht ist es aber auch nicht so gut. Es ist die Geschichte eines großen Unglücks, doch Christoph Heins Sprache kennt keine Tränen. Sie krümmt sich nicht unter den Schmerzen seines Helden, sie ist überhaupt nicht biegsam. Sie stelzt wie ein Storch, mit langem Bein und steifem Knie, durch den Morast von Nachkriegsbürgervorurteilen und marxistisch-leninistischer Heuchelei, kann aber sehr wohl mit raschem Storchenschnabel auch die eine oder andere eklige Kröte nach oben und ans Licht befördern. Insofern bildet sich beim Leser durchaus Abscheu hier und da – und für das Schicksal des unterdrückten Jugendlichen, später verängstigten und schließlich erpressten Hochschullehrers ein gewisses, wenngleich schwaches Mitgefühl. Auf jeden Fall lässt sich sagen: Eine emotionale Nötigung des Lesers findet nicht statt.

Andererseits schützt die Enthaltsamkeit nicht vor Kitsch, ganz generell tut sie das nicht. Und so unterliegt auch Heins keuscher Stil dem Gesetz: Je ungelenker, desto kitschiger. Das liegt an dem Pathos der einfachen Worte – je weniger umrankt, je nackter, gar ungeschickter sie in karger Satzlandschaft stehen, desto monumentaler wirken sie. Liebe ohne Beiworte, auch Sonne, Meer und Knabenhaut ganz ohne alles Sengende, Rauschende, Samtige sind noch viel mehr Liebe, Romantik und Erotik. Das ist ein Effekt, der sich einstellt, selbst wenn er nicht angestrebt wird, und vieles sieht danach aus, als habe ihn Christoph Hein nicht angestrebt.

Warum? In seinen früheren Romanen, wo es um weniger persönlich Erschütterndes, wenngleich nicht weniger Empörendes ging, hatte die Kargheit einen anderen Effekt, keinen monumentalen, sondern einen analytischen, insofern sie so etwas wie die Geometrie, den nackten Grundriss des Geschehens sichtbar machte. Hein entfernte alles Strauchwerk, das für den zeitgenössischen Blick das Leben in der DDR und nach der Wende überwuchert hatte. Es war seine Meisterschaft, nur die entscheidenden Punkte zu nennen; die Linien dazwischen zogen sich von selbst vor dem geistigen Auge des Lesers. Hein bot Deutung, ohne zu deuten.

Das war seine Kunst, und sie funktionierte vielleicht zu lange zu gut, um sie jetzt für eine Geschichte aufzugeben, die gar keine Deutung verlangt, auch keine diskrete, sondern im Gegenteil Einfühlung, Veranschaulichung, Zuwendung. Denn an der Geschichte eines Mannes, der sich an die Verheimlichung seiner Homosexualität derart gewöhnt hat, dass er den Selbstmord selbst dann noch ihrer Offenbarung vorzieht, als er sie längst gefahrlos bekennen könnte, gibt es gar nichts zu deuten – die Mechanismen einer Gesellschaft, die sich derart mörderisch aufprägen, sind kein Geheimnis. Hier wäre es vielleicht einmal darum gegangen, nicht die Stereotype zu zeigen, sondern ihren individuellen Abdruck in einer leidenden Seele.

Aber das verstieße gewissermaßen gegen die stilistischen Keuschheitsideale des Christoph Hein. Er scheut die Intimität, er will dem Leser nicht auf die Pelle rücken, und folglich reißt das Buch den Leser auch nicht vom Hocker. Vielmehr bleibt er phlegmatisch sitzen, wenn auch etwas unbequem, und schaut dem Räderwerk der Geschichte zu. Die Mechanik ist wie der Stil, ihre Komponenten sind die Stereotype. Der Vater kommt noch aus der Kaiserzeit – also hängt er der Prügelstrafe an. Er ist streng katholisch – also verurteilt er die Homosexualität. Prüde ist ebenso die Partei, der noch die kleinbürgerlichen Reste ihrer wilhelminischen Entstehungszeit anhaften – also konnte sie die Homosexualität in der DDR zwar legalisieren, nicht aber aus der öffentlichen Verachtung befreien. Alle drei, prügelnder Vater, Katholizismus und kleinbürgerlicher Kommunismus, verhindern wirksam, dass sich der Held Friedeward Ringeling selbstbewusst und öffentlich zu seiner sexuellen Orientierung verhält – er ist erpressbar. Nicht prüde ist allein die Staatssicherheit, die mit dieser Erpressbarkeit arbeitet und unseren Helden zu jener berüchtigten, aus vielen realen Fällen bekannten Unterschrift nötigt, die ihm nach der Wende zum Vorwurf gemacht wird.

Nun wäre zwar in den emanzipierten 1990er-Jahren Gelegenheit, sich mit Hinweis auf den schändlichen Vorgang zu exkulpieren, aber dazu müsste er sich nun zu seiner Homosexualität bekennen, und das ist ihm nicht mehr möglich. Nun und nun und nun – es ist eine erbarmungslose Kausalkette, die das Schicksal in diesem Buch bestimmt. Wer wollte bestreiten, dass es solche Ketten gibt? Aber in diesem Buch ist ihr Rasseln zu vernehmlich, um ihrem Wirken gespannt zu folgen. Das muss kein Einwand sein. Ein Problem gibt es dennoch, wenn sich der verbleibende Ehrgeiz des Lesers allein auf den Schlüsselroman-Charakter des Buches richtet. Nachdem er einmal den Germanisten Hans Mayer gefunden hat (als Lehrer des Helden), dann noch den berühmten Chemiker, der die Universität Leipzig nach der Wende evaluierte, konzentriert sich die Restspannung darauf, weitere Figuren zu entschlüsseln. Ostdeutsche Leser werden hier im Vorteil sein, aber man gönnt es ihnen neidlos. Auch diese schicksalhafte Ungerechtigkeit reißt den Leser nicht mehr vom Hocker.

Christoph Hein: Verwirrnis
Roman; Suhrkamp Verlag, Berlin 2018; 303 S., 22,– €, als E-Book 18,99 €