Eine "Rotecke": So nennen Ermittler der Bundesanwaltschaft die internationalen Haftbefehle. Früher waren diese Dokumente farblich markiert, heute ist alles digital, der Begriff hat sich trotzdem gehalten. Im September 2018 ging eine besondere Rotecke in die Welt hinaus. Sie befasst sich mit unfassbaren Gräueltaten, die den Jesiden im Nordirak angetan wurden, einer religiösen Minderheit, deren Wurzeln im Irak weit älter sind als die von Christen und Muslimen. Der Haftbefehl mit dem Bundesadler auf dem Kopf der ersten Seite richtet sich gegen einen Mann, der dringend tatverdächtig ist, im Namen der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen begangen zu haben – und bei einem Völkermord an den Jesiden mitgemacht zu haben, die der IS im August 2014 in Dutzenden Dörfern gleichzeitig angriff und anschließend entweder ermordete oder verschleppte und versklavte.

Ein ähnlicher internationaler Haftbefehl war auf Antrag der Bundesanwaltschaft schon im Dezember 2016 verschickt worden.

Zwei Haftbefehle bei Tausenden Opfern, denen hunderttausendfach Leid angetan wurde – das klingt nach wenig. Es ist aber nicht wenig. Es ist das Maximum dessen, was von Deutschland aus derzeit möglich ist: qualitativ, weil es international das erste Mal ist, dass eine Einrichtung der Justiz die Verbrechen an den Jesiden als Völkermord definiert hat. Und quantitativ, weil die Ermittler in Karlsruhe nach rund 100 Zeugenvernehmungen bisher eben erst zwei Verdächtige sicher identifizieren konnten. Die beiden Haftbefehle sind das Ergebnis mühsamer Befragungen und akribischer Recherchen. Die Bundesanwälte haben sich vorgenommen, so viel gerichtsfestes Wissen wie möglich über diesen Genozid zu sammeln. Und wo immer machbar, wollen sie Verfahren gegen die mutmaßlichen Täter einleiten.

Die Bundesanwaltschaft, die offiziell den sperrigen Namen "Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof" (GBA) trägt, ist die einzige Staatsanwaltschaft des Bundes, sie ist eine nach außen traditionell zurückhaltende Behörde, gut versteckt im Südwesten der Republik, weit weg von allen Berliner Aufgeregtheiten. Die rund 300 Mitarbeiter bearbeiten in ihrem geschwungenen Bau in der Karlsruher Brauerstraße Staatsschutzdelikte. Und ein eigenes Referat beim GBA kümmert sich um die Verfolgung von Verbrechen nach dem Völkerstrafrecht. Hier beginnt die Geschichte der beiden Haftbefehle.

In der "Besitzurkunde" einer Sklavin steht ein Preis von 1.500 US-Dollar

Denn seit 2002 gilt auch in Deutschland das sogenannte Weltrechtsprinzip. Es besagt, dass deutsches Völkerstrafrecht weltweit anwendbar ist, selbst wenn bei den infrage stehenden Verbrechen kein Bezug zu Deutschland besteht. Als 2011 der syrische Bürgerkrieg ausbrach, begann dieses Referat deshalb, Informationen zu sammeln. Zunächst, weil der Machthaber Baschar al-Assad auf Demonstranten schießen ließ. Bald kamen Verdachtsmomente für Kriegsverbrechen aller möglichen Parteien hinzu. Nach dem Aufstieg des IS leitete der GBA außerdem ein Strukturermittlungsverfahren gegen die Kämpfer der Terrororganisation ein, das nun nicht mehr auf Syrien beschränkt war. Das war am 1. August 2014.

Zwei Tage später begann im Nordwesten des Irak, was die Karlruher Ermittler heute als Völkermord des IS an den Jesiden klassifizieren. Der Angriff war perfekt vorbereitet: Morgens um drei Uhr griffen die schwarz gekleideten Gotteskrieger zeitgleich Dutzende Dörfer im Sindschar-Gebirge an, dem traditionellen Siedlungszentrum der Jesiden. Die Jesiden machen gerade einmal etwas mehr als ein Prozent der irakischen Bevölkerung aus. Der Kern ihrer monotheistischen Religion besteht aus der Verehrung Gottes und seiner Engel, die Dschihadisten verfemen sie trotzdem als "Teufelsanbeter" und angebliche Polytheisten, die keinerlei Rechte haben und bekämpft werden müssen. Die IS-Kämpfer trieben alle Jesiden, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, zusammen und trennten Frauen und Kinder von den Männern. Die meisten Männer wurden sofort erschossen. Bei den Jungen prüften sie das Alter, sie suchten zum Beispiel nach Achselhaaren. Die kleinsten ließen sie bei ihren Müttern, die älteren verschleppten sie in Militärlager, um sie zu Gotteskriegern auszubilden. Ähnlich gingen sie bei den Mädchen vor, allerdings mit noch schrecklicheren Folgen: Nur jene, die sie für jünger als neun Jahre hielten, ließen sie bei ihren Müttern. Alle anderen wurden in verhangenen Bussen in Sammelunterkünfte gebracht. Dann durften verdiente IS-Kämpfer sich Frauen und Mädchen als Ghanima, als Kriegsbeute, aussuchen. Die Übrigen wurden als Sabaja, als Sklavinnen, verkauft.

Der IS machte daraus nie einen Hehl: "Schon bevor wir Sindschar einnahmen, hatten Scharia-Studenten des IS den Auftrag bekommen, zu erforschen, ob Jesiden als Polytheisten behandelt werden sollen", heißt es in einem Aufsatz, der kurz danach in einem IS-Magazin erschien. Dabei sei herausgekommen, dass Jesiden, anders als Juden oder Christen, keinerlei Schutz genössen. "Ihre Frauen können versklavt werden", urteilte der IS. Man werde sie nun verkaufen.

Und genau das geschah. In Schulgebäuden, in Privatwohnungen, in ehemaligen Festsälen organisierten die Dschihadisten regelrechte Sklavenmärkte, aber auch untereinander tauschten und verkauften die IS-Kämpfer ihre Opfer. In einem Dokument aus der IS-Bürokratie, das der ZEIT vorliegt und aus dem August 2016 stammt, heißt es: "Besitzurkunde: Der Scharia-Gerichtshof in der Provinz Ninive hat an diesem Dienstag festgestellt, dass der Bruder Abu al-Subair die Sklavin Nadschma Said I. besitzt, die 20 Jahre alt ist und folgende Merkmale aufweist: honigfarbene Augen, dünn, nur 1,30 Meter groß. Der Bruder Abu Man’am war ebenfalls anwesend. Die beiden vereinbarten eine Summe von 1500 US-Dollar."